Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 89 (15.11.1894)
- Date
- 1894-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1655 „Nicht wahr Esther, Du liebst mich ja. Du wirst mein Flehen erfüllen." Immer stürmischer und wilder scholl der Ruf aus der Versammlung, und immer dringender verlangte man, daß es geschehe, wie der Erzbischof gesagt hatte. Da erhob sich Kasimir und rief in den Sturm hinaus: „Freunde, Brüder, wir wollen Euch zu Willen sein. Doch zu was sollen wir jetzt schon in die Kirche gehen; erst wollen wir hier unseren Rath zu Ende halten und unser Fest feiern, und hiernach Gott danken, daß Alles so wohl gelungen. „Esther, meine Gattin aber wird es Euch Allen sagen, daß sie die unsere ist." Da erhob sich Esther und mit Ueberwindung aller Scheu ries sie in die Versammlung hinaus. „Der Gott Kasimirs, meines Gatten, ist auch mein Gott! Sein Glaube ist auch der meine." Als man gesehen hatte, daß Esther stch erhob, war tiefe Stille entstanden. Kaum aber hatte Esther geendet, da ertönte ein markerschütternder, schriller Schrei durch den Saal, als ob ein Mensch zu Tode getroffen worden wäre. Alle Blicke wendeten stch dahin, woher der Ruf gekommen. Ein alter Mann mit schneeweißem langen Bart hatte ihn ausgestoßen und wie entsetzt machten Alle eine Gaffe vor ihm, und er stürmte vorwärts und gelangte bis an den Thron des Königs. „Esther, Esther, mein Kind," schrie er auf, „so ist es denn wahr, das Fürchterliche, was ich nicht glauben wollte. Ich habe mein Kind verloren. „Esther, Du bist abtrünnig geworden; Du hast Gott verlassen und verrathen." „Mein Vater," schrie Esther, und wollte sich an den Hals des alten Mannes werfen. Dieser aber wehrte sie mit beiden Händen ab und schrie: „Abtrünnig, hinweg von mir." Er hatte beide Hände erhoben, aber in diesem Augenblicke schienen ihn die Kräfte zu verlassen, und er stürzte leblos zusammen aus den Stufen des Thrones. „Vater, Vater," schrie Esther verzweiflungsvoll, „Gott, er stirbt. Vater! höre mich! Ich bin Jüdin geblieben; es war Alles nur Schein, und war Alles nur Lüge. Ich bin eine wahre Jüdin geblieben, und laut rufe ich es aus: „Schma jisroel ado . . . elokenu ado... echod.“ „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" Mit Aufmerksamkeit war die Versammlung der Scene gefolgt, und als Esther laut gerufen, daß Alles nur Lüge und Schein gewesen, da erhob sich ein furchtbarer entsetzlicher Sturm in der Menge: Die Adeligen riffen ihre Schwerter hervor, die Leute aus dem Volke suchten Waffen, wo sie sie finden konnten und mit furchtbarem Tumulte stürzte Alles nach vorwärts auf Esther zu. „Tod der Lügnerin! Tod der Jüdin! Zerreißt sie, haut sie in Stücke," schrie es von allen Seiten, und wie eine wild gewordene Heerde von Bestien drang die Menge vorwärts durch den Saal nach dem Throne. König Kasimir hatte sein Schwert gezogen, und stellte sich schützend vor Esther hin und auch der Kanzler Melchtin und einige der treu ergebenen Freunde des Königs thaten dasselbe. Aber die Menge hielt auch nicht vor der Person des Königs inne, denn ihre Leidenschaften, der fanatische Haß, ihre Wuth auf die Juden, die so lang unterdrückt worden war, schlug nun mit voller Kraft empor, und man konnte den Augenblick voraus sehen, da die wenigen Getreuen, die um den König standen, gefallen und nicht mehr im Stande wären, ihn und seine Gattin vor der Wuth der Menge zu schützen. In diesem Augenblicke erscholl ein furchtbares Getöse; der Thronseffel stürzte zusammen, und eine mächtige Flamme schlug fast bis zur Decke des Saales empor, während dicke undurchdringliche Rauchwolken, wie eine Scheidewand sich zwischen den König und die Volksmenge legte. Alles stand wie erstarrt. Niemand wußte, woher die Flammen kamen. Alles stürzte entsetzt nach der Ausgangsthüre des Saales, aber die Thüre war zu eng, und als sie sich umwandten, da begann der Rauch zu verziehen und man sah nur noch die Trümmer des Thronseffels im Saale. Der König selbst war gegen die Menge immer weiter vorgedrungen im Saale und war in dem Augenblick, als der donnerarttge Knall erfolgte, weit entfernt von dem Thronseffel. Als er sich nun zurückwandte, da war Esther verschwunden. Sofort begann man die Trümmer des Thronseffels weg zu räumen, aber man fand nur die Leiche Rabbi Jehoschua's, der schon, bevor die Flammen emporzüngelten, in den Armen seiner Tochter verschieden war. Von Esther selbst war keine Spur zu finden. Schnell verbreitete stch im ganzen Volke die Meinung, daß der Teufel selbst gekommen wäre, um die gottvergessene Jüdin hinab zu holen, in die Hölle. Der König war schier sinnlos vor Wuth und Entsetzen; er war nicht so thöricht, die Meinung des Volkes zu theilen, daß ein höllischer Spuck ihm seine Gattin entführt. Er vermuthete vielmehr, daß irgend einer seiner Feinde einen heimlichen Racheakt geübt und so seine Gattin ihm entführt hätte.