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Der Israelit · 1894-11-19 · Heft 90 (19.11.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 90 (19.11.1894)
Date
1894-11-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ßrirenben Thell des Judenthums betrachten. — Deshalb schlug ich den modernen Rabbinern, welche einen Vortrag halten wollten, vor, für ihre Themata nur solche Lehrsätze des historischen Judenthums zu wählen, die beweisen, daß Israels Religion keine veraltete ist, ein Glaube, der die wissenschaftliche Untersuchung nicht zu scheuen hat. Wegen dieser allgemein gehaltenen Vorträge, dann auch wegen der Personen, welche vortrugen, sind wir vielen Angriffen ausgefitzt gewesen, allein ich habe es als zweckmäßig angesehen, im Anfänge Redner jeder Tendenz in dem Vereine sprechen zu lassen. Die einzige Beschränkung, welche wir uns auferlegt haben, ist die, daß wir nie Vorträge mit anarchistischen Tendenzen gestattet haben, ebensowenig solche, die das Judenthum od er seine heilige Li tteratur verspott et hätten. Die offizielle Sprache unserer Vereinigung ist selbstredend englisch. Aber cs wäre Zeitverlust kürzlich angekommene Einwanderer englisch zu begrüßen, bevor sie dieses verstehen. Da alle russischjüdischen Einwanderer mehr oder weniger gut deutsch verstehen, haben wir den Gebrauch des Deutschen und Englischen hauptsächlich gestattet. Wir haben uns aufdasstrengste gegendenGebrauch des Russischen bei den Versammlungen gewehrt. Es giebt unter diesen russischen Einwanderern viele, die ihre Muttersprache richtig und fließend sprechen und die sortfahren, sie in diesem Lande zu sprechen, ohne den Versuch zu machen, englisch zu lernen. Aber dies ist nicht alles, denn sie bewahren noch eine Anhänglichkeit gegen ihr Stiefvaterland trotz all der Bedrückungen, denen sie dort ausgesetzt waren. Dieses Faktum ist ein Hinderniß für ihre Amerikanisirung. Wir wünschen dem amerikanischen Volke, daß es seine Ideale erreiche, denn dieses Land giebt uns nach einem sehr kurzen Aufenthalte so große Vortheile, wie sie unsere Vorväter nie geträumt haben würden, und welche unsere Glaubensgenossen in so vielen Ländern entbehren. Der Bericht bringt jetzt noch in ausführlicher Weise die Anfechtungen, denen der Verein von Setten der ansässigen, früher eingewanderten russischen Juden ausgesetzt war. Auch die finanzielle Seite des Vereins ist jetzt eine günstige, obgleich Dr. Radin es sehr beklagt, daß der so stark besuchte Verein nicht in der Lage war, sich selbst aus eigenen Mitteln zu erhalten und genöthigt war, die Unterstützung des Baron Hirsch- Komt16s anzurufen. Der Verein erlitt im verfloffenen Jahre einen herben Verlust durch den Tod eines seiner Direktoren Michael Günzburg. Letzterer, obgleich einer der bedeutendsten Fabrikanten Rußlands, ein Mann von großem Reichthum, wurde durch die politischen Ereignisse gezwungen, sein Land zu verlassen. Schkcksalsschläge kamen und machten ihn beinahe arm, allein er trug sein Schicksal mit großer Charakterstärke und arbeitete unentwegt weiter trotz seiner veränderten Verhältnisse. Wir sind stolz, von ihm sagen zu können, daß dieser einst so reiche Mann niemals eine einzige Klage gegen das Leben und Schicksal laut werden ließ. Ec litt, weil er ein Jude war, und ertrug sein: Leiden mit frommer Ergebenheit. Schließlich bedankt sich Herr Dr. Radin für die ihm zu Theil gewordene Unterstützung der amerikanischen Presse. Dem Bericht ist eine Liste der im Laufe des Jahres gehaltenen Vorträge beigefügt, welche unter anderen, die Themen „Jüdische Märtyrer", „Abraham Linkoln", „Kossut", „die Gründe der amerikanischen Revolution", „Pesach, das Fest der Freiheit" rc. enthält. ZeitrmgS«achrichten und Correfponderrzerr. Deutschland. R. Aus dem Grotzherzoglhum Hessen. Das Gr. Regierungsblatt Rc. 28 veröffentlicht die Bestätigung von Stiftungen durch Se. Königl. Hoheit den Grobherzog. Darunter befindet sich die Stiftung des Leop. Schestel aus Worms im Betrage von 1500 Mk. an die Stadt zur Anschaffung von Steinkohlen für Arme und 513 Mk. des Wolf Löb zu Michelstadt an die isr. Gemeinde daselbst zur Unterstützung von lOjüdischen Armen. Diesen 2 Stiftungen stehen aber 6 Stiftungen von Evangelischen im Betrage von 77,705 Mk. und 14 von Katholisch enim Betrage von M. 204,043 gegenüber. Betrachtungen wollen wir hier nicht anstellen, da die Zahlen sprechen. Wie mancher kleinen jüdischen Gemeinde würde geholfen werden, wenn die nach den Städten ziehenden reicheren Elemente ihre Heimathgemeinde durch eine Stiftung in den Stand setzen würden, für ihre Kultusbedürfniffe leichter sorgen zu können. Vielleicht haben diese Zeilen einen günstigen Erfolg. Bremen, 13. November. Der erste Trupp der auf Kosten des Herrn Baron Hirsch in Argentinien anzusiedelnden russischen Glaubensgenossen, gegen 300 Personen, trifft morgen von der Desinfektionsstation Ruhleben hier ein. Die Emigranten werden mit dem Dampfer „H. H. Meier" des Norddeutschen Lloyd befördert. Die Direction dieser Dampfschifffahrts-Gesellschaft läßt alle Anordnungen treffen, damit die Leute an Bord rituell verpflegt werden. In Antwerpen kommt lebendes Vieh an Bord, damit sie während der 30 tägigen Uebersahrt Fleilchspeisen genießen können. Auch während des Aufenthaltes in Bremen, wo die Emigranten in

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