Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 91 (22.11.1894)
- Date
- 1894-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 91 des „Israelit". Leitender Artikel. Znm Iahykitstaze eines beöeuteniren Mensche«. (Dr. med. MarcuS Hirsch, pam yj) Wir brachten jüngst einen, den Mittheilungen des ärztlichen Vereins entnommenen, von Dr. Marcus verfaßten, trefflichen Nekrolog über Dr. M. Hirsch b-m in Frankfurt a. M., worin dessen Lebensgang vom rein menschlichen Standpunkt aufgefaßt und beleuchtet wurde. Zum kommenden Jahrzeilstag des Verblichenen wollen wir noch einige wenige Worte beifügen, die das Leben und Wirken dieses Edlen vom Gesichtspunkte des orthodox-jüdischen Prinzips würdigen. „„Wahrlich, der muß geistig blind sein, dem das Sterben eines Gerechten nicht zur lautesten Unsterblichkeiipredigt wird, der in dem, was nun reglos und Verwesungsspuren tragend vor ihm liegt, das noch zu erblicken wagt, was noch soeben in so geistiger Kraft und in sittlich freier Macht, Denken und Wollen bethätigte, der in der Leiche des Gerechten etwas Anderes erblicken kann, als den in den Winkel geworfenen Mantel eines von dannen geschiedenen Mannes."" (Hirsch Comment.4,Kap.20.) So schrieb einst der große Vater des großen Sohnes. Beide sind nicht mehr und man kann des Einen nicht gedenken, ohne des Anderen zu erwähnen. Der gottbegnadete Geist von Sam. Raph. Hirsch war lebendig verkörpert in Marcus Hirsch. Jener war der Künstler, Dieser sein Werk. Der große Rabbiner wollte uns die Verwirklichung seiner Ideale zeigen, da leitete er den Bildungsgang seines Marcus. Nicht ihn zu beweinen und nicht um ihn zu klagen denken wir seiner. Wir gedenken sein, wie des Hohepriesters in der Awaudoh am Jom Kippurim, nicht mit Jammern über vergangenen Glanz, sondern mit dem erhebenden, begeisternden Vergegenwärtigen der Herrlichkeit, die einst unser war. Marcus Hirsch war ein leuchtender Vertreter jener Richtung, bet welcher Bildung und Judenthum zusammenfällt. Sein Leben zeigte die wunderbare Harmonie, die religiöses und weltliches Wiffen, Gesetzestreue und moderner Geist, in gemeinschaftlicher Durchdringung erzeugen. Mögen es doch immer wettere Kreise einsehen, daß profane Bildung nur im Verein mit strenger Religiosität das wahre Judenthum ausmacht, daß die Befolgung der Lehre von Sam. Raph. Hirsch: „Der Jude müsse auf der Höhe europäischer Kultur stehen und gerade dadurch der frömmste, gesetzestreueste Anhänger des alten unverkürzten traditionellen Judenthums werden", unsere Rettung und unser Heil ausmacht! Von demselben Schöpfer, der uns die Thora gab, stammt die Natur und ihre Gesetze. Ein Gott hat sie geschaffen, Ein Geist durchweht sie, es gibt keinen Gegensatz zwischen Thora und Wissenschaft; je mehr wir in Jene eindringen und sie begreifen, desto besser verstehen wir diese, und je mehr wir diese studiren und erfassen, desto heller erkennen wir jene. — Marcus Hirsch ließ keinen Tag htngehen ohne sich mit unsrem heiligen Gesetze zu beschäftigen, Thora, Neviim, Ksuvim, Gemara waren Gegenstände.seines intensiven Studiums, gleichzeitig aber hielt er sich in allem menschlichen Wissen auf der Höhe der Zeit. Seine universelle Bildung befähigte ihn bet allen Tagesfragen zu einem verständntßvollen Eingehen in deren Bedeutung. Als die Cholera wüthete, schrieb er „Ueber die Nothwendigkeit der Staatshilfe bei Massenepidemten", eine aufsehenerregende Broschüre. Aus Anlaß eines Theaterbrandes verfaßte er einen Artikel mit architektonischen Plänen zum Aufbau feuersicherer Gebäude, der im ersten deutschen Fachblatt Aufnahme und allgemeine, rückhaltlose Anerkennung fand. Und er war ein Charakter! Charakter ist die Willensstärke, die die sittliche Ueberzeuguug auch unter den widrigsten Umständen fest behauptet und zur Geltung bringt. Er war einer der ersten Juden der Neuzeit, die zeigten, wie man Arzt sein und dabei doch nicht ein Titelchen vom traditionellen Judenthum preiszugeben braucht. Wohl thürmten sich ihm Schwierigkeiten entgegen, aber er überwand sie alle und er erreichte es, einer der meistbeschäftigsten und dabei auch bet seinen nichtjüdischett Mitbürgern geachtesten und beliebtesten Aerzte zu sein. Dieser bescheidene, anspruchslose Mann, mit dem weichen, milden Herzen, der keinen Bettler abwies, der keinem Elenden seine Hülfe versagte, der dem letzten, verkommensten „Schnorrer" mit der gleichen opferbereiten Liebe seine Pflege zu* wandte wie dem Reichen und Vornehmen, — mit welcher Kühnheit und Entschlossenheit wußte er da einzutreten, wo die Gottessache in Gefahr war. Seine eigenen Interessen hintansetzend, unerschrocken durch Drohungen, unbeirrt durch Freundschaft führte er, ein Gottesstreiter für Recht und Wahrheit, im privaten und Gemeindeleben seine gerechte Sache. Derselbe Mann, der in seinem „Betteln und Hausiren ist hier verboten" so überzeugend, so warm und so rührend zu Gunsten dw Armen und