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Der Israelit · 1894-11-12 · Heft 88 (12.11.1894) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 88 (12.11.1894)
Date
1894-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jfcm. Jahrgang. M 88. Der Israelit. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodore Iudentßum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 12. November 5655 (1894). Leitender Artikel. Water und Sohn von Dr. Mannheimer, Großherzogl. Olbenb. Landesrabbiner. Ein Greis, im Silberhaare, gebeugt von der Fülle der Tage, schreitet an der Seite seines blühenden Soünes den Berg Morijah empor. Es wanken seine Schritte, denn er ist ein Greis, es blutet sein Herz, denn er ist Vater, doch es frohlocket sein Geist, denn er ist Gottesdiener. „Sag an, o alter Vater, wohin ziehest Du mit Deinem Kinde? Willst Du es in ferne Lande geleiten, willst Du das Lebensglück Deines Sohnes gründen?" „Nichts von alle dem," ruft uns Abraham, jener Greis, entgegen, „dort auf dem Gottesberge, dort will ich einen Altar dem Herrn errichten, dort will ich meinem Sohne die Krone aller irdischen Freuden auf's Haupt setzen, ich will ihn dem Ewigen weihen." So schritten Abraham und Jizchak, Vater und Sohn lange neben einander her, den Berg Morijah empor. „Opfern wollte der Vater," so regte es sich plötzlich im Herzen des Sohnes, „opfern, aber wo ist denn das Opfer, wo ist das Lamm? Sollte Er, der Vater, der mit Liebe und Aufopferung mich erzogen, dessen ganzes Glück auf meinem Haupte ruhet, sollte Er mich in's Verderben stürzen wollen?" In seinem Herzen wogten die mannigfaltigsten Gedanken und Regungen, sein Inneres war bewegt, und plötzlich unterbrach er das lange Schweigen: „Mein Vater!" „Hier bin ich, mein Sohn," erwiederte jener. „Siehe, mein Vater, hier ist das Feuer, hier sind die Hölzer, aber wo ist das Lamm zum Ganzopfer?" Und der Vater antwortete: „Gott wird sich schon einLamm zum Opfer ersehen, mein Sohn," und so gingen beide zusammen weiter. Es ist ein bedeutsames Bild, das uns hier der dieswöchentliche Thoraabschnitt vorführt, ein unvergängliches Zwiegespräch, das ewig war, und | ewig wiedelkehrt, eine Frage, die tagtäglich aus dem Munde unserer Söhne, aus dem Munde der Judenheit zu unseren Ohren dringet. An den alten Vater, der seine ganze Hoffnung auf dm einzigen Sohn gesetzt hatte, war Gottes Ruf ergangen: „Nimm doch Deinen Sohn, Deinen einzigen, den Du lieb hast, führe ihn auf den Berg Morijah und bringe ihn mir zum Opfer." Und wir sehen wirklich dort einen alten Vater schreiten, der seinen Sohn hinanführt zum Berge Morijah, von dem die Thora einst ausstrahlen sollte, wir sehen wirklich einen Vater, der in so gottloser Zeit noch den Muth hat, sein Kind zu erheben aus dem rauschenden Getöse des Erdenkampfes, aus der ewigen Jagd nach materiellen Glücksgütern, hinan führen zur idealen Höhe der Thora, des frommen Judenthums, den steilen, vom Satan so häufig unwegbar gemachten Pfad zum Berge Morijah Hand in Hand mit ihm zurückzulegen. Da erschallt von vielen Seiten der Ruf an den alten Vater: „Wohin, wohin führt Dich Dein Weg, der so schwer und mühsam in heutiger Zeit ist? Du willst Deinen Sohn zum Morijah, zum frommen Judenthum führen, weißt Du nicht, daß Du Deinen Sohn opferst, da Du mit eigener Hand das Schlachtmrsser an ihn legest, daß Du ihm lebendig das Grab wirst graben. Stehe, es ist wohl Feuer und Holz da, es ist schön ideal zu denken, es ist herrlich ein glühendes Feuer des Glaubens im Herzen zu tragen, aber wo ist der Zweck dieses Idealismus, wo sind die Früchte dieses Strebens? Du nimmst ihm ja die Existenz, Du schneidest ihm den Lebensfaden ab, wenn Du ihn zur Frömmigkeit erziehest. Was soll heute noch das Gottesgesetz mit seinem Formelkram in dieser aufgeklärten Zeit? Kann er als frommer Jude im Ansehen stehen bet seinen Zeitgenossen, wie kann er existiren, wenn er den Sabbat nicht entweihet, wie kann er „zeitgemäß" auftreten, wenn er seine Speisegesetze bewahrend an festlichen Gelagen Andersgläubiger theilnehmen soll?

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