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Der Israelit · 1894-11-15 · Heft 89 (15.11.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 89 (15.11.1894)
Date
1894-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1650 arten, in dem Concurrenz- und Geschäftsneide. Die jüdischen Studenten lieben eben das Bummeln und Kneipen nicht, fangen schon im ersten Semester an ernst zu studiren, werden früh fertig, werden tüchtig in ihren Berufszweigen, machen auf allen Gebieten der Wissenschaft eine nicht zu unterschätzende Concurrenz. vermöge ihrer angestrengten Arbeit sind sie tüchtig in ihrem Fache, ste sind also in den Augen der antisemitischen Bummler einfach Streber und Philister. Die „Statistische Correspondenz" stellt die Studiendauer konfessionell neben einander und kommt zu dem Resultate, daß der Prozentsatz der Semesterzahl am geringsten bei den jüdischen Studenten ist. Dieser Prozentsatz lautet für 1886—88, bei Juristen: Evang. 7,47 Semester Kathol. 7.55 „ Jude« 6,97 „ bei Medizinern: Evang. 12,50 „ Kathol. 12,42 Juden 11,11 „ bei Mathemat.: Evang. 11,10 „ Kathol. 13,43 „ Jude« 11,36 „Aus den vorstehenden Zahlen", so bemerkt hierzu selbst die „Norddeutsche Allgemeine Ztg." gebt bervor. daß die Juden im Ganzen mehr als die Christen bestrebt sind, den Aufenthalt auf der Universität auf die vorschriftsmäßige Zeit zu beschranken. Besonders scharf tritt dieses ihr Bestreben bei den Medizinern hervor, für welche, wenn sie nicht gedient hatten, eine durchschnittliche Studiendauer von nur 10.87 Semestern ermittelt ist, gegen 11,99 bei den Evangelischen und 12,14 bei den Katholiken. Selbst in den Fällen, wo die jüdischen Mediziner gedient hatten, bleibt ihre durchschnittliche Studiendauer wesentlich hinter der der Christen zurück. Wie die Juden in besonders jungem Lebensalter zur Universität kommen, so verlassen sie dieselbe — dieses zeigt sich immer wieder — auch nach kürzerem Aufenthalte. Es wird demnach, schon alle anderen Einflüffe zu ihren Gunsten zugegeben, wohl auch zugestanden werden müffen, daß, wenn eine allerdings kaum nachweisbare höhere Befähigung, so doch im Allgemeinen ein vielleicht regerer Fleiß auf Seiten der jüdischen Studirenden vorhanden ist." So die „Norddeutsche Allgemeine Ztg.", die wohl nicht als Judenblatt von den Antisemiten bezeichnet werden kann. Gegen den Meid anzukämpfen aber vermögen wir nicht und so trösten wir uns in dem Bewußtsein: „Besser beneidet als bemitleidet." Biel ernster aber als ein Blick in die politische Zukunft für uns ' Juden gestaltet sich noch ein Blick in die r eli Ms Zukunft. Hier ist es wiederum die Jugend, die unsere Aufmerksamkeit feffelt und zwar diesmal die deutsche jüdische Jugend. Die Hoffuungsmelodien mögen noch so herrlich von den Kanzeln der jüdischen Gotteshäuser ertönen, die Jugend mag noch so sehr als der rettende Eugel des Judenthums gepriesen werden, hüten wir uns vor Selbsttäuschung, seien wir offen. Es mag vielleicht in einigen süddeutschen Gemeinden besser sein, in Nord- und Mitteldeutschland sind alle Hoffnungen auf die Standhaftigkeit der jüdischen Jugend geschwunden. Bedenken wir nur, daß das Wasser, das im ersten Gefäße heiß war, im zweiten nur warm, im dritten lauwarm und im vierten schon kalt ist. Unsere alten wahrhaft frommen Juden sterben dahin, die Väter halten noch die Vorschriften aus Pietät, deren Kinder aber entweihen den Sabbat und viele, viele von den halbfrommen Eltern lassen es ruhig geschehen, weil sie sonst die Existenz ihrer Kinder bedroht zu sehen glauben. Wie schwer hält es dem jungen Kaufmann eine Stelle zu finden, wo er den Sabbat nicht entweihen muß, und wenn wir auch die unendliche Strebsamkeit der zu diesem Zwecke bestehenden Vereine lobend anerkennen müssen, doch viele Geschäftsinhaber nützen diesen Zwang reichlich aus und so stehen die frommen jungen Leute pekuniär zurück. Ich wage es offen auszusprechen, was tausende fromme Juden nur denken, wollte Gott es wäre anders, aber es liegen mir zahlreiche Beweise zu meinen Behauptungen vor, die sich sowohl auf den Kaufmannsals auch auf den Handwerkerstand beziehen. Wer aber wahrhaft fromm ist, wird trotz aller Schwierigkeiten, trotz materieller Verluste standhaft bleiben und bedenken, daß gerade in der Entsagung und Prüfung die Frömmigkeit bestehet, daß gerade Opfer der Prüfstein des echten Glaubens sind. Zu dem Rückgänge der Religiosität haben auch Rabbiner und Lehrer das ihrige beigetragen. Die Gemeinden richten sich sehr nach den Anschauungen ihrer Führer, betrachten wir nur einzelne Lehrer in Westfalen, so haben wir den Schlüssel, wie es möglich war, daß ein VogelsteinscheS Gebetbuch dort Eingang finden konnte. Wenn alle die sogen. Prediger und Lehrer mit Ernst und Wärme selbst für die Heilighaltung unserer Gesetze energisch eintreten würden, dann erst könnte an eine Neubelebung des jüdischen frommen Geistes gedacht werden. Der Ruf muß von oben kommen, denn das Haupt ist der führende Theil des Körpers, und wenn die Führer es ernst nehmen, dann können wir auf eine Neubelebung des jüdischen Glaubens hoffen. Fragen wir heute aber: Was wird uns die Zukunft bringen sowohl in politischer, als auch in religiöser Beziehung, so muß die Ant-

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