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Der Israelit · 1894-11-26 · Heft 92 (26.11.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 92 (26.11.1894)
Date
1894-11-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I 1719 „zu einer Höhe zu ergeben, bie der Stufe der „Propheten nahe kam. Kommt Jemandem ein „das Gebet störender Gedanke, so halte man „schweigend inne, bis derselbe verdrängt ist. Man „richte den Sinn auf Dinge, die das Herz zur „Demuth und zum himmlischen Vater führen „und halte die Gedanken von allem frei, was an „Leichtsinn grenzt." So lautet der erste Paragraph der Gottesdienstordnung des Schulchan-Aruch *), dieses Ausbundes aller Orthodoxie, dessen Verfasser, dessen Verehrer von der erleuchteten Zunft der gebildeten, formverschmähenden Aufgeklärten als das Urbild aller Formenstarrheit. Geistlosigkeit und — Regellosigkeit hingestellt werden. Die Synagogenordnungen sind heute billig wie Brombeeren, sie wachsen wild wie das Unkraut und sind das vorzüglichste litterarische Erzeugniß des sogenannten jüdisch-wissenschaftlichen Strebens unserer Tage, aber man könnte jede Prämie auf eine Zeile setzen, in welcher sich dieser auf Andacht des Herzens, Reinheit des Denkens und Lauterkeit der Sinne dringende Geist findet, der uns in unserem Schulchau Aruch allenthalben entgegen tritt! Hier trifft man lediglich auf hohle Anstandsformen, förmliche Dressur, wie man sie in Fröbelschen Kindergärten findet und beredet sich und andern mit solchen Quacksalbereien Uebelstände beseitigen und wer weiß welche Wunderkuren vollbringen zu können. Und die alten Synagogen, welche von diesem Firlefanz nichts wußten, nichts wissen wollten, sollen deshalb an Regellosigkeit und Mangel an Aesthetik gelitten haben! Man war damals allerdings noch so einfältig zu glauben, daß man die Ordnung in der Synagoge nicht nach dem Maßstabe beurtheilen dürfe, den man z. B. an ein Wachsfigurenkabinett legt. Wenn daher die Andächtigen nicht nur nicht mit feierlich sein sollenden Mienen kerzengerade daständen als hätten sie Ladstöcke verschluckt, sondern von der Innigkeit ihrer Gebete ergriffen und von dem Drange ihrer Begeisterung vorwärts und rückwärts gebeugt und geschüttelt wurden, so nahm Niemand daran Anstoß, weil Jedermann mit sich und seinem Gebete derart beschäftigt war, daß ihm keine Zeit und Muße zur Beobachtung feines Schulnachbars blieb. Was ntchtjüdische Besucher, welche die Neugierde hin und wieder einmal in die „Judenschul" führte, an dieser Art zu Gott zu beten, zu loben und zu tadeln hatten, war den jüdischen Betern so gleichgiltig und hätte sie so wenig veranlaßt, auch nur ein Titelchen an ihren Bräuchen zu ändern, so wenig es je einer christlichen oder mohamedanischen Gemeinde eingefallen ist, ihren Gottesdienst nach dem *) Sch. A. Orach Chastm Cap. 98. Geschmack der Juden zuzustutzen. Za, wenn dann die heiligen, jüdischen Gebete ihre alte, wunderbare Kraft an ihren Betern bewährt hatten, wenn sie der treue Dollmetsch für ihren Jubel und ihre Thränen gewesen waren, so vergaßen sie hinterher ganz darnach zu fragen, ob das alles denn auch genau nach den Regeln der Aesthetik, der Harmonie, des musikalischen Wohllauts u. s. w. vor sich gegangen war. Sie meinten, gerade ein übervolles Herz bewahre in seiner Fluth mehr das Richtige und Gemäßigte, als ein seichtes, sich successwe leer rinnendes, das Wellensprünge machen muß, um zu zeigen, daß es noch lebt. Wenn ein guter Mensch in seinem dunklen Drange sich des rechten Wegs bewußt ist, meinten sie, so wäre es ein guter Jude gewiß. Gewiß kennen die Verfasser und Verbreiter dieser Jeremiade über die Reformbewegung das Ergreifende und Erhabende eines Waldspazierganges an einem Sommermorgen, wenn die gefiederten Sänger von allen Zweigen und Wipfeln ihrem Schöpfer ihr Morgenlied emporjubeln. Da trillert die Lerche, da zwitschert die Amsel, da flötet die Drossel, es girrt die Taube, es pfeift der Sperling und ruft der Kuckuck alles ohne Kapellmeister, ohne Taktschläger, ohne Chor- und Gemeindegesang. Die Sänger haben keine Ahnung von Aesthetik, alles singt und schlägt mit einer wilden Regellosigkeit durcheinander, gerade wie in einer altmodischen Judenschul, ist das nicht schrecklich? Wenn unter diese heitere, Gott preisende Sängerschaar einmal ein Reformator mit Taktstock und Stimmgabel träte und die ihr Schacharts-Gebet empor Jubelnden mit gesetzter Miene wegen ihres unharmonischen, unästhetischen und regellosen Sanges schulmeistern wollte, sie würden den guten Mann gar nicht verstehen und ihren av bw w lärmend weiter fingen, selbst aus die Gefahr hin, daß ihr Ceremonienmetster in Bäffchen und Talar sich für ausgtpfiffen hielte, und wir? Daß die jüdischen Beter und Sänger endlich anfangen, sich die Augen zu reiben und allenthalben sich anschicken, aus der Befangenheit herauszutreten, in welche zöpfige Magier und Auguren sie gebannt haben, um zur alten, ursprünglichen, angeborenen, jüdischen Einfachheit und Natürlichkeit zurückzukehren, dine illae lacrimae, das ist es was den unberufenen reformatorischen Rathgebern von Zeit zu Zeit Stoßseufzer dujus Ksneris entlockt, die wir deshalb als die sicheren Anzeichen einer heraufziehenden, befferen Zeit sorgfältig registriren und mit aufrichtiger Freude begrüßen. (Fortsetzung folgt.)

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