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Der Israelit · 1894-11-22 · Heft 91 (22.11.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 91 (22.11.1894)
Date
1894-11-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1706 Elenden zu Herzen spricht, derselbe Mann weiß in seinem „Kulturdefizit" mit hinreißender Beredsamkeit seine niederschmetternden, wuchtigen Hiebe zu führen gegen die Lüge und gegen Heuchelet. Er war ein seelenguter, freundlicher, friedlicher und friedliebender Mensch, aber er gehörte nicht zu denen, die deS „lieben Friedens"' willen ein Auge zudrücken und Unrecht geschehen lassen. Er beherzigte die Lehre seines Vaters, daß Friede ein hohes Gut ist, dem alles, alle eigenen Rechte und Güter, nimmer aber die Rechte Anderer, nimmer aber das Recht beS göttlich Guten und Wahren zum Opfer gebracht werden darf! Er war ein froher Mensch. Die Menschheit ist so weit fortgeschritten in der Kultur, sie hat so viel entdeckt, erfunden und ergrübelt, mehr und mehr erobert sie die ganze Erde und zwingt die Kräfte der Natur zu ihrem Dienst, aber heiterer, zufriedener, glücklicher find die Menschen nicht geworden. Denn nicht äußere Mittel, sondern nur die Ueberzeugung von der väterlichen Gottesführung, daS vertrauenspendende Bewußtsein der Gotteskindfchast, schafft dem Menschen einen von äußeren Lcbensumständen unabhängigen Frohsinn, den beglückenden Optimismus, der nur eine Sorge kennt, seine Pflicht zu erfüllen und alles Weitere ruhig der himmlischen Wallung überläßt. So war MarcuS Hirsch. Ein sonniger Mensch, dessen Wesen Wärme und Licht enlstrahlte, ein mildes Antlitz, a«S dem-zwei-kluge,, freundliche Augen lebensfroh schauten, so sahen wir ihn vor uns. Die bv nno» rmrv, die Lebensheiterkeit war die Grundstimmung seines ganzen Seins und auf der Harfe seiner Seele tönte als Grundton das Allegro. Er brachte Freude und Glück überall hin, wo er erschien; er befaß jenen Stein Abrahams, von dem die Weisen erzählen, daß Kranke bet dessen Anblick gesunden. Nur 55 Lebensjahre waren ihm beschieden, aber er hat sie wahrhaft gelebt. Welche Fülle von Menschenliebe, von Aufopferung, von Geduld, welche unermüdliche gesegnete Thätigkeit, welch großes Wirken umspannt sein irdisches Dasein! Sein hoher Geist ist geschwunden, sein goldnes Herz ist gebrochen, seine milde, gütige Hand ist gesunken. Wir aber wollen lernen von ihm, wie man mit allen Kräften, die uns verliehen, ein glücklicher und und beglückender, ein gesegneter und segenspendender Gottesdtener werde und wie wir einst vor unsren himmlischen Vater treten können, so makellos und so seelenrein wie er! Zeihtstg-rmchrichterr mib Evrresporrderrze«. Deutschland. Hannover, 15. November. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Hans Leuß ist wegen Derj dachts des Meineids verhaftet und dann gegen eine Cautton von 10,000 Mk. aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Bekanntlich hatte die Staats anwaltschaft s. Z. die Untersuchung eingestellt. Der betreibende Theil, der frühere Vorsteher des LebenSmittel-Untersuchungsamts Dr. Schnutz, letzte gegen diesen Beschluß der Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, die seinem Anwälte, der das Schriftstück über das Maß energisch abfaßte, 2 Wochen Gefängnitz wegen Nöthigung der Oberstaatsanwaltschaft etntrug. Die Beschwerde hatte aber Erfolg: die Staatsanwaltschaft wurde zu weiterem Vorgehen angewiesen. Jetzt ist gegen Leuß das Hauptverfahren vor dem Schwurgerichte eröffnet worden und zugleich hatte die Strafkammer seine Verhaftung verfügt; wenige Tage vor E öffnung des Reichstags, nach welchem Zeitpunkte die Verhaftung nur noch mit Genehmigung des Reichstags möglich gewesen wäre. Was die Sache selbst betrifft, in welcher der Meineid geleistet sein soll, so wirft sie ein grelles Licht auf die Moral dieses Antisemitenführers, der es Jahre lang verstand, in prahlerischer Weise den Sittenrichter über Israel zu spielen. Leuß und Schnutz waren innige Busenfreunde. Noch freundschaftlicher sollen aber die Beziehungen des Leuß, der verheirathet ist, mit Frau Schnutz gewesen sein. In einem Eheschetdungsprozesse zwischen den Eheleuten Schnutz wurde Leuß eidlich als Zeuge vernommen, und seine damalige Aussage bildet den Gegenstand der Anklage. Leuß soll zwar nicht geleugnet haben, in einem auswärtigen Hotel mit Frau Schnutz in demselben Zimmer gewesen zu sein; stellte aber im Uebrigen jeden näheren Verkehr in Abrede. Das Personal des Hotels scheint aber dem Pärchen eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet zu haben, so daß die von diesem bekundeten Thatsachen in Verbindung mit einem lukullischen, auf dem Zimmer separat eingenommenen Souper, bet welchem auch der Sekt nicht fehlte, die an sich schon nicht sehr glaubwürdigen Bekundungen deS Zeugen Leuß widerlegen dürften. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Budapest, 13. November. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses hielt Cornel Abranyt, von der Nationalpartei, eine Rede gegen das Budget und sprach sein Bedauern darüber aus, daß in Ungarn eine conservative Partei nicht möglich sei. Bei diesem Anlasse hob er das Verhältnis zwischen Juden und Christen in Ungarn hervor und sagte unter Anderem: Das jüdische Element sei dasjenige, welches sich am meisten magyarisirt hat, und auf dasselbe könne jener Satz des Szoszat (der Nationalhymne) angewendet werden, welcher lautet: „In der ganzen Welt gibt es für Dich keinen anderen Platz außer dem Vaterlande". Die

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