Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-11-22 · Heft 91 (22.11.1894) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 91 (22.11.1894)
Date
1894-11-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448494--39666-2487826
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1707 Entwicklung Ungarns habe der Intelligenz der Juden mehr zu verdanken, als der Antisemitismus, der hier keine Wurzel fassen konnte, ihnen je vorwerfen könnte. Rußland. Petersburg (Die ackerbautreibenden Juden.) — Ihrer gewohnten Strenge gegenüber den Israeliten Einhalt thuend. haben die Behörden den Grundbesitzern und Bauern auf einige Wochen gestattet, jüdische Arbeiter anzunehmen, um ihnen bei den Erndtearbeiten zu helfen; auf diese Weise erkennen sie es selbst an, wie sehr das Gesetz vom Mai 1882, das den Juden den Aufenthalt auf dem Lande untersagt, den Jnterreffen widerspricht, selbstredend des Ackerbaues und der Landwirthe. Von allen Seiten haben die Bauern darum gebeten, die Juden als Feldarbelter anstellen zu dürfen, und es wird sich zeigen, daß sie überall die Thätigkeit und den Eifer derselben nur loben konnten. Anbei einige diesbezügliche interessantee Notitzen aus dem Woskhod vom 14.26. August. Lupowetz. — Den Bewohnern unserer Stadt bietet sich augenblicklich ein merkwürdiges Schauspiel. Alle Abend werden die Straßen von Weibern durchstrichen, die ausrufen: „Juden zur Feldarbeit; Lohn täglich 40 Kopeken." Andere Weiber bieten 50 Kopeken. Bei Tagesanbruch ziehen Hunderte von Familien auf's Feld. Unseren Nachrichten zufolge, wären jüdische Arbeiter die gesuchtesten; sie haben nicht die physische Kraft, um dieselbe Menge Arbeit zu liefern wie der Bauer, aber ihre Arbeit ist eine bessere, gewissenhaftere. Torgowska. — Die Juden aus unserer Stadt sind augenblicklich aus dem Felde beschäftigt. Sie finden bei den Grundbesitzern gute Aufnahme und stellen dieselben mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. Der Lohn der Juden ist allenthalben der nämliche wie derjenige der Bauern. Wenngleich die landwirthschaftlicken Arbeiten schwer und anstrengend sind, gewöhnen sich die jüdischen Handwerker schnell daran. Jaltochkof. — Da die Bauern einen übermäßigen Lohn forderten, um die Feldarbeit zu verrichten, haben sich die Grundbesitzer an die Juden gewendet, die einen niederen Lohn forderten und genau dieselben Dienste leisteten. Deretchine. — Unser Flecken ist der älteste des Westens; Deretchine war die Residenz des Fürsten Sapeha, einzigen Besitzers der ganzen Provinz Grodno und des größten Theiles der Provinz Kovno. Die Juden haben sich im 15. Jahrhundert hier niedergelassen. Zu jener Zeit hatte jede Familie vom Fürsten ein HauS und Grundbesitz erhalten. Später wurden die Juden ihres Grundbesitzes beraubt, und nur noch zwei jüdische Familien find bis heute im Besitz des ihren Vorfahren gewährten Grundbesitzes geblieben. Die beiden Familien bebauen noch immer ihr Grundstück, und ihre Obstgärten geben Früchte, die in der ganzen Provinz berühmt sind. Die Grundbesitzer benutzen mit Vorliebe die Juden von Deretchine zur Feldarbeit, und sie waren derart zufrieden mit den Leistungen der Juden, daß der eine von ihnen, Herr Davilowitsch, eine kleine Synagoge auf seinem Grundstück errichtete, damit die Juden an Ort und Stelle bleiben konnten und nicht nöthig hatten, Sonnabends nach Deretchine zurückzukehren, um den Tempel zu besuchen. Auszug vom Woskhod des 5/16. September: Aus Warkliany, Provinz Bilebsk wird uns geschrieben: Die Fürstin Sapeha, Besitzerin unserer kleinen Stadt, hat die Gründung einer unentgeltlichen jüdischen Restauration für arme Juden angeordnet. Außerdem hat die Fürstin den Befehl ertheilt, die Juden als Feldarbeiter anzucherben, und zwar zu den nämlichen Bedingungen wie die Christen: Aus Rybinictek (Bitebsk) wird uns mitgetheilt; Herr Kerbedy, Besitzer unsere- Fleckens, behandelt die unglücklichen Juden mit rührendem Wohlwollen. Fast alle Juden sind seine Schuldner. Seit Jahren zahlen ste ihm weder Pacht noch sonstige schuldige Zahlungen. Anstatt ste zu quälen, hat Herr Kerbedy soeben die ganze arbeitsfähige jüdische Bevölkerung engagiert, um die Feldarbeiten zu verrichten. Drei Viertel des Lohnes wird den Arbeiter» gezahlt, ein Viertel bleibt dem Besitzer als Auszahlung - für alle früheren Schulden. Der Ktewlanine endlich, der den Juden 'nicht allzuviel Gutes nachzusagen pflegt, bringt in seiner Nummer vom 9/21. August eine Mitthetlung über denselben Gegenstand, woraus anbei einige Auszüge: Seit einiger Zeit widmen fich die Juden der Feldarbeit. Zu Anfang haben sich diese improvistrten Landleute wentst geeignet gezeigt für diese Arbeiten, die eine große Anstrengung von Muskelkraft fordern; allmählich indessen haben ste sich daran gewöhnt und leisten jetzt den Landleuten wirkliche Dienste. In diesem Umschwung der Juden muß ein sehr hervorragendes Symptom erkannt werden; ste haben ihren Jahrhunderte alten Jrrthum erkannt, der ste von dem Landba« fernhielt; mit der Vergangenheit brechend, zeigen sie fich geneigt, einen Platz zu "«robern unter Len-Produzenten? und dieser Platz muß ihnen gewährt werden, ohne daß man ihnen von Seiten der Behörde Hindernisse in den Weg lege. Die momentan auf dem Felde beschäftigen Juden find mit ihrer Lebensweise sehr zufrieden. CS mutz anerkannt werden, daß wenn die Arbeiterfrage keine akute geworden,' wenn e» den Grundbesitzern gelungen ist, die Ernte in, kurzer Zeit und mit wenig Kosten einzubringen, so ist dieS Dank den jüdischen Arbeitern geschehen, die sich den christlichen zugesellt haben. Vor einigen Tagen ist auf höheren Befehl von feiten der Polizei eine statistische Aufstellung gemacht worden bezüglich der Zahl von Juden, welche ans den Gütern Feldarbeit verrichtet haben. Im Bezirk Lipowetz allein betrug die Zahl derselben 18,000. Gesetzgebung. — Es ist hier oft die Rede gewesen von dem Mißbrauch, welchen die Behörde» mit der sogenannten „Koschertaxe" getrieben; die» selbe wird ausschließlich von Juden bezahlt und sollte ausschließlich für Zwecke jüdischen Unterrichts oder jüdischer Wohlthätigkeit verwendet werde«. : Im Woskhod vom 21. August J2. September findet man Folgendes darüber: Der Generalgouverneur der Westprovinzen hat angeordnet, daß die disponiblen Gelder der Koschertaxe, von Communal- und Munictpalräthen zur sanitären Verbesserung der Städte und Flecken verwendet werden darf, und zwar; ohne dazu vorher die Autorisation höherer Behörden einzuholen. Krakau, 10. November. (Vom neuen Eztzren.) Ein Rüste, der aus Odessa heute hier angelangt ist, erzählt eine bezeichnende Entscheidung des neuen Czare«.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.