Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 93 (29.11.1894)
- Date
- 1894-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448496--39697-2487859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1784 Die Zeit ist unwiderbringlich dahin. Das können und üben heutzutage dieUngebildetsten schon.-" (I. Beilage zum Frankfurter Intelligenz-Blatt zu Nr. 83 vom 8. April 1853. — In der IV. Beilage des Intelligenz-Blattes Nr. 92 vom 19. April 1853 hat sich Dr. M. Heß als diesen Anonymus bekannt. — Diese hochinteressante Polemik ist vor einigen Jahren zusammengestellt und lithographirt worden, aber unseres Wissens nicht im Buchhandel erschienen. Da hätten wir ein Pröbchen von der Anschauung der „Gebildeten" jener Zeit, wie sie Herr Dr. Vogelstein vorschweben. Wie hätten Leute dieses Kalibers auch Geschmack an den damaligen gottesdienstlichen Vorträgen finden können? Hätte nun Herr Dr. Vogelstein behauptet, daß nicht nur die Vorträge, sondern mehr noch die Gebete in direktem Widerspruch standen mit den Empfindungen und Gedanken dieser Sorte von „Gebildeten" mit Gänsefüßchen, so dürften wir ihm das gerne glauben. „Wenn er aber sagt „d i e überwiegend große Mehrzahl derLebenden" habe diesen Widerspruch empfunden und habe in feierlichster Form^ dem Höchsten Bitten vorgetragen, deren Erhörung man im Ernste gar nicht begehrt, so ist das eine Flunkerei, deren Wahrheitswürdigkeit man mit Fingern greifen kann. Es mag twrkl Gemeinden gegeben haben, in welchen diese bildeten eine Majorität repräsentirten, aber die überwältigende Mehrheit der nach Millionen zählenden Beter der großen, jüdischen Diaspora, war niemals von diesem Bildungsschwindel ergriffen, der aus den fahnenflüchtigen Elementen derJudenheit das Fähnlein seiner Gebilden rekrutirt. Daß seine eigenen Wortführer, das ganze Reformwerk als eine Concession an die Marodeure ansehen, welche durch ihre sogenannte Bildung dem religiösen Leben thatsächlich entfremdet waren, und ihm in Hellen Haufen den Rücken kehrten, das räumt ja Herr Dr. Vogelstetn dürftig verblümt selber ein, wenn er in der „Deborah" ganz harmlos ausplaudert: „In den denkwürdigen Rabbinerversamm- „lungen der vierziger Jahre wurde sodann das „Reformwerk wesentlich gefördert und der Brr- „such gemacht, die äußeren Formen des Juden- „thums den Zeitverhältnissen anzupaffen und „dadurch einer Entfremdung der gebil- „deten Klassen vom religiösen Leben „vorzubeug en." Also was von Haus aus zugestandenermaßen 2) In feierlichster Form? Die soll es bei der wilden Regellosigkeit und der mangelnden ästhetischen Ausstattung des Cultus gar nicht gegeben haben! für die Entfremdeten bestimmt und ihnen auf den Leib zugeschnitten war, in diese Zwangsjacke wollte man auch die Treugebliebenen stecken und als Vorwand für diese Vergewaltigung mußte denn die Regellosigkeit, die fehlende Aesthetik und wie die anderen Spielsächelchen alle heißen, dienen! Und wenn hier unser Klagelied nicht vor der Ungeheuerlichkeit zurückschrcckt, die auf den Boden des alten, unverfälschten Judenthums stehenden Beter der Heuchelei und des L ppentrugs zu zeihen, so vermögen wir einen Mtlderungsgrund für diese Frivolität nur darin zu finden, daß vielleicht in einem einzigen Falle die Thatsacheu in Wirklichkeit bet den alljüdischen Betern mit ihren Gebeten contrastirten, wo wir bei den „gebildeten" Betern auf volle Harmonie stoßen. Wenn die „Gebildeten", nachdem sie sich so schwer an unserem Gottesheiligthume verschuldet, es treulos verlaffen, ihm den Geist geraubt und die inhaltlose Form dann verlästert haben, wenn diese sich je einmal in einer reuigen Stunde auf die Brust schlagen und u*ua, uor** ’sh im? ubu u. s. w. beten, dann waltet die vollendete Harmonie zwischen der That ihres Lebens und ihren Gebeten. Wenn dagegen die schlichten redlichen und ungebildeten Altvorderen mit ihrem ttvs^-Gebet eine Selbstanklage erhoben, so mag die kritische Brille der modernen jüdischen Theologie schon ein Widerspruch herausfinden! Ihr ist ja das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der gegenseitigen solidarischen Verantwortlichkeit abhanden gekommen, das uns durch den Plural unserer Gebete immer ueu zum Bewußtsein gebracht wird, der, wenn wir uns selbst von der Schuld frei wußten, die unser Sündenbekenntniß in Worte kleidet, dennoch dtejentaen mit einschlieht, die sich zweifellos schuldig wissen! Das wären also die nJiy, die Sünden der Altvordern gewesen, die nur durch eine Reform gesühnt werden konnten! Wir haben die Haltlosigkeit dieses Fundaments, und die innere WahrheilSwidrtgkeit dieser erdichteten Voraussetzungen bisher darzulegen versucht, dürfen wir uns wundern, daß das Kartenhaus, welches auf diesem Sptnnengewebe errichtet wurde, keinen Bestand haben konnte? Herr Dr. Vogelstein giebt der Klage über den Mißerfolg des ganzen Reformspiels folgenden elegischen Ausdruck: -„Die Hoffnung, daß diese Neuerungen „sich in kurzer Zeit überall Eingang verschaffen „oder wenigstens in allen größeren Gemeinden „zahlreiche Anhänger finden würden, hat sich „nicht verwirklicht. Man begnügte sich vielmehr „größtentheils damit, dem Cultus äußerlich „eine angemessene Gestalt zu geben, durch ge-