Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 91 (22.11.1894)
- Date
- 1894-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1703 zu urtheilen begann, konnte sich das jetzt selbst zugestehen. Wie sehr er auch geirrt hatte, wie wenig vernünftig und Gottergeben seine Gedanken auch waren, eine schlechte That hatte er nicht vollbracht, und wäre ihrer wohl auch nicht fähig gewesen. Er hatte ja dies Alles nur gethan für den einen großen und schönen Zweck, der seine glühende Fantasie erfüllte, den er erreichen wollte mit allen Mitteln, die einem Menschen zu Gebote stehen, den er glaubte erreichen zu müssen, und wenn auch sein Leben und das Leben Anderer dabei zu Grunde gehe. War aber dieser Zweck selbst thatsächlich gut und edel, vertrug er sich auch mit dem, was die heilige Religion gebietet und vorschreibt und was den Juden hoch über allem anderen stehen muß? Sind wir Juden denn verpflichtet, ja sind wir auch nur dazu berechtigt, unserem Feinde gegenüber zu tretend Ist nicht Alles, was über uns kommt, uns voraus bestimmt durch den Willen des allmächtigen Gottes, unseres Vaters, dessen erstgeborener Sohn Israel heißt. Und wenn man uns anfeindet, wenn man uns höhnt und verspottet und uns ins Elend schickt, sind wir nicht verpflichtet, es in treuer Hingebung zu tragend Hat Israel eine andre Waffe, als Gebet zu Gott und Buße vor seinem Angesicht? Was soll uns das Schwert nützen, wenn Gott es nicht schärft, was der Vogen, wenn der allmächtige Gott im Himmel ihn nicht gespannt? Welch' ein wahnsinniges Beginnen ist es für Israel, ankämpfen zu wollen gegen seine Feinde, die ja Gott selbst gesandt hat, um es zu züchtigen, die nur in seinem Aufträge kommen, und kein andres Wort reden dürfen, als was der Allgewaltige ihnen in den Mund gelegt. Können wir siegen gegen Gottes Willen und ohne Gottes Geheiß, lenkt er nicht Alles, und ohne seinen Befehl fällt kein welkes Blatt vom Baum. Juda's Vertheidigungsschwert ist nur seine Zunge, durch die es um Gnade fleht vor dem allmächtigen Gott, und seine Siegeshoffnung besteht allein in der Rückkehr zu seinem Vater im Himmel. So dachte Elischa, während er neben Esther dahin schritt. Sie hatte es ihm gesagt, daß sie die Hoffnung gehegt habe, jene große Bitte, die er an König Kasimir richten wollte, und die er nicht wagte auszusprechen, ehe der Kampf gegen die Russen glücklich beendet, das Ziel dieser großen Bitte, hatte sie gemeint, werde sie selbst sein. Elischa werde Esther von dem König erbitten. Das war es, womit sie sich geschmeichelt hatte. Das war es auch, was sie so schwer kränkte von ihm, so sehr, daß er ihr fast zum Widerwillen geworden war; und hätte er damals gehandelt nach ihrem Wunsche, wie gut wäre eS gewesen für ihn, für Esther und auch für das ganze Haus Israel. Jetzt konnte die Stimmung des Königs gegen die Juden leicht Umschlagen. Nachdem er von der Jüdin, die er liebte, verlassen worden war, jetzt war das Loos der Juden in Polen ein ungewisses geworden. Wie anders aber hätte dies Alles noch werden können, wenn damals, ehe die Liebe Esther's zu dem König noch völlig erwacht war, Elischa sie von ihm erbeten hätte und weiter nichts; er wäre glücklich geworden mit seinem Weibe und der König wäre dankerfüllt gewesen für den Juden, der ihm Krone und Ehre gerettet und niemals wäre der Haß und der Widerwillen gegen Israel erzeugt worden im ganzen Volke, worunter nun die Juden Polens so schwer zu leiden hatten. Aber von seinem Ehrgeiz und von Eitelkeit verblendet, wollte er ein Messias werden, wollte er ein Reich Israels gründen, ohne daß Gott den Grundstein dazu legte. „O verblendeter, wahnsinniger, thörichter Mann." rief er sich selber zu, „was willst Du erbärmlicher Wicht ausrichten, wenn der Ewige nicht mit Dir ist und Deine Hand führt. Du hast es eingesehen wie wenig die Menschenkraft vermag. Ja. der König hat Recht gethan, meine kindische Bitte zurückzuweisen." Israel vermag nicht sich selbst zu retten und zu erhöhen. Nur Gott allein kann seine frühere Größe und Herrlichkeit wieder ausrichten, wenn er die Zeit hierzu für gekommen hält.- Elischa wagte es nicht, Esther anzureden, und auch sie sprach kein Wort zu ihm. Von Zeit zu Zeit schweiften seine Blicke zu ihr hinüber, und wehe ward es ihm ums Herz, wenn er ihre von Gram und Kummer entstellten Züge sah. Und dennoch, wenn er sie so von der Seite betrachtete, wie sie dahin schritt, diese herrliche, ebenmäßige Gestalt und dieses Gesicht voll Güte und Herzlichkeit, es lag etwas so sehr gebietendes und auch etwas so rührendes in ihrem ganzen Wesen, daß er ihr gerne zu Füßen gesunken wäre, um den Boden zu küssen, über den sie dahin schritt. Aber er hatte ihr gelobt, daß er in keiner Weise sich ihr nähern wollte, datz sie ihm heilig sei, und nicht wie ein anderes Menschenkind. Aber später, wenn sie erst wieder in wohnlichen Stätten verweilen dürften, ob er dann wohl jemals hoffen dürfte, ihr Herz wiederzugewinnen, ob sie wohl je die Neigung zu Kasimir werde vergessen können, und zu ihm zurückkehren, dem sie doch einstmals gut gewesen.