Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 93 (29.11.1894)
- Date
- 1894-11-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1743 Ungehörigkeit. Nach einer längeren Debatte wurde der Beschluß gefaßt, den Akt dem Landesschulrathe mit demErsuche vorzulegen, dahin zu wirken, daß in Hinkunft solche Fälle nicht mehr Vorkommen. Rußland. Tchernigof. Nach den staatlichen Schulen kommen nun auch die städtischen Anstalten und nehmen sich heraus, die Aufnahmezahl für jüdische Zöglinge auf 10 pCt. zu beschränken. Es steht fest, daß der Erlaß des Unterrtchtsministers nur die Aufnahme jüdischer Zöglinge in den höheren und Sekundärschulen des Staates im Auge hatte. Der Erlaß erwähnt mit keiner Silbe weder die staatlichen Elementarschulen noch die städtischen Schulen, deren Lehrplan die Mitte einnimmt zwischen den Elementar- und Sekundärschulen. Trotzdem hat das Schöffen-Kollegium unserer Stadt beschlossen, nur 10 pCt. jüdischer Zöglinge in den städtischen Schulen aufzunehmen! Es darf nicht vergessen werden, daß gerade hier die Juden 50 pCt. der Bevölkerung ausmachen, daß sie folglich die Hälfte der städtischen Steuern tragen und daß unsere Tchernigofer Schulen auf Veranlassung und Drängen der Juden, die seinerzeit zum Municipaltrat und Schöffenkollegium achörten, gegründet wurden. (K) Tiflis im Kaukasus, 19. Nov. Während der vergangenen Festtage weilten einige seltene Gäste in unserer Mitte. Es waren dies einige Abgesandte unserer Glaubensbrüder in Sibirien, von denen bekanntlich nun diejenigen, die längs der chinesischen Grenze wohnen, ihre bisherigen Heimstätten verlassen müssen, um sich anderswo anznstedeln. Viele dieser Unglücklichen beabsichtigen nun, Rußland gänzlich zu verlassen, um sich entweder in den Vereinigten Staaten oder Canada, oder in Argentinien anzusiedeln. Deren Vorhut ist nun hier eingetroffen, und begaben sie sich dann nach Odessa, wo sie sich nach der neuen Welt einschiffen wollten. Sie erkundigten sich hier auch, ob es nicht möglich wäre, daß einige dieser auswanderungslustigen Familien, welche die weite Seereise scheuen, sich in Palästina oder anderswo im türkischen Reiche ansiedeln könnten. Als sie jedoch von den großen Schwierigkeiten hörten, mit denen jetzt die Einwanderer in das türkische Reich zu kämpfen haben, so ließen sie dieses Vorhaben wieder fallen, fragten aber dann, ob man nicht eventuell nach Algier oder Tunis, welche zwei Länder heute doch unter französischer Herrschaft stehen, auswandern könnte. Sie baten daher einen eben hier weilenden Kiewer Kaufmann, der die Absicht hatte, eine Geschäftsreise nach dem Westen anzutreten, sich von Warschau, Lemberg oder gar von Wien aus an die Oberrabbtner von Algier und Tunis mit der Anfrage zu wenden, ob sich acht bis zwölf jüdische Familien, die aas Rußland auswandern wollen, in einem der genannten beiden afrikanischen Länder niederlaffen dürften. Der Kaufmannn versprach auch dies zu thun, und wird er sicherlich auch Wort gehalten haben. Wir sind neugierig, welche Antwort aus Algier oder Tunis kommen wird, und sollte dieselbe günstig lauten, so dürften sich ungefähr sechs bis zwölf dieser Familien zur Auswanderung nach Afrika entschließen. (Noch bevor uns diese Correspendenz zukam, hatten wir einen Brief von einem Freunde unseres Blattes in Tunis erhalten, in dem man uns meldete, daß ein Brief, wie der erwähnte, dort eingetroffen sei und wurde derselbe von dem Chacham-Bascht daselbst nwon ‘am "I Vnjto wan joio imxsm bmw moy auch sogleich beantwortet. Genannter Herr versprach uns eine deutsche Uebersetzung von dem Briefe des Chacham-Bascht freundlichst uns zukommen zu lassen. Anmerk. d. Red.) Serbien. A. F. Serbien. (Jüdische Kolonie auf einer Besitzung der Exkönigin Natalie.) Exkönigin Natalie von Serbien hat ihren bessarabtschen Gutsbesttz einem Millionär Namens Wartberg verkauft, der auf der riesig großen Domäne eine Ackerbaukolonie für russische Juden gründen will. Wersonatien. Berlin. Der am 22. September 1893 hier verstorbene Rentier Johann Konstant Sala hier in seinem Testament der Stadtgemeinde Berlin ein Kapital von 300,000 Mk. zur Begründung einer „Konstant Sala-Stiftung" vermacht, die den Zweck haben soll, bedürftigen und kränklichen, die Gemeindeschule Berlins besuchenden Kindern beiderlei Geschlechts, ohne Unterschied der Confession, einen mindestens vierwöchentlichen Aufenthalt in gesunder frischer Luft auf dem Lande oder an der See zu gewähren. Die landesherrliche Genehmigung zur Annahme des StiftungsvermogenS, von dem nur die Zinsen zur Verwendung gelangen sollen, ist dem Magistrat bereits zugegangen. Berti«, 20. November. Herr Prof. Dr. Hermann Aron, Lehrer der Phyflk an der vereinigten Ingenieur- und Artillerieschule, ist zum Geheimen Regierungsrath ernannt worden. Die Auszeichnung erfolgte dem Vernehmen nach für Dienste, die der Gelehrte der Artillerie-Prüfungskommission geleistet hat. Prof. Aron, der Erfinder der in der ganzen Welt verbreiteten Elektrizitätsmessers, gehört auch dem Lehrkörper der Universität an. Bromberg» 10. Nov. Der Kaufmann H. Aronson in Bromberg ist nach langem Leiden am 5. d. M. verstorben. Er ist der erste Grundbesitzer im Rgb. Bromberg gewesen. Eine blühende Musterkolonie ist die durch ihn geschaffene Wamlitzer Ansiedlung im Kreise Schubin, welche von den Ministern des Handels und der Finanzen bei Gelegenheit ihrer Reisen durch die Provinz dieserhalb seiner Zeit in Augenschein genommen worden. Die Minister haben es nicht unterlassen, dem Schöpfer dieser Kolonie ihre Anerkennung auszusprechen. Sein einziger Sohn ist der Stadtrath Louis Aronson in Bromberg.