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Der Israelit · 1894-11-22 · Heft 91 (22.11.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 91 (22.11.1894)
Date
1894-11-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1702 meinde zu Berlin angehört haben, in den ganzen 90 Jahren seines Bestehens diese höchste Ehrenbezeugung bisher nur dreimal ertheilt hat, nämlich an die früheren Vorstandsmitglieder Joel Wolfs Meyer, Siegfried Beschütz und Herrmann Demuth. Der Vorstand überreichte dem Gefeierten das in einer kunstvoll ausgestatteten Adresse enthaltene Diplom mit einer herzlichen Ansprache des stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Hermann Landsberger. Die Antwort des neuen Ehrenmitgliedes legte Zeugniß ab für seine Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, die zwar denen, die ihn kennen, nichts Unerwartetes sind, aber stets auss Neue entzücken und rühren. Dann folgte die unter Zuziehung des größeren Ausschusses stattfindende Arbeitssitzung, die der Vorsitzende mit einem geschichtlichen Rückblick auf die 90jährige Thätigkeit einleitete. Der Verein hat im vergangenen Jahr über 200 neue Mitglieder gewonnen (fast ausschließlich durch die Bemühungen des Herrn Mannheimer.) Auch gestern standen wieder 38 Kandidaten zur Kugelung und dadurch wurde es ermöglicht, daß die Stammrolle der Mitglieder an diesem Stiftungstage die Zahl 1000 erreichte und überschritt. Das zweite Tausend begann mit einem Herrn — Adam, was eine glückliche Perspektive in die Zukunft eröffnet. Berlin, im November. Am 1. April nächsten Jahres erscheint der X. Jahrgang des Statistischen Jahrbuch's des Deutsch-Israel. Gemeindebundes über die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden in Deutschland für 1895. Zu diesem Zwecke hat das Büreau des Bundes an die isr. Gemeinden einen Fragebogen versandt. Das Interesse, welches von Behörden und Prviaten dem „Statistischen Jahrbuche" entgegen gebracht wird, läßt hoffen, daß auch für den neuen Jahrgang durch Beantwortung dieser Fragen betreffs der isr. Gemeinden zur Vervollkommnung dieses nützlichen Nachschlagebuches beigetragen wird. Auch wäre es wünschenswerth, daß Erlasse der Verwaltungsbehörden und gerichtliche Entscheidungen aus den jüngsten Jahren, jüdische Angelegenheiten betreffend, zum Abdruck für den Anhang eingeschickt werden. Leipzig, 13. Nov. Der berühmte Antisemit Paulus Meyer steht zur Zeit vor der Strafkammer III des hiesigen Landgerichts, angeklagt wegen des Inhaltes einer im Januar 1893 erschienenen Broschüre „Wölfe im Schafspelz — Schafe im Wolfspelz," in der die Pastoren Bodelschwingh- Bielefeld und Boß-Paris des unsittlichen Umgangs mit zwei Diakonistnnen, Stadtmissionar Obschatt in Danzig der Veruntreuung gesammelter Gelder beschuldigt und Professor Dr. Strack-Berlin schwer beleidigt wurde. Meyer vertheidigt sich, obwohl schwer krank, doch mit Lebhaftigkeit. Er ist in Danzig wegen BettelnS mit 14 Tagen Gefängniß, in Wien wegen Beleidigung mit 4 Monaten und darauf wegen MajestätSbeleidigung mit 8 Monaten Kerkers bestraft. Die Verhandlung dürfte 3 Tage währen, da Meyer Verschleppungsanträge stellt. Unter den Zeugen bemerkten wir die Pastoren Voß-PariS, Dr. Weißbach und Missionar Faber. Rehua, 9. Nov. Auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe wurde heute die im hohen Alter von 88 Jahren verstorbene Frau Jtzig beerdigt. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß die hiesige israelitische Gemeinde vor Jahren eine große Gemeinde mit eigener Schule und eigener Synagoge gewesen ist. Zu der Gemeinde, die jetzt nur noch aus 2 Familien in Rehna und 3—4 Familien in Gadebusch besteht, gehörten ursprünglich auch noch die Glaubensgenossen in dem benachbarten GreveSmühlen, welch' Letztere sich vor ungefähr 20 Jahren eine eigene Gemeinde gebildet haben. Nachdem die hiesige Gemeinde in Folge Fortzuges und Tod vieler Mitglieder nach und nach immer kleiner geworden und daher die Kosten für die Unterhaltung des ReligionSlehrers und dir Instandhaltung der Synagoge nicht mehr aufgebracht werden konnten, wurde die letztere vor 10 Jahren öffentlich meistbietend auf Abbruch verkauft. Die Bundeslade und sonstige Heiligthümer sind mit einer Urkunde über die Veranlassung auf dem Friedhofe versenkt worden. Der kleinen Gemeinde gehört jetzt nur noch der mit einer Ziegelsteinmauer umgebene Friedhof, sowie das neben demselben gelegene Wärterhaus, in dessen Anbau auch der Leichenwagen untergebracht ist. Feuilleton. Esterka, Königin von Noten. Historische Erzählung von Hugo Freund. 44.) (Nachdruck verboten.) Es war eine trübselige, schweigsame Wanderung dieser beiden Menschenkinder, wie sie nun durch die Steppen einsam bei finsterer Nacht dahin schritten. Zwei schwer gedrückte Herzen, denen Muth und Freude in dem wilden Toben des Lebens verloren gegangen waren. Dem Einen nicht ohne eigene Schuld, der Anderen durch eine grausame und unheilvolle Verkettung von Umständen. Keiner von beiden redete ein Wort. Sie waren beide zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Elischa hatte wieder und wieder alle Ereignisse der jüngsten Zeit bedacht, und immer mehr wurde ihm klar und deutlich, daß er eine Verschuldung auf sich geladen hatte. Seine Sünde hieß Selbstüberhebung, seine Sünde hieß Mangel an Gottvertrauen und Mangel an echtem und wahrem Glauben. Er hatte der Vorsehung vorgreifen wollen, er hatte gleichsam Gott zwingen wollen, sich seines Volkes Israel anzunehmen und es zu erlösen aus der Pein, die der Allmächtige zur Läuterung desselben bestimmt hat. Elischa war unzufrieden gewesen mit dem Loos, das Gott seinem Volke Israel bestimmt. Er meinte, es verdiene es nicht, gedrückt und ntedergetreten zu werden von der Rohheit und Willkür der anderen Völker. Er meinte, es sei edel und stark genug, wieder eine Nation zu sein, wie es früher gewesen, groß, mächtig und Achtung gebietend, angesehen und verehrt von Allen, denen sein Name genannt wird. Das war das Lebensziel dieses Schwärmers. Diesen einzigen Zweck hatte er sich gesetzt, und zu seiner Erreichung hatte er alle Errungenschaften und Erfolge dahin gegeben, die er früher erlangt. Ja er hatte sogar sein persönliches Glück diesem Wahn zum Opfer gebracht. Gewiß war ja die Handlungsweise Eltscha's edel und selbstlos. Elischa, der nun mit Ruhe und Kaltblütigkeit über seine eigne Handlungsweise nachzudenken und

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