Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1894)
- Date
- 1894-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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es veranlaßt, daß nicht jeder die zweite Unwahrheit sofort mit Fingern greifen kann, die Ungeheuerlichkeit nämlich, von einer Reform des Gottesdienstes auch nur im Ernste reden zu können und diesen absurden, unmöglichen, inneren Widerspruch gar als Verdienst zu feiern. Reform des Gottesdienstes! Gottesdienst heißt Gott dienen. Gott dienen heißt seinen Willen erfüllen. Daß Gott einzig, ewig, unveränderlich ist, das räumen auch unsere Reformheiligen wenigstens in ihren Reliqionsbüchern und Katechismen ein. Daß Gottes Wort, welches den Willen Gottes zum Ausdruck bringt, wahr, treu, unwandelbar und ewig ist, hat — vielleicht in einem unbewachten Moment — selbst Herr Dr. Vogelstetn anerkannt, indem er S. 190.191 seiner Wefiphälischen Tkfilla die Worte stehen ließ: p^i nv-r mm bov •pme “in** aaw “pzn d’jdnji 'n h wrr nn« 'di opn sw» uh nrw. Trotz aller sonstigen Wässriakeit seiner verballhornisirten Ucbertragung derTefilla, finden wir zur Stelle den Satz: „Dein Wort ist wahr und treu, unwandelbar und ewig" u. s. w. Wenn Gott ewig und unveränderlich, wenn er, wie es dort ebenfalls beißt, der nnnn fca pns ist, wenn das seinen Willen aussprechende Gotteswort wahr, treu, unwandelbar und ewig ist, wie kann man es denn reformiren? Dann ist es kein Verdienst, dann ist es ein Sakcilegium, dann ist und bleibt es ein der Majestät unseres unwandelbaren Gottesgesetzes versetzter Faustschlag, von einer Reform des Gottesdienstes auch nur zu sprechen, geschweige denn dazu anzuregen. „Die Wege geleitet zu haben," ist aber drittens ein für den normalen Sprachverstand unbegreiflicher Unsinn, da nur diejenigen, welche die Wege gehen, nicht aber die Wege einer Leitung fähig sind. Daß die Leute trotz ihres deutschen Judcnthums nicht deutsch schreiben können, und daß sie diese ihre Unfähigkeit gewöhnlich gerade bei Betonung ihres Deutschthums verrathen, das ist das Hochkomische, welches ihrer hohlen Grandezza wie ein Schatten anhaftet, psa jnaitin vmn npsr o'pa jo Unser Klagelied fährt fort: „Vor wenigen Menschenaltern herrschte indem „Gottesdienste, selbst der größten Gemeinden, „noch die wildeste Regellosigkeit, von einer ästhe- „tischen Ausaestaltung des Cultus war nirgends „die Rede, Chor- und Gemetndegesang existirte „nicht und selbst die gottesdienstlichen Vorträge, „die von Zeit zu Zeit gehalten wurden, ent- „sprachen in Form und Inhalt keineswegs den „Anforderungen der Gebildeten. Dazu kam, daß „die Gebete vielfach in direktem Widerspruch „standen zu (mit!) den Gedanken und Empfin- „dungen der überwiegenden Mehrheit der Beten- „den, daß in feierlichster Form dem Höchsten „Bitten vorgetragen wurden, deren Erhörung „man im Ernste gar nicht begehrte, daß den „Lippen der Betenden Klagen entströmten, die „in ihrem Herzen keinen Widerhall (Wlederhall) „fanden." Um diesen so oft wiederkehrenden Ttraden ein für allemal die thatsächliche Wahrheit entgegen zu halten, bitten wir unsere geehrten Leser um Nachsicht, wenn wir diese Anklagen Punkt für Punkt ein wenig bet Licht betrachten. Wir resumiren: Als es vor wenigen Menschenaltern noch kein Reformjudenthum gab, sollen also folgende Mißstände vorhanden gewesen sein: 1) In dem Gottesdienste herrschte die wildeste Regellosigkeit, 2) Von einer ästhetischen Ausgestaltung des Cultus war nirgends die Rede, 3) Chor- und Gemeindegesang existirte nicht, 4) Die gottesdienstlichen Vorträge entsprachen nicht den Anforderungen der Gebildeten, 5) Die Gebete standen im Widerspruch mit den Gedanken und Empfindungen der meisten Beter. Man kann die Regellosigkeit ruhig zugeben, aber ob dieselbe wirklich ein so großes Unglück war? Es ist wahr, unsere alten Synagogen mit ihren altmodischen Ständern und Besuchern wußten nichts von den Regeln und Reglements, wie ste stch in den modernen Gotteshäusern breit machen. An der Synagogenthür war noch keine Synagogenordnung angeheftet, aber sie war den Betern in's Herz geschrieben. Die Finsterlinge jener regellosen Zeiten, die sich knechtisch an die Form gehalten und für die Erleuchtung des Geistes und die Regungen des Gemüths kein Verftändniß gehabt haben sollen, hatten nichtsdestoweniger doch bereits eine Synagogenordnung, deren 8 1 lautet: „Der Betende soll im Herzen die Bedeutung „der Worte erwägen, die seine Lippen auSspre- „chen. Er stelle sich vor, als ob Gottes Herrlichkeit vor ihm stehe und halte so jeden störenden „Gedanken fern, damit alles Sinnen und Denken „geläutert werde. Man vergegenwärtige stch fer- „ner, wie man vor einem irdischen Könige seine „Worte sorgfältig fetzen und 'wohl darauf achten „würde, keinen Fehler zu begehen, und in wie viel „höherem Grade dies gegenüber dem König aller „Könige, dem Heiligen gepriesen sei er, geboten „ist, der alle Gedanken erforscht. — So pflegten „die Frauen und die Männer der That zu han- „deln, diese zogen sich zurück und versenkten sich „so in das Gebet, daß sie dazu gelangten alles „Materielle abzuftreifen, und ihre Geisteskraft