Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1894)
- Date
- 1894-12-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1757 ZeitttrrgSuachrichterr mtb Correfpoudenzeu. Deutschland. Berlin. Die „Kons. Korr.", also das offizielle Organ derLKonservativen. schließt sich dem Bunde der) Landwirthe in dem Verlangen nach Ausweisung russischer Getrcidehändler an; sie schreibt: Russische Getreidehändler, — durchweg jüdischer Konfession — sind aus den Ostprovinzen in der letzten Zeit mit vollem Rechte mehrfach ausgewiesen worden. xDarüber^beabstchtigen die kaufmännischen Korporationen^ der- Ostseestädte sich bei der Regierung zu beschweren. Um diesen Schritten zu begegnen, hat die ostpreußische Provinzialabtheilung des „Bundes der Landwirthe" eine Eingabe an den Landwirthschaftsminister gerichtet, in der ersucht wird, diese russisch-jüdischen Händler grundsätzlich sammtlich auszuweisen. Der Ankauf von Getreide in Rußland liegt nämlich vorwiegend in den Händen dieser Handelsleute. Die russischen^.Grundbesitzer sind ihnen vielfach stark verschuldet und müssen ihnen ihre Produkte zu Schleuderpreisen überlassen. Daß eine solche Konkurrenz, die durch den heimischen Handel aus egoistischen Interessen auch noch unterstützt und deren Förderung von Staatswegen durch die deutsche Kaufmannschaft gewünscht wird, eine große Gefahr für unsere Landwirthschaft bildet, ist klar. Es wird darum zu erwarten sein, daß das Bittgesuch der ostpreußischen Landwirthe. baldigst'und volle Gewährung finde. Die Konservativen verlangen damit die Einführung eines neuen Grundsatzes in unsere Verkehrsbeziehungen mit dem Auslande. Sie wollen Ausländer ausgewiesen wissen, sobald sie den Jnländerr^Konkurrenz machen. Man braucht nur auf die zahlreichen Deutschen im Auslande hinzuweisen, um^das Absurde und Frivole eines solchen Verlangens in das rechte Licht zu setzen. Selbstverständlich ist es auch eine konservativ-agrarische Verleumdung, daß die deutsche Kaufmannschaft eine staatliche Förderung ausländischer Geschäftsleute verlange. ^Ansinnen an die nährende Staatskrippe hat die Kaufmannschaft noch immer stolz den Agrariern überlassen. Berlin, 28. Nov. In der „Kreuzzeitung" war vor Kurzem behauptet worden, daß der Bterboykott dazu bestimmt gewesen sei, jüdischen Kapitalisten zu einem Geschäftchen zu verhelfen. Insbesondere war auf das Steigen der Aktien des Münchener Brauhauses Bezug genommen und der Name des Abg. Singer in diesem Zusammenhänge erwähnt worden. Wie nunmehr Herr Singer im „Vorwärts" mitthetlt, hat er am 27. d. M. seinen Rechtsbeistand beauftragt, gegen den Chefredakteur der „Kreuzztg.", Frhrn. von Hammerstein die Verleumdungsklage etnzuletten. — Ratibor, 29. November. Ueber „alte Religionen und moderne Moral" sprach gestern Abend Rabbiner Dr. Blumenthal im „Prinz von Preußen" zu Gunsten des jüdischen Armenvereins in einem öffentlichen Vortrage vor einem zahlreichen Auditorium. Der Redner zeichnete' wie der „Oberschlestsche Anzeiger" berichtet, in scharfen Strichen ein Bild von dem politischen, gesellschaftlichen und literarischen Leben der Gegenwart und geißelte die „moderne Moral", welche den „alten Religionen" den Krieg erklärt, im Staat die Achtung vor der gesetzlichen Autorität untergräbt, in der Gesellschaft die Maske der Heuchelet trägt, im Geschäftsleben nach dem Golde jagt, in der Familie die Sittenreinheit vernichtet und auf der Bühne die edlen Vorbilder klassischen Geistes stürzt. Noch seien die alten Religionen die ewig jungen Bergcsguellen, aus denen Wahrheit und Klarheit durch die Jahrtausende rauscht, aus denen heute noch die glücklichen Menschen ihre Kraft, die Müden und Beladenen ihren Trost schöpfen »können. Nachdem der Redner di< Religionen des Alterthums kurz gemustert, verweilte er bet der christlichen und jüdischen Sittenlebre im Gegensatz zur modernen Moral. Beide Religionen beruhen auf dem Glauben an den einen Gott und an die ewige Liebe. Der Redner entrollte, immer unter Hinweis auf die moderne Moral, die Sittenlehre der Evangelien und des Talmuds in Staat und Familie, im Handel und Wandel, in Gesellschaft und Verkehr und wies an Dutzenden fast wörtlich übereinstimmender Sätze nach, daß sich die christliche und jüdische Sittenlehre in nichts von einander unterscheiden. Das sei natürlich, da die Verkünder der christlichen Religion und die Lehrer des von blöder Unwissenheit m't Unrecht verlästerten Talmuds auf der gemeinsamen sittlichen Grundlage der Heiligen Schrift weiterbanten. Die Rede, welche in warmen Worten zur Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit und Vaterlandstreue aufforderte, klang in die Mahnung aus, die moderne Moral in den alten Religionen zu suchen. Unter rauschenden Beifall schloß der Redner mit dem Worte der Antigone: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!" Der finanzielle Ertrag des Abends war ein recht bedeutender. O e ft e r r.- U n g a r. Monarchie. -T. Szegedin im November. Am vergangenen Versöhnungstage gab es im hiesigen Comitatsgefängnisse in dem circa fünfzig Israeliten ihre verschiedenen Kerkerftrafen abbüßen, eine kleine Schlacht. Die israelitischen Häftlinge forderten nämlich, daß man ihnen erlaube, ihre Andacht zusammen zu verrichten, was sich doch schöner und feierlicher ausnehme. Der Kerkermeister berief sich jedoch auf die Gefängnißordnung, welche vorschreibt, daß mehr als zehn Sträflinge nicht beisammen sein dürfen. Da .Letzere jedoch sich nicht trennen lassen wollten, so wurde Polizeiwache