Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 87 (8.11.1894)
- Date
- 1894-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1614 die günstige Entscheidung derselben nach bedeutender Kraftentfaltung gelungen war, erklärte er, kurz bevor er Berlin verließ, einer Deputation: „Er blicke mit Genugthuung auf diesen Thetl seiner Thätigkeit. Seine politische Thätigkeit habe er in Bayern mit Unterzeichnung eines Gesetzes begonnen, welches dort die Israeliten emancipirte, er hoffe sie zu beschließen, indem er zu der allgemeinen Emancipation der Bekenner des mosaischen Glaubens beitrage." Der edle Fürst, bereits damals ein Sechzigjähriger, glaubte mit dieser Handlung seine segensreiche Thätigkeit abgeschlossen und aus den wohlverdienten Lorbeeren ausruhen zu können. Er wagte nicht zu hoffen, daß es ihm noch eine so lange Reihe von Jahren vergönnt sein würde, für das Gute zu kämpfen und das Wohl seines Vaterlandes zu fördern. Aber auf ihn patzt das Bibelwort: „Am Morgen säe deinen Samen und am Abend lasse deine Hand nicht sinken"*) und heute, ein Fünfundstebzigjähriger, hat der Fürst eine Last auf seine Schultern genommen, die für manchen andern, in der Blüthe seiner Jahre stehenden Mann zu schwer sein dürfte. Die Thätigkeit des Fürsten in Bezug auf die Emancipation der Juden in Bayern ist bekannt. Früher waren die jüdischen Verhältniffe in Bayern fast unerträglich. Massenhaft drückende Ausnahmsgesetze waren vorhanden. Beinahe jeder District hatte seine eigenen, so daß nahe an 300 civilrechtliche Ausnahmsbrstimmungen aufzuheben waren. Das Drückendste und Härteste aller Ausnahmsbestimmungen befand sich aber im Edickte vom 10. Juni 1813, indem daffelbe § 12, bestimmte: „Die Zahl der Judenfamtlien in den Orten, wo sie Dermalen bestehen, darf in der Regel noch nicht vermehrt werden, sie soll vielmehr nach und nach vermindert werden, wo sie zu groß ist." Dieses Gesetz wurde in manchen Regierungskreisen mit einer solchen Strenge gehandhabt, daß wirklich eine namhafte Verminderung der Judenfamtlien in Bayern stattfand, da ein großer Theil junger Israeliten es vorzog, in Amerika eine Heimath zu suchen, welche ihnen der vaterländische Boden so grausam verweigerte. Der rühmltchst bekannte Rabbi Mendel Rosenbaum ypun aus Zell, der Vater des soeben leider verschiedenen Rabbi Jona Rosenbaum dessen Leben wir an anderer Stelle zu würdigen suchen, stellte es sich zur Lebensaufgabe mit aller Kraft dahin zu arbeiten, daß diese Ausnahmsgesetze aufgehoben wurden und beschäftigte sich damit über 30 Jahre seines thatenreichen Lebens. Sein Sohn Rabbi *) Koheleth 11. E. R. Rosenbaum -"w unterstützte ihn dabet auf das Kräftigste und als sie schließlich ausMünchen die Nachricht erhielten, daß die Aussichten bet den Retchsräthen günstig seien, nur daß sie gewisse Modificationen beantragten, von denen aber vorauszusehen war, daß die zweite Kammer niemals ihre Zustimmung dazu geben würde, begab sich E R. Rosenbaum nach München und wandte sich an den damaligen Referenten des Ausschusses, Herrn Reichsrath Fürsten von Hohenlohe. Der Fürst ertheilte H:rrn Rosenbaum huldvollst Audienz, erkundigte sich eingehend nach den jüdischen Verhältnissen Bayern's und versprach diese Modification, obwohl solche von dem zweiten Präsidenten eingebracht und von den Prinzen des Kgl. Hauses unterstützt wurde, zu verwerfen. Diese gefährliche Modification, von einer Seite des hohen Hauses in beredter Weise in Schutz genommen, fiel denn auch durch das umfassende, wohldurchdachte und gründlich bearbeitete Referat des Fürsten, so daß nur 7 Stimmen sich bei der Abstimmung für diese Modification erklärten. Fürst Hohenlohe war es somit, der als Referent es veranlaßte, daß die Emancipation der Juden in Bayern durchging. Es versteht sich hiernach von selbst, daß unter seiner Verwaltung in Elsaß-Lothringen trotz der größten Anstrengung der Antisemiten kein Unterschied in Bezug auf die Konfessionen gemacht wurde. Wenn er irgend eine Stadt der Reichslande besuchte, beehrte er auch vielfach die Synagoge mit seiner Anwesenheit, ließ sich den Rabbiner vorstellen und zog ihn zur osficiellen Tafel. Solch ein Mann ist es, der gegenwärtig an die Spitze der Geschäfte des deutschen Reiches berufen worden ist. Seine ganze Vergangenheit bürgt dafür, daher zu ungesetzlichen oder ungerechten Bestrebungen gegen uns seine Hand niemals bieten wird. Möge ihm noch eine lange Reihe von Jahren ungetrübten Glückes beschieden sein! Zeiturrgsnachrichte« und Corresponderrzeu. Deutschland. Wiesbaden, 6. November. An den jüngst verflossenen hohen Feiertagen hatten wir den besonderen Genuß den Obercantor der früheren Moskauer Gemeinde einige Gebete bortragen zu hören. Dieser äußerst würdige Herr wurde vor 2 Jahren, als man sämmtliche Juden aus der Hauptstadt vertrieb und die prachtvolle neue Synagoge geschlossen werden mußte, mit ausgewiesen. Herr Bade, so heißt der Chasan, hatte in Moskau eine vorzügliche Position. Er bezog ein Gehalt von 3000 Rubel, für seinen Knabenchor wurden allein 300 Rubel per Monat ausgegeben.