Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 87 (8.11.1894)
- Date
- 1894-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1617 Oesterr.-Ungar. Monachte. Budapest, 29. Okt. Ueber einen Vorfall in Steinamanger wird dem „Pest. Lloyd" geschrieben: „Der Schauplatz eines sehr beschämenden Vorfalles war Donnerstags Nachts der Speisesaal des hiesigen Hotels „Sabaria." An verschiedenen Tischen hatten Reisende Pl tz genommen, während am oberen Ende des Saales eine Gesellschaft von 6 bis 7 Offizieren des hier stationierten Husaren-Regiments bei den Klängen einer Ziegeunerkapelle sich unterhielt. Es war halb 12 llhr Nachts, als ohne allen Grund und ohne den geringfügigsten Anlaß ein Husaren- Lieutenant mit Stentorstimme in den Saal rief: „Juden müssen hinaus." Und ohne erst die Wirkung dieses Kommandos abzuwarten, schleuderte er gegen die Köpfe ruhig Dasitzender Champagnergläser, die glücklicherweise an einer Säule zerschellten. Ein großer Theil der Gäste sah sich gezwungen, behufs Vermeidung unausbleiblichen Skandals, das Lokal m verlassen. Zwei Viehhändler aus Deutschland jedoch, namens Jsak Külsheimer aus Pforzheim und Emil Mayer aus Rastatt blieben ruhig auf ihren Plätzen. Da kamen bald auch Salzkipfel gegen ihre Köpfe geflogen, was Külsheimer sich in leidenschaftslosem Tone verbat. Er hatte jedoch kaum geendet, als der Lieutenant auf ihn losstürzte und ihn am Halse zu würgen begann. Der 52jährige Külsheimer schleuderte den Lieutenant zu Boden, worauf dieser vom Leder zog und seinem Opfer am Kopfe mittelst Säbels eine schwere Verletzung beibrachte. Auch die übrigen Offiziere eilten dem Kameraden zu Hilfe, und nur auf die Bitten Külsheimers, daß er Familienvater sei und Schonung erflehe, ließen die Offiziere von einer weiteren tbätlichen Jnsultirung ab. Nur ein Lieutenant war nicht zu beschwichtigen und er führte neuerdings die Klinge gegen den Kopf Külsheimers. wobei der Oberlieutenant Baltazzi, den Hieb auffangend, an vier Fingern der rechten Hand Schnittwunden erhielt. Külsheimer wurde in schwer verletztem Zustande über und über mit Blut bedeckt in sein Zimmer gebracht. Hier erschien alsbald Lieutenant Baron Marschall vom Oedenburger 9. Husaren- Regiment, der als Gast hier weilte, er bat zunächst namens der betheiligten Offiziere um Entschuldigung und erklärte, den Schwerverletzten reichlich zu entschädigen, soforn derselbe von einer Anzeige beim Regimentskommando und der Veröffentlichung des bedauernswerthen Vorfalles Umgang nehme. Freitag Vormittags kam auch Oberst von Barkaffy zu dem kranken Külsbeimer, sprach namens des Regiments sein tiefstes Bedauern über den skandalösen Vorfall aus und bot ihm als Schmerzensgeld die Summe von 1300 fl. an, womit sich Külsheimer nach längerer Ueberredung zufriedengab. Der zweite Viehhändler begab sich nach Budapest, um beim deutschen Konsulate Beschwerde zu erheben. Bulgarien. Aus Sophia erhält die „Allgemeine Jüdische Zeitung" folgende interessante Meldung: „In der am Sonntag neueröffneten Sobranje befindet sich auch ein Abgeordneter jüdischer Konfession. Derselbe ist kein Negierungskandidat; er ist ein russischer Jude Namens Peter Gober. Dank seiner Thätigkeit auf dem Gebiete des Ackerbauwesens, hat er sich das Vertrauen der gesammten Bevölkerung des ziemlich ansehnlichen Städtchens Baltschik — etwa zwei Stunden von dem Schwarzen Meer auf bulgarischem Gebiete gelegen — in solchem Maße erworben, daß er mit einer Majorität von 238 Stimmen gegen den Minister - Präsidenten Stoilow zum Abgeordneten gewählt wurde. Gober wohnt in Baltschik seit dem Jahre 1881. Die Zahl der jüdischen Wähler dieses Städtchens ist so gering, daß sie gewiß nicht den Muth gefunden hätten, gegen den Minister-Präsidenten einen Juden aufzustellen. Die Wahl Gober's ist somit der unversälschte Ausdruck des Willens der unabhängigen Wähler, die ihn einzig und allein wegen feiner Verdienste ehren wollten. Nach Verkündigung des Wahlresultats wurden Gober große Ovationen dargebracht. Die Wähler riefen enthusiastisch: „Hoch Bulgarien! Es leben die Juden!" Darauf wurde die Nationalhymne angeftimmt. Gestern legte der jüdische Abgeordnete den Eid der Treue in hebräischer Sprache vor dem Landesrabbiner Dr. Grünwald ab. Die bulgarischen Juden freuen sich außerordentlich über diese, ihrem Glaubensgenossen zutheil gewordene Auszeichnung. Rußland. Rustland. Im Alter von zwetundvierzig Jahren starb am 24 v. in Reval der Gouverneur von Esthland, Fürst Sergei Wladimirowitsch Schachowskoj. Mit ihm schied ein Mann aus dem Leben, der für die Ostseeprovinzen das war, was einst Murawtew für die Polen im Nordwestgebiete gewesen war. Die Verfolgung der Deutschen in den Provinzen ist ausschließlich das Werk des Verstorbenen. Als treuer Gesinnungsgenosse Skobelew's, mit dem er die Achal-Teke-Expedition von 1880 mitmachte, war Schachowskoj von blindem Haffe gegen die Deutschen und das Deutschthum erfüllt. Sein Losungswort lautete: Orthodoxie und Russenthum. Und in diesem Sinne wirkte er überall, wo ihm ein Amt anvertraut wurde. Als Revisor zur Erforschung der Gründe, welche die Judenkrawalle hervorgerufen hatten, legte Schachowskoj eine beispiellose Parteilichkeit an den Tag. Als Gouverneur