Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 88 (12.11.1894)
- Date
- 1894-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1638 speciell die Statistik der Concurse bertifft, welche Abg. Dr. Pattai besonders hervorgehoben hat, so ergibt dieselbe nach den Ausweisen des Justizministeriums, daß im Jahre 1885 ein Concurs entfiel in Niederösterreich auf 9241 Einwohner, in Böhmen aus 20,148, in Mähren auf 16,823, in Galizien dagegen auf 44,804. Aehnliche Daten ergeben alle übrigen Jahre. Redner beschwert sich darüber, daß den jüdischen Sträflingen in den Gefängnissen nicht rituelle Kost verabreicht werde. ES sei vorgekommen, daß verhaftete Juden in Galizien, weil sie eine nichtrituelle Kost nicht genießen wollten, im Kerker vor Hunger gestorben find. Er appellirt an den Justizminister, hier Wandel zu schaffen. Es gehe nach dessen eigenen religiösen Anschauungen nicht an, die verurteilten Juden zur Uebertretung ihrer Religionsgesetze zu zwingen. Abg. Dr. Kronawetter behauptete, es gebe kein Strafgesetzbuch, welches so viele religiöse Delicte hat, wie das unsrige. Allein wir leben auch in exceptionellen Verhältnissen. In Wien kam es vor, daß eine von der Kanzel abgehaltene Predigt, als sie gedruckt wurde, von der Staatsanwaltschaft wegen Blasphemie, wegen Gotteslästerung confiscirt wurde, welche Confiscation in allen Instanzen hindurch bestätigt worden ist. Was nach dieser Richtung in Oesterreich gestattet wird, beweist eine Conserenzrede des Pfarrers Dr. Deckert. Der Minister-Präsident hat beim Empfange einer Deputation des katholischen Lehrervereins dieser empfohlen, sich von der antisemitischen Bewegung und Agitation fernzuhalten. Heute wird er vielleicht selbst die Ueberzeugung gewonnen haben, daß man gegen derartige Ausschreitungen mit frommen Wünschen und Empfehlungen nichts ausrichtet. Will der Minister-Präsident diese Strömung des öffentlichen Geistes, von welcher ich innig überzeugt bin, daß sie dem Christenthum mehr schadet, als uns Juden... Abg. Dr. Lueger: Wir fürchten uns nicht! Abg. Dr. Bloch: Die Criminal-Statistik hat bewiesen, daß seit dem Bestehen der antisemitischen Bewegung die Zahl der jüd. Verbrecher abnimmt, die der christl. zunimmt. Abg. Dr. Lueger: Weil man die jüd. nicht erwischt! Abg. Dr. Bloch: Will der Minister-Präsident diese Strömung zurückdrangen, so muß er daraus achten, daß die Administration und Justiz dieselbe nicht fördere. Wenn der Staat selbst die Juden bohcottirt und von allen Staatsämtern auSschließt, so ist es für den schlichten Menschenverstand eines Saatsbürgers unbegreiflich, warum er persönlich die Juden nicht boykottireu dürfe. Wenn zum Beispiel in den letzten Jahren nicht ein einziger jüdischer AuScultant ernannt wurde, so gelangt der schlichte Mann zu der gewiß irrigen Meinung, daß die Regierung die Juden als Staatsbürger niedrigerer Sorte ansteht. Wir aber sind der Meinung, daß die Staatsgrundgesetze dazu da find, um ausgeführt zu werden, daß der Eid, welchen die Minister auf die Verfassung und auf alle anderen Gesetze leisteten, auch den Juden gegenüber heilig sein muß, und daß es mit diesem Eide nicht verträglich sei, wenn man die Juden entgegen allen Bestimmungen der Verfassung von allen Staatsäwtern auSschließt. Will die Regierung die Staatsgrundgesetze von allen Bürgern gleichmäßig respectirt sehen, möge sie selbst mit ihrem Beispiele vorangehen. Feuilleton. Esterlra, Königin von Noten. Historische Erzählung von Hugo Freu«-. 41.) (Nachdruck verboten.) Sofort legte sich das Gemurmel, tiefe Stille entstand und der Kastellan rief laut: „Wer sprechen wolle, der möge es thun. Jedem sei das Wort frei geaeben, einerlei ob er für oder gegen des Königs Wille reden würde. - „Nach den Gesetzen des Reichs stehe es jedem Edelmann frei, gegen irgend einen Beschluß, der das Reich beträfe, sein veto einzulegen. Jeder Einzelne könne den Beschluß der Gesammtheit zu Nichte machen; das sei allerdings nur bei Dingen, die den Staat angehen. Hier aber, wo es sich um eine Privatangelegenheit des Königs handle, stehe Niemandem das Recht zu, etwas zu gestatten oder zu gebieten. Was der König verlange fei nur ein freundschaftlicher Rath, diesen aber gestatte er nicht allein, er bitte Jeden, der ihm zu rathen habe, es frei und offen zu thun, und wenn auch die Worte, die gesprochen werden sollen, dem König nicht gefielen, so wisse man ja, daß Kasimir viel zu hoch stände, um wegen eines offenen Wortes zu zürnen." Als der Kastellan von Krakau seine Rede beendet und noch immer Niemand das Wort verlangte, da erhob sich endlich der würdige Erzbischof von Gnesen. Aller Augen hingen mit Spannung an seinem Munde, denn es war außerordenlich schwierig, hier öffentlich zu reden. Sich direkt dem Willen des Königs zu widersetzen, das wäre eine That gewesen, die nahe an offene Empörung, an Aufruhr gegrenzt hätte. Wer aber nach dem Willen des Königs gesprochen, der hätte der Versammlung, die dem Wunsche des Königs immerhin noch nicht freundlich gegenüber stand, als ein niedriger Schmeichler und Augendiener erscheinen müssen. Der Erzbischof von Gnesen begann zu reden. „Mein König, wir Alle lieben Dich, und Du selbst weißt es, daß wir bereit sind, Leben und Gut für Dich zu opfern. Wir danken Dir so vieles; weit mehr, als ich es mit einfachen und schlichten Worten im Stande bin zu sagen. Doch brauche ich Dich vor dieser Versammlung nicht zu rühmen. Jeder weiß es, wie viel Du uns bist und was Du uns giltst; bist Du doch aus unserem erhabenen Herrscherhause der Piasten, denen Polen all sein Glück und all seine Größe verdankt, und hast Du Dich doch bisher stets als würdiger Sprosse dieses edlen Geschlechts bewährt und äuch Dir, auch Deiner erhabenen Person verdankt Polen endlich viel. „Ich bin kein Redner, und weiß nicht die Worte zierlich und gut zu fitzen, deßhalb verzeihe meiner einfachen Sprache, wenn ich alle Dinge benenne, wie ich sie empfinde. „Ich muß gestehen, daß Dein Entschluß und Deine Wahl uns Alle überraschte. „Wohl ist es wahr, daß gegen die Person