Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-11-19 · Heft 90 (19.11.1894) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 90 (19.11.1894)
Date
1894-11-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448493--39647-2487806
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXY. Jahrgang. Mage ju M 90 -es „Israelit". Leitender Artikel. Wusjifche Juden in Amerika. New-Nork, im Oktober. Die Russ.-Amerik.-Jüd. Vereinigung sendet uns ihren vierten ausführlichen Bericht, dem wir einige Mittheilungen entnehmen. Der Bericht besteht aus einem Vortrage des Präsidenten Dr. M. Radin und einem solchen des Secretärs und Viceprästdenten Isidor Morisson. Wie der Präsident Dr. Radin ausführt, waren die Hoffnungen auf Begründung dieses Vereines zuerst eine Kette von Enttäuschungen. Die Idee, eine solche Gesellschaft zu begründen, sagt Herr Radin, entstand bet mir bald, nachdem ich mich in New Z)ork im Mai 1890 niedergelassen hatte. Ich consultirte verschiedene unserer hervorragenden Mitbürger in dieser Angelegenheit, da ich ihre werthvolle Mitwirkung zu erlangen wünschte, allein mit wenigen Ausnahmen wiesen diese meine Vorschläge zurück. Viele von ihnen hielten die Begründung, hauptsächlich aus russischen Juden bestehend, als ein unmögliches Unternehmen. Viele machten sich sogar über die Idee lustig „rujsischeJuden in eine Korporation zusammenzubrkngen, die auf parlamentarische Art geleitet würde." Man warf mir sogar die Absicht vor, pekuniäre Vortheile aus dem Unternehmen ziehen zu wollen. Schließlich gelang es mir, eine Anzahl von Personen für meine Pläne zu interessiren. Mr. Jakob Phillips lud etwa 50 Personen ein, sich am 5. August 1890 in Harris’s AssemWy rooms zu versammeln, und nach einer langen und stürmischen Debatte wurde die Association begründet. Obgleich die Aussichten im Anfänge gar nicht günstig waren, begann ich für den Zweck der Gesellschaft zu arbeiten und wurde dabei durch zwei junge Leute kräftig unterstützt; Dr. Max Margolis und Mr. Caspar Levtas, zwei Männer, auf die unsere Landsleute nur stolz sein können. In dem ersten Jahresbericht von 1891 schrieb Dr. Margolis: „Sein (Radtns) Zweck war in erster Linie jedenfalls in den Herzen unserer Landsleute das Gefühl der Selbsthülfe zu erwecken und durch eine einheitliche Bewegung zu zeigen, daß die russischen Juden von New Jork mit sich allein fertig werden könnten. Der Hauptzweck sei eine Demonstration, nichts weiter." Gegen die Worte „nur eine Demonstration" muß ich mich verwahren, da das junge Unternehmen sogleich, wenn auch anfangs schwach, den Keim späterer Nützlichkeit in sich trug. Die Meinungen der Stadt über die russischen Juden waren teilweise optimistischer, thetlweise pessimistischer Natur, die Ursache vollständiger Unkenntniß, die nicht-jüdische und jüdische Presse brachte lange Berichte über die lärmenden und gesetzwidrigen Versammlungen der jüdischen Anarchisten, ihrer nichtswürdigen Versammlungen und Bälle am Vorabend des Versöhnungstages. Die Vorsteher der jüdischen Wohlthättgkeitstnstitute kannten auch nur die Einwanderer, die sich um materielle Hülfe bei ihnen bemühte. Viele waren gewohnheitsmäßige Bettler. Sie wußten daher sehr wenig von den Tausenden von intelligenten und arbeitssamen Männern und Frauen unter ihnen. Auf diese Weise war die öffentliche Meinung eine sehr ungünstige. Die Ehre unserer Landsleute stand auf dem Spiele. In unseren Versammlungen wurde über jeden Zweifel festgestellt, daß die Kritiker der russischen Einwanderer den Gegenstand ihrer Angriffe gar nicht kannten. Wäre unser Verein nur begründet worden, zum Zwecke einer Demonstration, so wäre dies nach kurzer Zeit erreicht worden. Allein wir hatten einen viel wichtigeren Zweck im Auge. Wir wollten uns amertkanistren und uns in Geist und That vervollkommen. Vier Jahre sind verflossen, seitdem unsere Vereinigung gegründet wurde, die Führer und Beamten sahen ihr Werk mit Erfolg gekrönt. Friede und Eintracht. Ordnung und Anstand herrschten in unseren Versammlungen. Tüchtige Redner und Vortragende ersten Ranges wurden eingeladen, in unserem Vereine Ansprachen zu halten, und sie fanden aufmerksame und anerkennungsfreudige Zuhörer. Eine Neuerung, namentlich für die orthodoxen Juden, die Anwesenheit von Damen bei diesen Versammlungen wurde aufs freudigste begrüßt, und von den Frauen stark in Anspruch genommen. In den Vorträgen, die ich selbst vor der Association, größtentheils in deutscher Sprache hielt, suchte ich meine Zuhörer hauptsächlich mit dem Worte unserer Weisen zu erfüllen: „Alle Israeliten sind einer für den anderen verantwortlich," was besonders wahr in Hinsicht auf die russischen Inden ist, denn ste leiden nicht allein unter den Vorurtheilen der Nichtjuden, sondern auch unter denen ihrer eigenen Glaubensgenossen, und deswegen verlangt ihre Ehre und ihr Ansehen, daß sie aus ihrem Benehmen alle Eigenheiten entfernen und die Kritik nicht herausfordern. Unsere Vereinigung ist in keiner Weise eine religiöse. Wir wissen, daß unsere Landsleute, die sogenannten Ceremonialgesetze als einen inte-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.