Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 86 (5.11.1894)
- Date
- 1894-11-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1607 eigene Kosten ins Ausland Nachkommen lassen können. Wenn trotzdem eine große Anzahl Ausgewanderter alljährlich nach Rußland zurückkehrt, so sind das in der Regel solche, die nicht von den deutschen Komiies ins Ausland befördert worden, die auf eigene Gefahr und unter Umgehung der deutschen Komiles gereist waren, schließlich berufsmäßige Wanderbetiler. Daß alle Auswanderer, deren sich das Deutsche Central-Komit« annahm, auf jeder Station ärztlich untersucht und ausreichend verpflegt wurden, darf nicht unerwähnt bleiben. Die Kontrolle ist so ge» führt worden, daß auch nicht ein einziger, mit ansteckender Krankheit behafteter Auswanderer zur Beförderung gelangen konnte, und daß selbst während der vorjährigen Choleraepidemie kein einziger Auswanderer, der mit jener Krankheit behaftet war, die deutschen KorriilsZ berührte. In Deutschland selbst sind nur vereinzelte Personen (in Hamburg) von jener Krankheit befallen worden. Konnte das Deutsche Central - Komits hiernach unter Anwendung der geschilderten Grundsätze einigen Erfolg erreichen, so hat es dies der unermüdlichen und aufopfernden Thätigkeit der Mitglieder seines Sub-Komitss zu danken, deren Leiter mit einer Erfahrung und Umsicht, mit einer Ruhe und Besonnenheit zu Werke gegangen sind, die des höchsten Lobes würdig sind. Vor Allem aber haben von den Slchtungskomitös Königsberg, und von den Hafenkomitss Hamburg die größte Arbeitslast zu bewältigen gehabt, und sie haben in rühmenswerthester Weise alle Schwierigkeiten überwunden, den unglücklichen Auswanderern die Wege geebnet. Endlich muß noch hervorgehoben werden, wie sehr die Thätigkeit derKomilös durch die Staatsbehörden gefördert wurde. Sowohl in Preußen, wie in Hamburg haben diese Behörden dem Hilsswerk jede nur denkbare Erleichterung zu Theil werden lassen. Nicht nur das Interesse des Staats, auch Gründe der Menschlichkeit waren es, welche die Staatsbehörden ausgesprochenermaßen veranlaßten, Hilfsmaßregeln zu gestatten und selbst zu treffen, und so an der Lösung einer Kulturaufgabe mitzuhelfen, deren Bedeutung erst in späteren Zeiten ihre Anerkennung finden kann. Aber Allen für das Geleistete zu danken bleibe dem Abschlüsse des Werkes Vorbehalten. Vorläufig müssen alle Kräfte noch weiter gemeinsam thätig sein. Zwar hat die Bedrückung in Rußland zur Zeit etwas nachgelassen, anch hat die politische Lage mancherlei Maßnahmen zum zeitweiligen Stillstand gebracht; zwar ist auch in Folge dessen der Strom der Auswanderer ein wenig eingedämmt; immerhin ist dieser Strom noch lange nicht versiegt. Tagtäglich treffen noch Auswanderer an der deutschen Grenze, bei den deutschen Komitss ein, die unserer Hilfe bedürfen. Auch muß abgewartet werden, ob und wie lange jener Stillstand fortdauern wird. Deshalb ist es auch unsere, wie unserer Freunde Pflicht, auszuharren und sich für die Zukunft gerüstet zu halten; jedoch auch gegenwärtig müssen wir, wenn gleich in geringerem Masse den an uns herantretenden Anforderungen genügen. Bezüglich unserer Thätigkeit seit Jahresfrist ergiebt sich bereits aus dem Vorstehenden, daß seit unserm Bericht vom Oktober v. I. der Zuzug russischer Auswanderer sich allmählich verringert hat. In Folge der Choleragefahr hatte Hamburg zunächst sein Staatsgebiet vollständig den russischen Auswanderern verschlossen. Als Verschiffungshäfen kamen daher eine Zeit lang nur Rotterdam und Bremen in Betracht. Später milderte der Hamburger Senat allerdings seine Absperrungsvorschriften, so daß die Auswanderer, wenn auch in beschränkten Grenzen wieder Zutritt zu dem Hamburger Hafen erhielten. Andererseits aber wurde wiederum die Zulassung in Nordamerika erschwert, und zwar waren hierfür theils politische Ereignisse, theils der Umstand maßgebend, daß die amerikanischen Glaubensgenossen die große Masse der zur Einwanderung ungeeigneten Personen, welche den WohlthätigkeitS-Anstalten zur Last fielen, — es sei nochmals betont, daß dies nicht unsere Schützlinge waren — kaum mehr unttrbringen konnten. Nach eingehenden Verhandlungen mit New- Aork sahen wir uns deshalb zu dem Beschlüsse veranlaßt, zur Zeit und bis auf Weiteres nur solche Auswanderer zu unterstützen, die mit vollen Schtffskarten für ihre sämmtlichen Familienmitglieder versehen bei uns eintreffen und die mithin die Wohlthätigkeit nicht allzusehr in Anspruch nehmen. Nichtsdestoweniger hat der Zuzug der Auswanderer keinen Tag geruht. Vom 1. Oktober 1893 bis 30 September 1894 haben wir 2242 Personen befördert. Eine schwierige Ausgabe war in Berlin zu erfüllen. Nachdem wir auf dem Auswandererbahnhofe Ruhleben unsere Thätigkeit eingestellt hatten, sammelten sich viele Auswanderer in Berlin selbst. Mehrere Hunderte haben sich nach und nach im Asyl für Obdachlose aufgehalten und sind dort durch die Munificenz des hiesigen Magistrats verpflegt worden. Von diesen Auswanderern wurde ein erheblicher Theil, der nach und nach Schiffskarten vom Auslande zugeschickt erhielt, befördert, der Rest mußte in die Heimath zurückgeschtckt werden, da die Leute zur Ansiedelung im Auslande nicht geeignet erschienen.