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Der Israelit · 1894-11-29 · Heft 93 (29.11.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 93 (29.11.1894)
Date
1894-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1739 Merkwürdig, ich muß ste schon irgendwo erblickt haben." Vergeblich versuchte Elischa, ihn fort zu bringen von der Lagerstätte Esthers. Der Bauernknecht kratzte sich verschiedene Mal am Kopfe und er sagte wieder, daß ihm das Gesicht dieser Frau so bekannt vorkomme, daß er irgendwo sie schon erblickt oder kennen gelernt haben müßte. Schnell sann Elischa einen Vorwand aus, um eS dem Bauernknecht zu erklären. Wenn Elischä vorhin gemeint, daß die Bauern kaum je die Scholle verlassen, so hatte er doch andrerseits nicht bedacht, daß der Wagen, der draußen vor dem Thore stand, einem Fuhrknecht gehören könne, dessen Geschäft es war, immer im Lande umherzuziehen. Jetzt suchte er durch eine schnell ersonnene Lüge seinen Fehler wieder gut zu machen. „Ja wohl", rief er dem Manne zu, „es ist leicht möglich, daß Ihr meiner Frau auf Euren Fahrten schon mehrfach begegnet seid. „Wahrscheinlich seid Ihr auch schon öfters bei ihrem Vater eingekehrt, der eine Schenkwirthschaft betreibt, zwei Tagereisen von hier." Aber der Fuhrknecht verwandte kein Auge von dem Angesicht Esthers, und je mehr er sie anblickte, desto lebhafter wurden die sonst schlaffen und vertrunkenen Züge des Knechtes. „Nein, nein," rief er, „ich muß sie bet etwas ganz Besonderem gesehen haben. Bei etwas Großem und Gewaltigem; was könnte es nur gewesen sein, — — daß ste vielleicht auch anwesend gewesen wäre bet der Krönungsfeier, die der König vor einigen Tagen veranstaltet hat-" Plötzlich hob der Knecht beide Arme empor und stieß einen mächtigen Schrei aus. „Heiliger Vater im Himmel", rief er, „das ist ja-das ist ja Esierka. die Jüdin, des Königs Weib. Auf ihre Auffindung hat ja König Kasimir einen Preis gesetzt von Tausend Gulden. Himmel, welch ein Glück, welch ein Glück! Ich bin reich, ich brauch nicht mehr Fuhren zu fahren für die Bauern, ich kann Schnaps trinken, so viel ich will, nur schnell, schnell, damit sie mir nicht entgeht." Noch ehe Elischa ihn zurückhalten konnte, war der Mann schon aus Thür und Haus gerannt; schnell schnitt er mit seinem Messer die Stränge durch bei einem der Pferde, welche vor seinen Wagen gespannt waren und schwang sich auf dasselbe. Elischa aber fiel dem Pferd in die Zügel und bohrte seine Finger in die Nüstern desselben. „Bleibe um Gottes willen, bleibe," schrie er, „und wenn der König Euch tausend Gulden versprochen, so will ich Euch zwei Tausend geben. Ich bitte Euch, Mann, habt Barmherzigkeit. Ihr sollt so viel Geld haben, als Ihr wollt, nur verrathet uns nicht." „Ha, ha," lachte der Bauer, „Ihr wollt mir Geld geben, Ihr ein Bauer und Bettler, der Ihr seid." „Seht hier," schrie Elischa, und ließ mit der linken Hand den Zügel des Pferdes los und griff in sein Gewand. „Seht hier, hier ist Geld, viel mehr als Ihr von dem König erhalten könnt. Nehmt und verrathet uns nicht. Seid barmherzig, damit auch Gott sich dereinst Eurer erbarme in Eurer Todesstunde." Mit gieriger Hast griff der Fuhrknecht nach dem Beutel, scheinbar wie, um sich zu überzeugen, ob derselbe auch wirklich Geld enthielte; doch kaum hatte er ihn erfaßt, da schlug er seinem Pferde mit aller Kraft die Hacken seiner Stiefel in die Weichen, und mit der Linken den Beutel umfassend, versetzte er Elischa einen wuchtigen Schlag mit der rechten Faust, daß er zurücktaumelte, und dann sprengte er mit rasenden Sätzen davon. Elischa war durch den Schlag halb zu Boden gesunken; als er sich wieder aufrichtete, war der Fuhrknecht schon von dannen und es war keine Hoffnung vorhanden, ihn noch einzuholen. Wa8 sollte nun Elischa beginnen? Der Beutel, den der Knecht ihm geraubt, enthielt die Mittel zur Reise, enthielt Alles, was ihn vorwärts bringen konnte bis in das ferne Land, wo er eine Ruhestätte suchen wollte für Esther, und nun war er gänzlich von Geld entblößt, und der Verrath lauerte ihm auf den Fersen. Jeden Augenblick konnten die Verfolger kommen, um ihn einzufangen, und was würde mit ihm geschehen, und was sollte aus Esther werden? Er wußte es nicht. Der sonst so gewandte und kühne Mann, der früher Geist genug besessen, um einen vortrefflichen^ Kriegsplan *mit!allenl Einzelheiten auszudenken und ihn mit Umsicht durchzuführen bis an das Ende, war jetzt gebrochen in seiner Kraft und wußte keinen Rath mehr, und fand keinen Ausweg. Seitdem seine Hoffnung gescheitert, sein großes Ziel mißglückt, war er nicht mehr derselbe, der er früher gewesen. Er war nur noch der Schatten seiner einstigen Größe und keiner würde jetzt in dem Mann, der so verzweiflungsvoll um sich blickte, jenen Elischa 'wieder erkannt haben, der trotz seines schwärmerischen Geistes, kühner und mächtiger Handlungen fähig war. Sollte er das Haus allarmiren und sagen, wer seine Begleiterin war, und von der Gefahr berichten, die über ihn schwebte? Hieß das nicht die Gefahr nur noch vermehren und sich so dem sichern Untergang weihen?

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