Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1894)
- Date
- 1894-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1756 danken hat, einer kräftigen und energischen Theilnähme am öffentlichen religiösen Leben weichen wird. Diejenige», in deren Herzen die Liebe zum Judenthum noch nicht erkaltet ist, nehmen mit Schrecken wahr, daß die Jugend sich dem Einflüsse der Religion fast gänzlich entzieht und daß der ihr im Kindesaller ertheilte Religionsunterricht nicht genügt, ihr weihevolle Eindrücke und Erinnerungen auf ihre Lebensbahn mitzugeben." Als Beweis für die Berechtigung zu diesen guten Aussichten wird aufWestphalen verwiesen, auf den dort gegründeten Reform-Verein und das neue Gebetbuch. Herr Dr. Vogelstetn hätte noch als Beweis, daß gerade in Westphalen, der im Kkndesalter ertheilte jüdische Religionsunterricht als wenig genügend empfunden wird, darauf Hinweisen können, wie dort jüdische Schulkinder ihre Kenntnisse aus einem nur für katholische Volksschulen bestimmten Lesebuch schöpfen, in dessen Gedichten die Heiligen und die Feste der katholischen Kirche gefeiert, und die Angelegenheiten der Kirchen und Klöster in erster Reihe behandelt werden! Das ist das Land, wo die Vogelstein'schen Zadikim blühen! Das Ganze schließt mit einem Akkord stegessicher angestrichener Zukunftsmusik, die mit der trübseligen Stimmung des ganzen Klageliedes denn doch gar zu wunderlich contrastirt. „Als ein Zeichen des erwachenden religiösen Lebens darf auch die von dem Verbände der Synagogengemeinden Westfalens beschlossene und dem Schreiber dieser Zeilen übertragene Herausgabe eines Reformgebetbuches freudig begrüßt werden, und das lebhafte Interesse, das in allen Theilen Deutschlands diesem Werke entgegengebracht wird, berechtigt zu der Hoffnung, daß die religiöse Reform, deren Nothwendigkeit allgemach von den Gemeinden selbst begriffen wird, sich diesmal in ihrem Stegeslaufe nicht aufhalten lassen werde." Wir gönnen der von der Orthodoxie fast kampflos besiegten Reform neidlos diesen ihren Siegeslauf! Die große, unreife Welt wird diese Sorte religiöse Reform und ihre Rufer im Streit auch in Zukunft ruhig laufen lassen, so lange ihr bischen Athem noch ausreicht. Z>ie Vorgänge in Traunstein. Aus Bayern, 28. Rov. In Traunstein hat sich ein Verein gegen unlauteren Wettbewerb gebildet. In den Statuten heißt es, kein Mitglied dürfe einen Juden in sein Haus aufnehmrn, noch an einen Juden ein Haus oder Grundstück verkaufen. Der Verein verfolgt also in der Hauptsache antisemitische Tendenzen. Traunstein war bekanntlich vor einiger Zeit schon der Schauplatz der „Antisemiten der That". Vor einigen Monaten wurde dort eine mit Pulver geladene Blechröhre in ein Haus gelegt und zur Explosion gebracht, um den Hausbesitzer durch Einschüchterung zu veranlassen, die Vermiethung eines Ladens an einen israelitischen Kaufmann rückgängig zu machen. München, 29 Rov. Aus Traunstein wird gemeldet: „Gestern war eine antisemitische Versammlung darüber, wie man am schnellsten die Juden hinausbringen könnte. Später fand eine Explosion vor der Ladenthüre und dem Schaufenster eines Israeliten statt, die großen Schaden anrtchtete." Traunstein, 30. Rov. Zu dem gemeldeten antisemitischen Attentat wird weiter berichtet: In Traunstein wohnt ein einziger israelitischer Kaufmann Namens Georg Barasch (Josef Rieder Bazar Nachfolger). Vor einigen Monaten wurde ein Pulverattentat auf seine Wohnung verübt. Später folgte ein vereiteltes Attentat, das seinem Leben gegolten zu haben scheint. Das vorgestrige ist das dritte. Jedesmal ging eine antisemitische Versammlung voraus. Das vorgestrige Attentat scheint mit Dynamit verübt worden zu sein. Der Rolladen der Eingangsthüre zum Laden sowie die Thürpfosten waren herausgerissen und lagen theils auf der etwa 18 Meter breiten Straße, theils hingen sie in den Bäumen des gegenüberliegenden Gartens. Ein Schaufenster war zertrümmert, ein Theil der Maaren angesengt. Im andern Schaufenster waren die Glaswaaren durcheinander geworfen. Der Schaden beträgt etwa 600 Mark. Es ist, wie man uns mittheilt, die ausgesprochene Absicht der antisemitischen „Helden", Herrn Barasch, welcher der einzige israelitische Kaufmann in Traunstein sein soll, aus der Stadt hinauszuekeln und die Antisemiten sind in ihrem verabscheuungswürdtgen Treiben so brutal, daß angesehene Damen Herrn Barasch dringend baten, Niemanden zu sagen, daß sie seine Kunden seien. Männer, deren Frauen beiBarasch einkausen, haben Drohbriefe bekommen! Der Kaufmann erhielt zahlreiche Sympathie-Kundgebungen. Heute Nacht hatte er auf eigene Kosten zwei Wächter aufgestellt. Vor einiger Zeit wollte sich ein zweiter israelitischer Kaufmann in Traunstein etabliren; er hatte bereits einen Laden gemiethet. Die Vermietherin erhieit jedoch Drohbriefe und verweigerte darauf die Abgabe des Ladens an den Miether. Dieser klagte und die Frau erhielt Recht, da ihr Leben bedroht sei, wenn sie den Vertrag erfüllen würde.