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Der Israelit · 1894-11-29 · Heft 93 (29.11.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 93 (29.11.1894)
Date
1894-11-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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„regelten Gesang, Predigt und dergleichen eine „größere Erbauung der Gemüther herheizuführen, „schaffte wohl auch die Pijutim gänzlich oder „theilweise ab, mochte sich aber nicht dazu entschließen, an dem überlieferten Gebettexte selbst „Aenderungen vorzunehmen, ja sträubte sich in „vielen Gemeinden hartnäckig gegen Einführung „einer Orgel, die man, da rituelle Bedenken sich „nicht dagegen Vorbringen ließen, einfach als „u-jüdisch bezetchnete.s) Es fehlt auch nicht an „Beispielen einer geradezu rückläufigen Bewegung „und in mehreren Gemeinden wurden Reformen, „die eine Reihe von Jahren in Uebung gewesen „waren, wieder abgeschafft. Die Orthodoxie er- „hob mächtig ihr Haupt, erlangte durch that- „kräftiges, zielbewußtes Vorgehen in vielen Ge- „meinden entschiedenen Einfluß und wagte kühn „zu behaupten, die Tage der Reform seien vor- „über, diese selbst sei als ein verhängnißvoller, „die Einheit und den Frieden im Judenthum „gefährdender Jrrthum erkannt." „Vergebens suchten die Wortführer der Re- „sorm durch Einberufung der Synode, in denen „Rabbiner und Laien — soweit man von letz- „teren im Judenthum sprechen kann — gemeinsam über die streitigen Fragen berathen sollten, „die Theilnahme weiter Kreise für den religiösen „Fortschritt wach zu rufen. Der Versuch „mißlang.*) Schon die zweite 1871 in Augs- „burg abgehaltene Synode war nur spärlich beschickt und lieferte den Beweis, daß das Jn- „teresse der Gemeinden an culturellen und ritu- „ellen Angelegenheiten erkaltet war, und daß der „jüngere Nachwuchs der Rabbiner der Reform „zumeist feindlich gegenüberstand, oder sich doch „scheute, offen für sie einzutreten." Herr Dr. Vogelstein knüpft an diese düstere Schilderung die bekümmerte Frage: 3) Einfach? Sollte dem Herrn Rabbiner wirklich nichts von der weitschichtigen Responsen Literatur bekannt sein, welche das Ungesetzliche, durchaus Verbotene der Einführung einer Orgel in die Synagoge klipp und klar nachweist? — Sollten diese Responsen dem Herrn Rabbiner von Stettin nicht zugänglich sein, weil sie in einem ihm vielleicht fremden Sprachidiom geschrieben sind, so sei ihm hiermit die in deutscher Sprache erschienene Schrift: „Die Orgel in der Synagoge", von Rabbiner Deutsch in Sohrau zur Lektüre empfohlen. Dort findet er die rituellen Bedenken zusammengestellt, die er so vollständig in Abrede zu stellen die Kühnheit hat! 4) ’D"J DHy HND3 p nNTin. Soeben nimmt Dr. Wiener in Oppeln in der „Allg Ztg. d. I." eine Mohrenwäsche vor, indem er die Synoden gegen Angriffe von Dr. Heinrich Meyer Cohn zu rechtfertigen sucht. Er wundert sich, daß dies die Synodalen Lazarus und Emil Lehmann nicht früher gethan haben; was mag er sich erst über das Verdict des Stettiner Amtsbruders wundern, der doch selbst einer von den „Alten" der Synoden ist! „Auf welche Ursache ist diese betrübende „Erscheinung zurückmführen?" Die Art und Weise, wie sich der Herr Fragesteller selber seine Antwort zurecht legt, ist eigentlich dasjenige, was uns am meisten an diesen Jeremiaden interessirt, wir wollen diesem Glanz- Punkte des vorliegenden Klagelieds daher noch einen Schlutzartikel widmen. (Schluß folgt.) ZeiturrgSrrachrichtea rrrrd Corresporrderrze«. Deutschland. Berlin, im November. Der Kampf zwischen Wissenschaft und Religion hat in den letzten Jahren, neben so vielen trüben, auch eine erhebende, zu großen Hoffnungen berechtigende Erscheinung gezeitigt, er hat das in süßem Emanzipationsschlummer sich und seine Vergangenheit vergessende Israel zu neuer segensreicher Thätigkeit erweckt, und es gewährt einen wahrhaft herzerhebenden Anblick wahrzunehmen, wie regsam der „Ueberrest Israels" seine Schwingen zu rühren beginnt, um 'fern heiliges Erbe, Bibel und Talmud, vor Vergessenheit zu bewahren. Letzterer besonders ist es, dem diese Gefahr um so mehr droht, als gerade seine Kenntniß, sein Verständniß in der Ursprache, mehr und mehr nur Einzelgut einiger weniger gottbegnadeter Rabbiner und ntchtjüdtscher akademischer Lehrer zu werden beginnt, während die große Menge der Juden ihm als einem mit sieben Siegeln und in der Regel auch dichten Staubschichten verschlossenen Buche gegenübersteht. Und doch ist er es grade, der heute mehr denn je zur Geltung kommen sollte, weil ja in ihm das national nicht mehr selbstständige als Volk unter die Völker tretende Israel mit all seinen hehren Gottesaufgaben und ethischen Lehren so schön und klar gezeichnet ist. Jndeß beginnt heute diese Ansicht allmählich an Raum zu gewinnen, und wie einst der letzte der Patriarchen Rabbi Jehuda Hanasst zu dem Zwecke die Halachoth in der Mischna schriftlich fixirte, so beginnen auch wir heute sie wieder niederzuschreiben, doch nicht wie jener auf Pergamentrollen, sondern in die Herzen unserer Jugend. Und welche Fülle ethischer und religiöser Lehren bietet die Mischna, und zu welch' herrlich schönen, Gott und Menschen erfreuenden Früchten müssen diese nicht heranreifen, so sie mit Verständniß gepflanzt werden, so die Hand dessen, der in die Herzen der Jugend zu schreiben berufen ist, — gleich wie bei der Anfertigung aller religiösen Schriftstücke — die eines „Sofar Lischmali“, eines Schreibers, der seinen heiligen B ruf kennt, ihn in seiner Weihe und weittragenden Folgen begreift, ihm nur um seiner selbst willen dient,

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