Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 89 (15.11.1894)
- Date
- 1894-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. M 89 Der Israelit. Ein Eenlrat-Hrgan für das orthodore IudenLHum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, de» IS. November SSSS (1894). Leitender Artikel. Was wird die Zukunft Bringen? Von Dr. Mannheimer, Großherzogi. Oldenburg. Landesrabbiner. So oft die politische Wetterfahne mit dem Kommen und Gehen historischer Persönlichkeiten, leitender Staatsmänner sich drehet, fragt sich unwillkürlich der Jude: „Was wird die Zukunft bringen?" Halb hoffnungsvoll, halb furchtsam bewegt der Zweifel das Herz: „Wird es anders werden? Wird eS besser, wird es schlimmer?" Doch der Eine Trost belebet uns zu allen Zeiten, wenn eine politische Krists eintrttt: Minister kommen und gehen, und kein Ding ist so vergänglich als ein Minister. Eines aber ist es, das unvergänglich ist, Eines, dem ewig die Zukunft gehört, daS ist die deutsche Jugend. Wenn man auf sie einzuwirken versteht zum Guten, so wird auch die Zukunft dem Vaterlande Erfreuliches bringen. Jndeß ein Blick auf die deutsche Jugend entrollt uns ein trauriges Bild, das die dämmernde Hoffnung auf bessere Zeiten jäh zerreißet und in der Ferne uns düstere Wolken zeiget, die allerdings, wtlls Gott, wie alle Gewitterwolken in der Ferne schwarz erscheinen, über unserem Haupte aber später durch den Sturm in ein Nichts zerstieben mögen. Wohl sind es feststehende Gesetzksparagraphen, nach denen die zukünftigen deutschen Beamten, unsere jetzigen antisemitischen Musen'öhne ihre Entscheidungen und Verfügungen zu treffen haben, und diese Gesetze machen Gott sei Dank keine konfessionellen Unterschiede, doch Paragraphen sind dehnbar und in tausend Fällen hängen Beamte und Gerichtsentscheidungen von der subjektiven Auffassung ab, wie das Urtheil eines thüringischen Oberamtsrichters im Januar gegen einen jüdischen Kaufmann klar bewies, der wegen Beleidigung zu 14 Tagen Gefängntß verurtheilt wurde und nicht zu einer blosen Geldstrafe, weil „diese," so lautete die Begründung, „doch von der Gesammtheit der > Juden gemeinschaftlich getragen werde." Wie wird es erst in der Zukunft aussehen, wo die tausende von antisemitischen Studenten in den Staatsdienst getreten sind? Denn die Universitäten sind die Brutstätten des Antisemitismus, dort werden die zukünftigen Staatsbeamten erzogen, dort von der Quelle der Wissenschaft, dort von dem Borne der Bildung wird das Gift aufgesaugt, das einstens als verderbliche Saat hiuausaetragen werden soll in die Gauen des deutschen Vaterlandes. Es trifft weder die Staatsnoch die Untversitätsbehördeu ein Vorwurf, sie können eS nicht verhüten, wenn einzelne Professoren, wie Trettfchke in Berlin unzählige Studenten mit antisemitischen und politisch reaktionären Witzen in ihren Vorlesungen zu anhaltenden tosenden Beifallssalven hiureißen, aber dieser Beifall grade zeiget, daß das Gift in die Studentenschaft bereits eingedrungen. Die studentischen Corporationen sind zum größten Theile antisemitisch und jeder neu etntretende akademische Bürger muß, nachdem er bis ins zehnte Geschlecht feine arische Abstammung bewiesen, Antisemit werden. Die Erfahrung beweiset, daß dte Herren Studenten dieser Gattung von den jüdischen Geschäften jetzt in ihrer Selbstständigkeit nicht mehr ihre Anzüge beziehen, wo dte Eltern, so lange sie noch zu sagen hatten, zu kaufen gewohnt waren. Aber es gehet noch weiter. Selbst auf den Gymnasien hat mit der studentischen Nachäfferei auch dieser Giftbaum schon Wurzel geschlagen und in vielen sogen. „Literarischen Vereinen," der Primaner bestärkt sich in den Statuten schon der Paragraph, daß Mische Schüler oder Schüler jüdischer Abstammung in den Verein nicht ausgenommen werden können.". Junge Leute also, dte noch keine Ahnung von PoliM oder Lebenserfahrung haben, nehmen aber von vornherein, natürlich unter dem Etnfluffe der in den Ferien als Studenten in ihrer Hetmarh wellenden früheren Kameraden, eine antisemitische Haltung et». Wohin soll das führen? Freilich liegt der Grund auch hier, wie in den übrigen antisemitischen Spiel-