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Der Israelit · 1894-11-29 · Heft 93 (29.11.1894) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 93 (29.11.1894)
Date
1894-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXV* Jahrgang. M 93 Der Israelit. Mn Gentrat-Hrgan für das orlhodore IudenIHum. Begründet von Vi«. Lehman» in Mainz. Donnerstag, den 29. November 5655 (1894). Leitender Artikel. Z>as Klagelied der „Peöoraß/' ii. Mainz, den 28. November. Auch dem Vorwurf, daß die gottesdienstlichen Vorträge in der vorreformatorischen Zeit nicht dem Geschmack der Gebildeten entsprachen, wird man nicht jede Berechtigung absprechen können, so wenig wie dem der Regellosigkeit und der mangelnden Aestethik. Es kommt nur daraus an, wetz Geistes Kind die Bildung der Gebildeten war, die an jenen Vorträgen keinen Geschmack fanden. Greifen wir aus den überaus zahlreichen, hierher gehörigen Belegen ein beliebiges heraus, um aus dem Munde eines der lautesten Kämpfer für das Reformjudenthum zu hören, was er unter Bildung verstand. Als vor einigen vierzig Jahren die öffentliche Ankündigung der von Rabbiner Hirsch eben in Frankfurt a. M. gegründeten Unterrtchtsanstalt der dortigen Israel. Religionsgesellschaft erfolgt war, hat ein Anonymus diese Veranlassung ergriffen, sich über rabbtnisches Judenthum und sociale Bildung zu äußern. Dieser Anonymus mußte in Folge der Abfertigung, welche ihm Hirsch angedeihen ließ, seine Anonymität aufgeben, und es stellte sich heraus, daß der Oberlehrer der Frankfurter Israel. Gemeindeschule, D r. M. H e ß,1) der Anonymus war, welchem Rabbiner Hirsch folgendes entgegnete: 1) Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Sachsen- Welmar-Eisenach'schen Landrabbiner, der Anfang der vierziger Jahre ein jüdisches Blatt herausgab, was die gesinnungsverwandte Philippson'sche Judenthumszeitung damals veranlatzte, seiner mit dem „gebildeten", feinfühligen epitheton ornans: rp-» zu gedenken! — Die Antwort des Dr. M. Heß auf diesen „frommen Wunsch" und einige andere köstliche, von Bildung triefende Katzbalgereien dieser an der Spitze der reformjüdischen Civilisation marschirenden Amtsbrüder sind in der Beilage zu Nr. 1 des „Israelit des iS. Jahrhunderts" 1. Jahrgang nachzulesen. „-Zu spät leider — unsere Anstalt ist bereits eröffnet, und eine für den Anfang nicht geringe Zahl jüdischer Eltern haben ihr bereits ihre Kinder anvertraut — leider zu spät belehrt uns jetzt der Anonymus eines Andern, zeigt uns zu spät, daß wir in rabbinischer Einfalt einen ganz falschen Begriff von socialer Bildung gehabt." „Social gebildet — meint der Anonymus — fey nur, wer den Sabbat keck entweihe, an Feiertagen sich körperlich anstrengendste Thätigkeit nicht versage, von Gewerbe und Geschäftsleben an Festtagen sich mindestens unterhalte." „Der social Gebildete — meinte der Anonymus — müsse, wie er, so unwiffend in der Bibel sein, daß er die Entfernung des Gesi'v^ten am Osterfeste, das Verbot, Würmer, Ek!' Unschlttt gefallener und tödtlich verletzter Thiere - zu essen, für rabbinische Anordnungen halte, dürfe nicht wissen, daß dies für denjenigen Juden ausdrückliche Gottesworte sind, dem überhaupt noch die Bibel als Gotteswort gilt." „Wer im Sommer nicht Milben ißt — meint der Anonymus — wer gefallene und kranke Thiere nicht genießt, wer den Genuß des Blutes und des Unschlttts meidet, wer gar so roh ist, vor dem Essen sich die Hände zu waschen, und bei dem Essen die Berührung der bedeckten Theile des Körpers zu vermeiden, der, meint der Anonymus, könne unmöglich zu den social Gebildeten gezählt werden." „Wir können nicht helfen. Der Anonymus muß sich beruhigen. Der Anonymus hat Jugendträume. Die Zeit kehrt ntcht wieder, wo der Ruf der jüdischen Bildung im jüdischen Kreise so letchtenKaufs und wohlfeil war, wo religiöse Unkenntniß, wo freche Verspottung des eigenen, väterlichen Glaubens und väterlicher Sitte, wo die Cigarre am Sabbat und ungenirtes Gasthof- und Tafel-Leben der geschätzte Stempel der Bildung war.

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