Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 95 (6.12.1894)
- Date
- 1894-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die letzte Sonntagsnummer der „Schlesischen Zeitung" bringt unter der Überschrift: „Der Kamps des Judenthums gegen das Deutschthum" einen Leitartikel, der sich mit der Behauptung des Antisemitismus beschäftigt, „daß ein Kamps des Judenthums um die Weltherrschaft statlfinde, daß die Juden zielbewußt danach streben, alle anderen Nationen und vor Allem die modernen Kulturvölker ihrer Herrschaft zu unterwerfen". Die „Schlesische Zeitung" glaubt in der Lage zu sein, die Wahrheit dieser von der „demokratischen" Presse entschieden abgeleugneten Behauptung beweisen zu können. Als einzige Unterlage für ihre Beweisführung dient ihr eine Nummer der „Israelitischen Wochenschrift Jrschurun." Diese Nummer enthält nach der Angabe der „Schles. Zeitung" einen Artikel eines Dr. Guttmann, der übrigens mit dem Unterzeichneten Rabbiner der hiesigen Synagogen-Gemeinde nicht identisch ist, und einen des Dr. Elsaß aus Landsberg a. W., in denen das Strebendes Judenthums nach der Weltherrschaft zum Ausdruck gelangen soll- Ich kann die Richtigkeit dieser Behauptung nicht prüfen, da mir die betreffende Nummer der genannten Zeitschrift nicht vorliegt, fühle auch n'cht im Mindesten den Beruf dazu, für jede Abgeschmacktheit, die irgendwo gedruckt wird, die Verantwortung zu übernehmen. Um aber ihren an das erwähnte Blatt geknüpften Ausführungen ein größeres Gewicht zu geben, schreibt die „Schlesische Zedung" : „Der Jeschurun ist geradezu eine Art religiösen und nationalen Centralorgans, mindestens für die deutsche Judenschaft." Woher hat die „Schles. Zeitung" diese Kenntniß geschöpft? Ich habe mit Ausnahme der Probenummer, die mir zugesandt wurde, den „Jeschurun" niemals zu Gesicht bekommen, und weiß nur so viel, daß dieses Blatt, von einem früheren Kantor und Kultusbeamten einer kleinen jüdischen Gemeinde herausgegeben, für die jüdische Publicistik völlig bedeutungslos ist. Die hiesige Synagogen-Gemeinde ist die zweitgrößte im Deutschen Reich. Ich glaube, Grund zu haben, daran zweifeln zu dürfen, ob das Blatt in der hiesigen Gemeinde auch nur einen einzigen Abonnenten hat. Da die „Schlesische Zeitung", wie sie am Schluß ihres Leitartikels bemerkt, sich die Ausgabe gestellt hat, „der Haltung d^eser unserem Volksihum feindlichen Kreise eine fortgesetzte Aufmerksamkeit und Beachtung zu schenken", so mag sie in unserer Stadt die einzige Abonnentin des „Jeschurun" sein. Dr. Guttmann, Rabbiner der Synagogen-Gemeinde. Diese Lektion dürfte dem Blatt für die Zeit, während welcher es noch existirt, genügen. Berlin. Antisemitische Blätter berichten, daß in einer Versammlung der rheinischen Schlachthaus- Thierärzte von 6. v. M. einstimmig die Erklärung adaeaeben worden sei, daß man das Schächten more judaico als eine thierquälerische Handlung ansehen müsse. Diese Erklärung sei von dem Schlachthaus Thicrarzt Frtedcmann (Neuwied) begründet worden, der berichtete, daß er in seinem Schlachtbofe, wo sehr viele Thiere geschächtet wurden. häufig die Cornea-Reaction geprüft und gefunden habe, daß sie erst nach 3^ Minuten aushöre. Derselbe Herr Friedemann (Neuwied) theilte mit, daß ihm von jüdischer Seite für ein günstiges Gutachten in Betreff des Schächtens zweihundert Mark in Aussicht gestellt seien; ein Gleiches sei auch noch von anderen Thierärzten bestätigt worden. Dazu bemerkt der „Berliner Börsen Courier": „Wir nehmen zunächst an, daß der Bericht der antisemitischen Blätter falsch ist. Unter allen Umständen ist es der Wahrheit widersprechend, daß den Herren Frtedcmann (Neuwied) und Genossen für ein günstiges Gutachten in Betrkff des Schächtens von jüdischer Seite zweihundert Mark oder eine Belohnung in Aussicht gestellt sind." Ein direkter Bericht, ob eine Versammlung rheinischer Schlachthaus Thierärzte überhaupt auch nur stattgefunden und sich mit dem Schächten befaßt hat, liegt uns nicht vor; daß er nicht einstimmig gefaßt sein kann, ergibt sich schon daraus, daß unter den Hunderten von Gutachten zu Gunsten des Schächtens auch rheinische Thierärzte vertreten sind. Da die Thterärzte, welche sich gegen das Schächten aussprechen sollten, damit in Widerspruch mit ihren Lehrern, den Professoren der Tbierarznetschulen, treten würden, so scheint eine solche Stellungsnahme in der That nicht wohl denkbar. Soll die wissenschaftliche Ansicht der Fachmänner für die Schächtangelegenheit entscheidend sein, so ist die Sache bereits entschieden und eine Anzahl Thterärzte, die eine gegensätzliche Stellung einnehmen sollen, würde diese Entscheidung nicht beeinträchtigen. Wir wollen nur auf einen Schwindel aufmerksam machen, von dem wir wissen, daß er bei der Feststellung der Cornea-Reaktion thatsächlich vorgekommen ist, und der tagtäglich bei diesem Experiment sich wiederholen kann, wenn man den Expcrimentireuden nicht aus die Finger schaut. Unter Cornea Reaktion versteht man die Feststellung des Empfindungsvermögens, welches die Hornhaut des Auges nach dem Schächtschnitt noch hat. Man macht nach dem Schächtschnitt unmittelbar vor dem Auge des geschachteten Thieres Bewegungen, Drohungen u. dgl. Gewahrt man, daß das Auge dafür empfindlich ist, so schließt man, daß auch nach vollzogenem Halsschnitt das Empfindungsvermögen noch vorhanden ist. Nun haben die Vertheidiger des Schächtens festgestellt, daß wenige Sekunden nach der durch den Halsschnitt erfolgten Verblutung das Empfindungsvermögen des Auges aufhört, während andere es noch Minuten lang constattrt haben. Wie ist dieser Widerspruch möglich? Wenn man das Empfindungsvermögen des Auges fcststellen will, so darf dasselbe niemals berührt werden. Wenn wir in normalem Zustand die Hand, einen Stock u. dgl. plötzlich vor das Auge eines Menschen oder Thieres halten, so schließt sich dasselbe unwillkürlich, um sich gegen den gefürchteten Eingriff zu schützen. Ein Thier, das auf eine solche Bewegung reagirt, besitzt noch Wahrnehmungs und Empfindungsvermögen, welches aber 2—3 Sekunden nach dem Halsfchnttt erlischt.