Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 87 (8.11.1894)
- Date
- 1894-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXV. Jahrg-«s. Der Israelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehma»» in Mainz. Donnerstag, den 8. November 5655 (1894). Leitender Artikel. Der neue Reichskanzler und die Inden. Mainz, 8. November. Sofort, nachdem unser neuer Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, sein Amt angetreten, waren einige antisemitische und konservative Blätter bei der Hand, denselben als äußerst phtlosemitisch und den Juden im hohen Grade zugethan zu schildern. Es ist dies der bekannte und bis zum Ueberdruß abgenutzte Kniff, den unsere Feinde bet allen hochstehenden und einflußreichen Persönlichkeiten anzuwenden pflegen. Sie suchen sie in den Geruch hochgradigen PhilosemittsmuS zu bringen, damit sie die Herren Judenfeinde, um nicht parteiisch zu erscheinen, desto eher in ihrem dunklen Treiben gewähren lassen. Bei Beginn der schmachvollen Bewegung hat man damit wohl hie und da noch einen kleinen Erfolg errungen und mancher der nicht als „Judenknecht" gebrandmarkt sein wollte, drückte den Antisemiten gegenüber ein Auge zu. Heute ist das Gottlob anders geworden, man kennt die Absicht und wird nicht mehr verstimmt. Auch unser Reichskanzler, der fast zwei Menschenalter hindurch mitten in den Kämpfen politischen Lebens steht, weiß ganz genau, was er von derartigen Beeinfluffungsversuchen zu halten hat und eS wird ihm mit göttlicher Hilfe trotz seines hohen Alters gelingen dem Ansturm, mit dem diese Parteien aus ihn etndringen, die gleiche Widerstandsfähigkeit entgegenzusetzen, wie sein hoher Vorgänger, der Herr Graf v. Caprivi. — In der That sind wir Juden dem Fürsten v. Hohenlohe zu großem Danke verpflichtet, und da die Dankbarkeit zck den Charakterzügen des jüdischen Stammes zählt, so möge das, was er uns Gutes erwiesen, hier erwähnt sein. Vielleicht haben manche unserer Glaubensgenossen, namentlich von der jüngeren Generation, denen die früheren Thaten des edlen Fürsten noch nicht bekannt sind, und die sie nunmehr erfahren, Gelegenheit, einen Theil unserer Dankesschuld abzutragen und den neuen Kanzler des deutschen Reichs in den ihm von unserem Kaiser vorgezeichneten Plänen und Zielen zu fördern. Es war in denJunitagen des Jahres 1878; sämmtliche Mächte Europa's hatten ihre Vertreter in die Hauptstadt des deutschen Reiches entsandt, um über die wichtigsten Fragen der Politik, über Krieg und Frieden, über Verthetlung von Ländern und über Einsetzung von Völkerrechten zu entscheiden. Die Augen der ganzen Welt waren auf Berlin gerichtet und auch die Israeliten sahen den Berathungen und Entscheidungen des Berliner Congreffes mit der größten Spannung und Sorge entgegen. Stand doch auch für sie ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung: Die Frage der Gleichstellung der Juden in den Ländern Bulgarien, Rumänien und Serbien. Bereits seit sechzehn Monaten warteten die Delegirten der Israeliten aller Länder, die in Parts versammelt waren, auf die europäische Konferenz, damit ein Zel gesetzt werde der schmählichen Unterdrückung, welcher die Jsrael-ren des morgenländischen Europas ausgesetzr waren. Die „Alliance Israelite Universelle“ ließ durch btC «ach Berlin entsandten Herren Netter und Cahn dem Kongreß eine P tftum überreichen, in der die Nothwendigkeit der Gleichheit aller Menschen und der Freiheit religiöser Anschauungen auf das Etndring- Uchste klar gelegt war. Israelitische Deputationen anderer Städte und Länder erschienen auf dem Kongreß und lange wußte man nicht, wohin das Zünglein der Waage sich hinneigen würde. Da war es der nunmehrige Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, der zu Gunsten der Gleichstellung aller Confesstonen in Bulgarien, Rumänien und Serbien auf dem Kongresse eine bedeutende Agitation entwickelt hatte. Er ließ keine Gelegenheit, kein Gespräch mit irgend einem Vertreter einer europäischen Macht vorübergehen, ohne daß er dessen Wort hatte, mit ihm in dieser Frage übereinzusttmmen und als ihm