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Der Israelit · 1894-12-03 · Heft 94 (3.12.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 94 (3.12.1894)
Date
1894-12-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Mit diesen Worten Eröffnet im Jahre 1839 Herr Dr. M. Heß, Landrabbiner zn Stadt-Lengsfeld sein Monatsblatt „der Erzähler". So lauteten die Ttraden in den Reformzeitunaen durchweg, als es sich darum handelte, die Massen für die neue Religion zu ködern. Aber wenn dem Fuchs die Trauben zu hoch hängen, so giebt er sie für sauer d. h. unreif aus. Wie hoch muß die jüdische Volksmasse über Herrn Dr. Vogelstein stehen, wenn er sie als unreif verlästert! Auch die Klage über den „Mangel an Idealismus" ist im Munde der Religtonsgenoffen des Herrn Vogelftein ganz neuen Datums. Bisher hat man bei denselben von diesem Mangel unserer Zeit nicht nur nichts gewußt, sondern man wußte sogar das Gegentheil. Die Zeit war ja die allmächtige Göttin, der sich alles beugen mußte. Mit der Zeit zu gehen, dem Geist der Zeit Rechnung zu tragen, und gar auf der Höhe der Zeit zu stehen, Nttrvß -pw mwn n'h it das war ja die ganze Thora der Reform und alles andere nur eitel Beiwerk. Und jetzt entdeckt ein Anbeter der Zeit, daß sie keinen Idealismus habe! Wenn so etwas ein Orthodoxer entdeckt hätte! Wir wollen darüber jedoch mit dem Entdecker nicht rechten. Vielleicht ist dieser Mangel in seinem Kreise, bei seinen Gesinnungsgenoffen wirklich vorhanden, bet uns, bei den bösen Orthodoxen ist dies G. s. D. nicht der Fall. Der Idealismus äußert sich in dem Einsetzen aller realen, materiellen Güter für Aufrechterhaltung und Verwirklichung einer Idee, eines höheren Gedankens. Der orthodoxe Jude, der sein Geschäft am Sabbat und Feiertage schließt, der auf seinen materiellen Erwerb an diesen Tagen verzichtet, um mit diesem Verzicht Gott als Herrn der Welt anzuerkennen, besitzt Idealismus. Wenn er auf der Reise lieber hungert oder sich mit ungenügender Kost begnügt, als die Gesetze seines Gottes über Speis' und Trank zu übertreten, so handelt er als Idealist. Wenn er seine Kinder nicht nur im Lesen, Schreiben, Rechnen und wie die Disciplinen alle heißen, unterrichten läßt, mit welchen das Kind einst sein Brod verdienen soll, wenn sie auch die heilige Sprache der Thora und dann diese selbst lernen läßt, wenn er sein Kind erzieht w2iv rmn!>, obwohl sich damit kein Geld verdienen läßt, obwohl die Erfüllung dieser Pflichten fort und fort Opfer an Gut und Blut, an Ruhe und Behagen fordern, so ist es der unverwüstliche Idealismus, der den orthodoxen Juden diese Opfer alle so selbstverständlich und freudigen Herzens bringen läßt, daß sie für ihn aufhören Opfer zu sein. — Wenn religiöse Unduldsamkeit in den jüngsten Jahren tausende von Brüdern und Schwestern aus ihrem Heim verjagt und sie in's Exil gewiesen hat, weil sie sich lieber für das Elend der Verbannung als für das Taufbecken entschieden, so sind diese durch ihr Elend Geadelten so herrliche Triumphe deS Idealismus, daß es unbegreiflich ist, wie man im Hinblick auf unsere Zeit bei uns Juden von einem Mangel an Idealismus reden kann! Es sind freilich zumeist orthodoxe, russische Juden, aber das Mitgefühl, die thatkräftige Thetlnahme und Unterstützung, welche die Unglücklichen bet uns deutschen Juden überall fanden und finden, ist auch ein gutes Stück Idealismus, das man nicht so leichthin mit einem Federstrich in Abrede stellen kann, um a tout prix sein Steckenpferd zu reiten! Ueber die übrigen Momente, welche Herr Vogelstein noch aufzählt, können wir kurz hinweg gehen. — Punkt V. gipfelt in dem bereits gewürdigten Geständniß, daß die Orthodoxie die Reform fast kampflos besiegt hat. Das Lasker'sche Austrittsgesetz hat den Juden dasselbe Recht eingeraumt, dessen sich die Christen längst erfreuten. Wenn ein Panegyriker der Reform nun wirklich zugesteht, gleiches Recht für alle bereitet seiner Religion den Untergang, sie könne sich nur halten, wenn man religiöse Bedenken bet Juden nicht anerkenne — so ist die ganze Mache in den Augen eines jeden redlichen Menschen gerichtet, welcher religiösen Richtung er auch angehöre. Was füglich unter 7. und 8. über die Rabbinerwahlen und die Rabbiner gesagt wird, hat seine Erledigung schon in den früheren Punkten gefunden. Nachdem Herr Dr. Vogelftein die Gleichgiltigkeit gegen die Religion bei seinen Freisinnigen constatirt hat, so ist ihre lauere Betheiligung an den Rabbinerwahlen nur eine Bekundung dieser Gleichgiltigkeit. Nachdem ferner in Punkt 2 — constatirt ist, daß die Ei sinder des Reformjudenthumes sich vom Kampfplatze zurückgezogen haben, so wird selbstverständlich kein Nachwuchs von Rabbtnen sich für diesen verlorenen Posten begeistern. Quod erat demonstrandum. Es gehört zum Stück, daß auch ein Klagelied nicht so verzweifelt trübselig schließt, wie es begonnen hat. D^s unsrige sucht sich für den Bankrott in der Gegenwart durch einen Ausblick auf die Zukunft zu trösten. „Wäre das Schicksal der Reform von den Rabbinern abhängig, so müßten wir ihre Aussichten für die Zukunft als sehr trübe bezeichnen. Zum Glücke aber haben die Gemeinden in allerjüngster Zeit wieder angefangen, sich ihrer Pflicht zu erinnern und es gewinnt immer mehr den Anschein, daß die Lässigkeit der vorgeschrittenen Juden, der die Orthodoxie ihre Erstarkung zum großen Theile zu

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