Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 95 (6.12.1894)
- Date
- 1894-12-06
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1T90 Mer Mt UmlulMS der jild. NelIM»»rlehrer von E. Out, Mittelschullehrer in Köln. Köln, den 30. März 1894. Sehr geehrter Herr College! Schon längst trage ich mich mit dem Gedanken, quäle mich mit der Frage: Warum giebt es für den jüdischen Religtonslehrer keine Vereinigung, keine Stelle, wo er sich Rath und Auskunft holen kann, keine Einrichtung, die es erstrebt, unserem Stande, unseren College» dazu zu verhelfen, daß ste alle ein standesgemäßes, menschenwürdiges Dasein führen können? Betrachten wir einmal die meisten anderen Berufsstände, wie ste alle freudig zusammenarbeiten an der Fortbildung und Hebung ihres Standes, wie ste, da der Einzelne nichts vermag, Vereine gründen, Gesellschaften bilden, in denen die älteren Kräfte gerne und freudig die jüngeren unterstützen und belehren, und diese sich an jenen emporranken, und wie die Gesammtheit für das Wohl und Wehe des Einzelnen eintritt. Ist dies in den meisten anderen Berufsarten der Fall, dann ist es umsomehr nöthig, daß derjenige Stand, von dem das Heil der zukünftigen Generation abhängt, diesem Beispiel folge, ich meine den Lehrerstand und zwar den der Volksschullehrer. Der heutige Volksschullehrer hat im Vergleich mit dem der Vergangenheit eine verhältnißmäßig günstige Stellung, hingegen ist der Zustand und die Zukunft des heutigen jüdischen Reltgionslehrers wahrhaft traurig, und ich glaube, daß e8 unmöglich so weiter gehen kann und darf. Sehen wir uns die Sache einmal genauer an und überlegen dann, ob es nicht Mittel und Wege giebt, Aenderung zu schaffen und in ein anderes System etnzutreten. Die jungen Lehrer verlassen meistens in einem Alter von 20 Jahren das Seminar, ausgerüstet mit einer schönen Summe von Kenntnissen, versehen mit dem Befähigungsschetn zur prov. Verwaltung eines Schulamtes und mit dem guten Willen und festen Vorsatze, ein eifriger Bildner der Jugend, ein treuer Bekehrer und Berather der Gemeinde zu werden. Nun handelt es sich darum, eine passende Stelle zu finden. Daß manchmal Stellen für 600 — 800 M. ausgeschrieben sind, ist eine traurige Erscheinung, daß aber ein Lehrer, der bis zum 20. Jahre studiert und sein Examen mit Erfolg bestanden hat, sich zu einer derartigen Stelle meldet, ist eine noch traurigere, jämmerliche Thatsache.*) *) Weiß der Herr Verf. nicht, daß das noch gute Stellen find, daß solche mit 3—400 Mark Gehalt ausgeschrieben werden — und auch Bewerber finden? Red d. Bl. s. d. isr. Sch. Welcher 19jährige Commis, der eben aus der Lehre getreten ist, ließe sich ein derartiges Gehalt anbieten? — Doch davon später! Der junge Lehrer hat nun glücklich eine Stelle erhalten und ist von jetzt an ganz allein auf sich, auf seinen guten Willen angewiesen. Niemand ist da, der sich um ihn und seine Schule kümmert, niemand, dem er seine Wünsche und Fragen vorlegen kann, niemand, der dafür sorgt, daß das richtige Pensum auch in der richtigen Weise durchgearbeitet wird, aber auch niemand, der die guten Leistungen des Lehrers anerkennt. Es ist gar kein Wunder, daß infolgedessen selbst der idealste und freudigste Arbeiter im Dienste der Schule bald ermattet und sich für sein hohes und heiliges Amt nicht mehr begeistert. Diese traurigen Uebelstände lassen sich natürlich nicht auf einmal, nickt von einem Manne und gewiß nicht von fremden Leuten fortschaffen, sondern help yourself, Selbsthülfe in besonnener, aber regsamer Zusammenwirkung thut uns noth. Wir brauchen ja nur einen Blick auf die Außenwelt zu werfen und wir sehen, daß alle anderen Berufs stände, denen es meistens viel besser als uns geht, und welche bet Weitem nicht solch edle, hohe Ziele verfolgen, als der Stand des Religionslchrers, zusammentreten und berathen, wie sie ihrem Berufe fort- und weiterhelfen, wie sie das schöne Wort bewahrheiten: „Nur aus der Kräfte schön vereintem Streben Erhebt sich wirkend erst das wahre Leben." „Immer strebe zum Ganzen und kannst Du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich ank" „Kein Meister soll ein Leicht-gut-genug- oder ein Stümper sein, am wenigsten aber der Schulmeister." So rufe ich auch Ihnen, v. Coll. zu: «nnan in »mn»D in. Für uns gilbt es kein anderes Mittel zur Erhaltung unserer Existenz, als die treue Zusammenwirkung aller Collegen eines Bezirkes, damit die jüngeren, strebsamen Elemente Belehrung und Rath bei den erfahrenen älteren Kräften finden, damit wir von Zeit zu Zeit zusammen berathen und überlegen, wie unserem Stande das Dasein bereitet wird, das er erhalten muß; wie wir die israelitische Jugend aus dem sichersten und schnellsten Wege dazu bringen, die schweren Kämpfe des Lebens aufzunehmen und unseren Glaubensgenossen Achtung und Frieden zu verschaffen. Dies ist nur ein kleiner Thetl der Aufgaben, die unser harren. Ich halte mich für viel zu gering, das Richtige selbst zu finden und das Mitleid mit vielen unserer Collegen, die ein bedauernswerlhes Leben fristen, hat mir die Feder in die Hand ge-