Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 88 (12.11.1894)
- Date
- 1894-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1634 Vater, Vater Du tödteft Deinen Sohn, der Berg Morijah ist zu steil, die Aufgaben sind zu schwer, die Entsagungen zu bitter, die O^fer zu groß." So tönen die Stimmen aus der „aufgeklärten" Judenheit auch heute noch jedem Vater zu. Aber der fromme Vater läßt sich nicht beirren, in seinem Herzen herrscht Gottvertrauen und ihm ruft eine Engelsstimme zu, aus göttlichen Höhen: „Du streckest Deine Hand nicht aus nach dem Knaben, Du thuest ihm nicht das Geringste, denn jetzt weiß ich, daß Du wahrhaft gottesfürchtig bist, da Du Deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast." „Fürchte Dich nicht, ruft Gott," „laß Dich nicht beirren von den Stimmen der Verführung, die da sagen, Du machest Tein Kind unglücklich, wenn in Frömmigkeit Du es erziehest, fürchte Dich nicht, Du streckest durch diese Erziehung keine Hand nach ihm aus, Du thuest ihm nicht das Geringste, vertraue auf meine Gnade, mein ist das Leben, mein ist der Tod, mein ist die Macht und mein ist der Reichthum. Ich habe die Glücksgüter zu vergeben, und ich werde Deinen Sohn segnen. denn siehe, ich wollte Dich prüfen und jetzt weiß ich, daß Du auch Opfer zu bringen vermagst, ernste, theure Opfer, jetzt weiß ich, daß Du wahrhaft fromm bist." Worin bestehet der wahre Glaube, das wahre Judenthum? In der Opferfreudigk eit. Erst daun bist Du wahrhaft gottesfürchtig, wenn Du standhaft auch Prüfungen für Deine Religion zu bestehen vermagst. Diejenigen, welche ein sogen, „jüdisches Herz" mit allgemeinen Phrasen stets auf den Lippen tragen, deren ganzes Judenthum darin bestehet, daß sie es gegen Angriffe vertheidigen helfen, sie können dieses Judenthum nicht retten, wenn die Stürme an seinen morschen Säulen rütteln, nur diejenigen, die im Stande sind Op fe r zu bringen für ihren Glauben, die den materiellen Gewinn außer Acht lassen und mit freudigem Herzen den Gesetzen des Judenthums fich beugen, die sich Entbehrungen und Entsagungen auferlegen können, die das Erbe der Väter einpflanzen in die Herzen ihrer Kinder, ohne auf den Ruf der Verführung zu horchen, und der Kinder Glück und Gedeihen in Gottes Hand legen, das sind die starken Stützen des Judenthums. Was nützen die Vereine für jüd. Geschichte, wenn man seinejüd. Geschichte gar nicht fortsetzen will, wenn deren Mitglieder, das größte und bedeutsamste Eceigniß der jüdischen Geschichte, die Tempelzerstörung, gar nicht berücksichtigen, den Ttschobeaf gar verspotten? WaS soll aus der Zukunft des Judenthums werden, wenn wohl im Elternhause der Sabbat geheiligt, von den Kindern aber schon in der Schule im Einverständnisse mit den Eltern entweihet wird? Es fehlt eben die Conseqrenz, es fehlt der Math, die Standhaftigkeit die Opferfreudigkeit, es fehlt die Lust Opfer zu bringen für den Glauben und auch die Frömmigkeit in Prüfungen zu bewahren. Doch getrost, mein Sohn, Du fragst: „Wo ist das OpferV „Nun," so erwiedert der Vater, „Gott wird sich schon sein Opfer ausersehen, mein Sohn." Ja, glaube es mir, Gott nimmt sich sein Opfer, wenn Du es ihm versagst. Du hast vergessen, o Jude, des ganzen Weges, den Dich Gott auf so wunderbare Weise geführt hat bis heute, wie er mit so sichtbarer Vaterhand Dich beschützet, trotz der vielen Stürm; und Verfolgungen und Leiden Dich erhalten, nun weigerst Du Dich auch nur kleine Opfer zu bringen für ihn, die göttlichen Gebote umgehest Du, wenn Du einen kleinen Verlust befürchtest. So wisse denn, Gott nimmt sich die Opfer, die Du freiwillig ihm nicht willst geben. Ein schwerer geschäftlicher Verlust, den Er über Dich verhängt, wird Dir den ganzen Sabbatverdienst wieder rauben, Er kann Dich zu sich führen , wenn Du den Weg vergessen hast, er schlägt Wunden, die bluten, er nimmt sich Opfer, die ein Stück Deines Herzens mit sich reißen. Darum gib Gott, was er von Dir verlangt, freiwillig, und ob die Prüfung schwer, aber die wahre Gottesfurcht, sie zeiget sich erst in prüfungsvollen Zeiten. Im Mtdrasch-Jilkut wird uns erzählt: Ein König hatte in seinem Garten einen unermeßlichen Graben, der so tief war, daß das Auge nicht auf den Grund sehen konnte. Eines Tages miethete er viele Arbeiter, daß sie Erde aufhäufen und ihn ausfüllen sollten. Einige von ihnen gingen zum Graben hin und als sie dessen maßlose Tiefe bemerkten, sprachen sie thörichter Weise also: „Wie ist es möglich, diesen Graben auszufüllen?" Und sie zogen sich von der Arbeit zurück. Die anderen Vernünftigen sagten: „Was macht es uns, daß er tief ist? Wir sind für den Tag bezahlt und wir müssen das Werk auszuführen uns bestreben, wir thun unsere Schuldigkeit." So sprechen die Einen Juden: „Gott verlangt zu viel von uns, der Graben ist zu tief, die Gesetze sind zu mannigfaltig, die Aufgabe ist zu schwer, wer kann in heutiger Zeit all das vollführen?" Sie werfen die Flinte tn's Korn und geben sich gar keine Mühe die Arbeit zu versuchen. Die guten und vernünftigen Juden aber sagen sich: „Wir werden von Gott ja täglich bezahlt. Ec gibt uns Leben und Nahrung, Kraft und Gesundheit, er setzte uns auf Erden, damit wir Gottes Diener htenieden seien, darum müssen wir das, was er uns vorschreibt, willig ausführen." Denn wir beten ja am Neujahrsfeste: Herr gedenke unserer zum Leben, schreibe uns ein in das Buch des Lebens, denn