Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-12-03 · Heft 94 (3.12.1894) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 94 (3.12.1894)
Date
1894-12-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448497--39726-2487889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1754 reich hervorging. Einst erklärte der Pfarrer seinem Gegner, er sei von seiner Schlagfertigkeit so überzeugt, daß er glaube, der Rabbi vermöchte alles zu vertheidigen und zu rechtfertigen und bat ihn, sie möchten einmal die Rollen wechseln. Er, der Pfarrer wollte gegen seine eigene Religion auftreten und der Rabbi solle die Vertheidtgung übernehmen. Rabbi Jonathan erklärte sich bereit und bat seinen Partner sofort zu beginnen. Dieser griff nun aus allen Bedenken und Einwänden, die je gegen seine Religion erhoben wurden, diejenigen heraus, deren Widerlegung ihm am schwierigsten schien, und wartete nun gespannt auf die Widerlegung seines Gegners. Dieser aber sagte: „Verehrter Freund, so trefflich habe ich Euch noch nie reden hören, ich beuge mich vor Ihrer Gelehrsamkeit und Beredsamkeit und muß mich diesmal für besiegt erklären, da ich wirklich auf Ihre Bemerkungen nichts Stichhaltiges zu antworten weiß." So etwa möchten wir Herrn Dr. Vogelstekn antworten und ihm unsere lebhafte Befriedigung darüber aussvrechen, daß wir einmal vollständig einig gehen. Wir wünschen dem Reformjudenthum noch recht viele solcher Anwälte. Das hat ihm noch gefehlt und diese Miere hätte Herr Dr. Bogelstetn noch als letztes Motiv für den unaufhaltbaren Niedergang seiner Sache anfügen können. Also, die böse Orthodoxie behauptet, die Reform habe sich überlebt, und sagt sie todt. Herr Dr. Vogelstein sagt: Mit Nichten l Sie lebt? — Das ist schon bedenklich. Todtenscheine stellt man aus, aber Lebensscheine? Was muß das für ein Leben sein, das erst bescheinigt und bewiesen werden muß, wenn man daran glauben soll? Die Orthodoxen erklären das Reformjudenthum für bankerott, für überwunden und besiegt und Herr Dr. Vogelstein hält dem ein kategorisches: Mit Nichten! entgegen, führt aber in demselben Athemzug acht Momente an, die den Untergang veranlaßt haben, und sagt unter; anderem wortwörtlich: „Die Gleichgültigkeit gegen die „Religion im fortschrittlichen Lager, „die geringschätzige Beurtheilung der „religiösen Einrichtungen und Hilfs- „mittel und das Verzweifeln an ihrer „Verbesserungsfähigkeit haben der „Orthodoxie fastkampflos den Sieg „v er schafft." Wenn Herr Dr. Vogelstein selber sagt, daß die Orthodoxie fast kampflos den Sieg über die Reform davon getragen hat, was bliebe uns dann auch noch zu sagen übrig? >>rr ,njn vby tj/o Dmmn& noy nmby .n»p rojdv mb. Weh' dem Teige, von dem der Bäcker selber sagt, daß er schlecht ist! Weht der Reform, deren eigener Anwalt sie als besieg' erklärt? — Wenn die Reform wirklich noch nicht ganz abgestorben sein sollte, so versetzen ihr solche Geständnisse ihrer Vertheidiger noch den Gnadenstoß. Und als ob das Geständniß noch nicht genügte, werden hier alle Faktoren aufgeführt, die mit dieser Modereligion auf gespanntem Fuße stehen. Wenn hier erstens das Reformjudenthum eine fortschrittliche Bewegung genannt wird, auf welche stets eine Gegenströmung, also ein Rückschritt erfolgt, so haben wir unsererseits nichts gegen den Geschmack einzuwenden, mit welchem uns Herr Dr. Vogelstein seine Religion unter dem Bilde der Echternacher Sprungprocesston vorführt. Wir waren, als das volle Vorwärtstreiben noch en voquetoar, schon ,*/ fest von der Reaction überzeugt, die 'darauf folgen mußte. Daß sie endlich „fast mit Naturnothwendigkett" eingetreten ist, aus dem Munde des Herrn Dr. Vogelstein zu hören, ist uns besonders werthvoll. Daß aber zweitens das Sichzurückziehen der fortschrittlich gesinnten Rabbiner den Niedergang der Religion verschuldet hat, deren Gevatter und Taufpathen sie waren, möchten wir bezweifeln. Wir glauben umgekehrt, daß das Fiasko der Reform für den Rückzug ihrer Macher maßgebend war. Das Schiff sinkt nicht, weil die Ratten es verlaffen, sondern die Ratten verlaffen das Schiff, wenn sie instinktiv sein Sinken ahnen. Wenn drittens das Pech der Reform durch die Unreife des Volkes plausibel gemacht werden soll, oder wie es hier wörtlich heißt: „Die große Maffe des Volkes hatte überhaupt noch wenig Verständniß für die Tragweite und Bedeutung der Reformbewegung", so haben wir unsererseits auch dagegen nichts einzuwenden. Unser Klagelied denkt hier ohne Zweilfel an eine Reife, die wie bei den Früchten den Abfall zur Folge hat. Vor dieser Reife möge der Hüter Israels sein Volk wie bisher so auch für alle Zukunft gnädiglich schützen. — Aber es darf nicht verschwiegen werden, daß die Wortführer der Reform über das geringe Verständniß der Volksmasse nicht immer so geringschätzig dachten. Wenn man 40, 50 Jahren zurück in den Zeitungen des Abfalls blättert, stößt man auf ganz andere Urtheile. „So viel Bewegung, ein solches reges Treiben und Fortschreiten nach dem Besseren, war noch nie in Israel, als jetzt. Nie war der Gedanke, daß Edleres, Besseres, Vollkommeneres, in Lehre und Cultus erstrebt werden müsse, so allgemein, so mächtig wirkend, als jetzt. Selbst die Alt- und Strengläubtgen haben seiner Wirkung sich nicht verschließen können", u. s. w.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.