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Der Israelit · 1894-11-05 · Heft 86 (5.11.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 86 (5.11.1894)
Date
1894-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Beilage ju M 86 -es „Israelit“. Leitende Artikel. }m ThMMlM im Uurftfdjctt Reiche. Main z, 2. November. Ein auch für die Juden hochbedeutsames Ereigniß hat sich im hohen Norden unseres Erdtheils vollzogen. Ein erschütternder Todcskampf, dem die W.lt in athemloser Spannung zusah, ist zu Ende; der Mächtige, dessen Reich ein Siebentel des Erdballes umfaßte, dem hundert Millionen Menschen unterthan waren, ist einem Mächtigeren unterlegen. Die heißen Gebete, die Christen und Juden d.-s russischen Reiches und anderer Länder um die Genesung des Kaisers Alexanders III. zum Himmel emporsanoten, haben keine Echörung gefunden und den Thron seiner Väter hat Kaiser Nicolai II. bestiegen, ein für alles Edle und Gute begeisterter Jüngling. Hoffnungsvoll schaut sein ihm aufrichtig ergebenes Volk zu ihm auf. unter ihnen auch die Juden, die allezeit treue Uaterthanen gewesen und die Wahlfahrt und den Frieden ihres Vaterlandes nach besten Kräften zu fördern bestrebt waren. Der junge Herrscher, von dem man rühmt, daß er sich in der Geschichte seines Volkes eine große Kenntniß erworben, weiß, daß viele seiner hohen Ahnen mannichfache Wohlthaten und Freiheiten unseren Glaubensgenossen gewährt, und es ist ihm auch bekannt, daß die Kultur seines Reiches hierdurch auf das Wesentlichste gefördert word.m. Auch die Ahnen und nächsten Verwandten der Braut N colai's II-, die dem erhabenen Herrscherhause unseres engeren Vaterlandes entstammt, waren ihren jüdischen Unterthanen stets in Milde wohlgeneigt. Wir erinnern nur an die gegen den Antisemitismus gerichteten Aussprüche des Vaters der zukünftigen Kaiserin, unseres verewigten Großherzogs Ludwigs IV., sowie an die Maßnahmen, die der Bruder derselben, unser gegenwärtiger Großherzog, Gott erhalte ihn, bei seinem Regierungsantritt gegen die von seinem, hochseligen Onkel Kaiser Friedrich als Schmach des Jahrhunderts bezrichnete Bewegung, genommen. Möge der Allgüttge, der den Königen stets Hilfe gesandt hat und immer sendet, auch den jungen Kaiser von Rußland und seine holde Braut beschützen. Möge Er seinem Herzen und dem Herzen aller seiner Rathgeber Milde etnstößen, Gutes zu erweisen an dem seiner Obhut anvertrauten Theile der zersprengten Lammerheerdc Israels, auf daß seine Regierung genannt werden kann eine Regierung der Liebe, etne Regierung der Gnade. Zur riiffirdi-iittiifdicit AlMM-erW. Berlin, im Oktober. Das Deutsche Central-Comittz für die russischen Juden hätte sich wohl kaum einen geeigneteren Moment, wie den gegenwärtigen, da die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf das russische Reich gerichtet ist, zur Versendung seines diesjährigen Berichtes wählen können. Dasselbe betont hierbei nochmals die Grundsätze, die dasselbe seit Ende Mai 1891 befolgt hat und noch befolgt. Es schreibt: Zu einer Massrnauswanderung der Juden aus Rußland liegt kein Grund, aber auch keine Möglichkeit vor. Sie waren dort seit vielen Jahrhunderten angestedelt, ja zum Theil vor Einwanderung der orthodox christlichen Staatsangehörigen. Sie sind unentbehrlich für das Land, eine Thatsache, die alle unbefangenen Kenner der Verhältnisse, sogar die russischen Staatsbehörden, selbst in zahlreichen amtlichen Berichten bezeugt haben, und nicht ihr Verhalten, geschweige denn ein Verschulden, nur bestimmte geistige Strömungen haben die harten Maaßregeln gegen ste veranlaßt. Sie werden endlich stets in Rußland ansässig sein, zu ihrem eigenen Heil, wie dem des Landes; ist doch trotz aller Hindernisse selbst heute der Fortschritt in der Assimilirung unverkennbar. Zudem ist eine Auswanderung von Millionen glattweg unmöglich und jene von Tausenden ändert das Gesammtbild nicht, da der natürliche jüdische Nachwuchs eines jeden Jahres ohne Weiteres die Zahl ergänzt. An dem Verbleiben der Juden in Rußland kann kein Angriff ihrer Gegner etwas ändern und der einzige Weg zur Lösung der Frage ist die allmähliche Anbahnung der rechtlichen Gleichstellung. Bis dahin aber werden noch viele Judeu genöthigt werden, die Grenzen ihres russischen Vaterlandes zu überschreiten, und da sie dies Loos unverschuldet trifft, so verdienen sie die werkthättge Liebe aller Menschenfreunde. Darum waren die Juden, die Rußland verlassen mußten, zu unterstützen. Hingegen verbot sich jeder Urbergriff auf russisches Gebiet von selbst. Dort hatte das Deutsche Central-Komit« keine Aufgabe zu lösen; erst an der deutschen Grenze begann seine Thättgkeit. Aber auch diese Hilfe durfte nicht regellos sein. Hätten wir blos dem Drange des Herzens folgen, jedem Auswanderer, wer es auch sei, helfen wollen, dann war voraussichtlich bald das Maaß des Menschenmöglichen erreicht, ja vielleicht

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