Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 96 (10.12.1894)
- Date
- 1894-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1796 aus. Er war mit einer selten schönen, vollen und ungemein klangreichen Stimme begnadet und sein Vortrag war von Innigkeit und Wärme. Wo er sich nur sehen ließ, war man hochbeglückt, wenn er sich überreden ließ, ein „Stückchen Chasonus'' hören zu lassen, und einer Überredungskunst bedurfte es schon bei ihm, um sich in einen solchen Genuß zu versetzen, denn in seiner großen Bescheidenheit wollte er nicht paradiren. Als Mensch war er von gewinnender Herzlichkeit, die allgemein anerkannte Biederkeit und Lauterkeit seines Charakters, sein ehrlicher, gerader Sinn, seine Herzensgüte, gepaart mit allzeit gleicher Liebenswürdigkeit waren die Folge, daß in seinem Hause Reich und Arm sich wohl fühlten; im Vereine mit seiner wackeren Gattin, die der Allmächtige noch lange erhalten möge, ist hier im Stillen viel des Guten geübt worden. Kein Wunder also, wenn der Verstorbene bei allen seinen Mitbürgern, jüdischen und christlichen, in hohem Ansehen stand und sich großer Beliebtheit erfreute. Zeugniß davon gab noch zuletzt die ungemein große Betheiligung bei seinem Begräbnisse, zu welchem viele Verehrer des Entschlafenen aus Nah und Fern herbetaeeilt waren. Am Grabe schilderte Herr Rabbiner Dr. Salfeld aus Ma^nz, ein langjähriger Freund der Reiß'schen Familie, mit bekannter Meisterschaft das Leben und Wirken des Verstorbenen. Möge ihm die Erde leicht sein, und möge der Allgütige seine trauernde Gattin und Kinder in ihrem Schmerze aufrichten. Berlin, 3. Dez. Das „Berl. Tagebl." schreibt: Wir haben kürzlich den Inhalt eines Cirkulars mitgetheilt. das den Lotterie-Einnehmern angeblich von Berliner „Kollegen" zugeht und die Aufforderung enthält, nicht bei Juden zu kaufen, da die Lotterie- Kollekteure dies „mit ihrem Stande" nicht vereinbaren könnten. Wir fügten unserer Mittheilung die Bemerkung bei, daß die Beamten bezw. Einnehmer der königlichen Lotterie-Direktion der Sache vollkommen fern ständen und daß es sich um die private Leistung antisemitischer Hetzer handele, die sich fälschlich als königliche Lotterie-Einnehmer aufspielten. Die „Staatsbürger-Zeitung" sah sich hierauf veranlaßt, die Frage an uns zu richten, wo eigentlich die Fälschung stecke, da es ja bekannt sei, daß sich unter den Lotterie-Einnehmern Antisemiten befänden, die das Cirkurlar zum Versandt gebracht haben könnten. Wir können nun auf das Bestimmteste versichern, daß die General-Lotterie-Direction entschieden gegen die Annahme Verwahrung einlegt,' daß die Cirkulare von Lotterie-Einnehmern zum Versandt gebracht werden. Die Lotteriedircktion ist auf Grund ihrer Personalkenntniffe vollkommen überzeugt, daß sich unter den Kollekteuren keine Persönlichkeiten befinden, die unter mißbräuchlicher Hervorhebung ihrer Beamtenqualität in der gedachten Weise gegen Mitbürger in hetzerischer Weise agitiren könnten. Sie würde, wenn sich einer ihrer Beamten — und die Lotterie-Einnehmer stehen zu der Direktion in einem amtlichen Verhältniß — zu einem solchen Treiben hergäbe, ohne Weiteres auf dem Disziplinarwege gegen ihn Vorgehen. Die „Staatsbürger-Zeizung" wird also die Behauptung, daß die Versender der Cirkulare sich fälschlich als Lotterie- Einnehmer bezeichnen, so lange als richtig gelten lassen müssen, bis sie ihre Kenntniß, daß es sich thatsächlich um solche handelt, in glaubwürdiger Weise dokumentirt. Berlin, 5. Dezember. (Reichstag). Ueber die von der konservativen Fraktion einzubrtngenden Anträge theilt die „Krcuzzeitung" mit, der Antrag gegen die Einwanderung der Juden, sowie derjenige für die Einführung des Befähigungsnachweises beim Handwerk sind noch gestern Abend etngebracht. Berlin, 6. Dez. Aus der dem Reichstage zugegangenen sogenannten Umsturzvorlage heben wir § 130 hervor. Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klaffen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegen einander öffentlich anreist, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark oder mit Gefängniß bis zu zwei Jahren bestraft. Dieselbe Strafe trifft denjenigen, welcher in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise die Religion, die Monarchie, die Ehe, die Familie oder das Eigenthum durch beschimpfende Aeußerungen öffentlich angreift. Hamburg, 27. Nov. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt heute Herr Rabbiner Dr. Rosenthal aus Rogasen den ersten der Vorträge, die der Verein in diesem Winter veranstaltet. Das vom Redner behandelte Thema lautete: Drei Räthselbücher der Menschheit (Koheleth, Hamlet, Faust). Die Grundgedanken der geistreichen und fesselnden Ausführungen lassen sich in Kürze etwa folgendermaßen zusammenfaffen. Der Vortragende zeigte, wie weniger Hiob, als vielmehr Kohelet dem Faust und dem Hamlet geistesverwandt sei. Alle drei sind sie unzufrieden mit dem Erfolge ihrer Forschungen nach dem Räthsel des Daseins. Alle preisen sie das Glück des Thoren, der in Gedankenlosigkeit den Augenblick genießt; sie beklagen die Vergänglichkeit alles Irdischen und die Verkehrtheiten der Menschheit. Dann aber kehrt sich das Blatt; sie geben übereinstimmend im Gegensatz zum Grübeln die That als das beglückende im Leben an, und als Kreise menschlicher Thätigkeit gelten ihnen die Familie, die GlaubenSgenossenschast, der Staat