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Der Israelit · 1894-11-05 · Heft 86 (5.11.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 86 (5.11.1894)
Date
1894-11-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1603 Feuilleton. Estrrka, Königin von Asten. Historische Erzählung von Hugo Freund. 39 ) (Nachdruck verboten.) Aber anch ein anderer Mann drang zu Esther ein; ein hoher Herr, Fürst Sapieha Boleslaw. Er wäre gerne schon früher zu Esther gekommen, doch hatte er es nicht gewagt, da er fürchtete die Ungnade seines Herrschers auf sich zu ziehen. „Verzeihe mir, edle Dame," sprach der Fürst, „wenn ich mich unterfange, hierher zu dringen in Deine Gemächer, gegen den Willen meines Herrn und König. Aber glaube mir, es geschieht nur aus Liebe zu ihm, dem großen Kasimir. „Sein gesunder und sonst so klarer Sinn ist befangen und geblendet durch die innige Lcebe, die er für Dich hegt, und so vermag er nicht einzusehen, was Jeder erkennen muß, der einen Blick wirft auf die Stimmung, wie sie jetzt im Lande herrscht. „Man hat mir gesagt, schöne Esth:r, daß Du nicht allein schön von Angesicht bist, sondern daß auch Deine Seele schön und edel ist. „Wenn Du wirklich den König liebst, so muß ich Dir sagen, daß Du es bist, die ihn vernichtet und zu Grunde richtet. Der große König Kasimir, so groß er auch ist, vermag nicht länger auf dem Throne Polens zu regieren, wenn seine Gattin eine Jüdin ist. Alle Großen des Reichs, so sehr sie sich sonst befeinden mögen, in diesem Punkte sind sie einig, und alle haben beschloffen, daß Du, die als Jüdin geboren ist, nicht über sie herrschen sollst. „Dies wollte ich Dir sagen, edle Esther. Ant- Worte mir nicht, denn ich verlange keine Antwort; ich habe mich für verpflichtet gehalten Dir dies miizutheilen, Du aber, überlege meine Worte."- In der That hatten die Worte des Fürsten einen großen Eindruck aus Esther gemacht, doch sie gelangte nicht dahin, lange darüber nachzudenkcn, denn schon kamen ihre Dienerinnen, um sie anznkleiden und sie zum König zu bringen, damit sie gemeinsam mit ihm zu dem Feste gehe, das er befohlen. Aber tief klangen die Worte des Fürsten in der Seele Esthers nach, und als König Kasimir ihr die Hand reichte, um sie in den Krönungssaal zu führen, da erzitterte ihr Herz und sie fragte sich: ist es wahr, bin ich es, die ihn, den Heißgeliebten ins Verderben stürzt?- Zu der Stunde, zu der das Krönungsfest gefeiert wurde, ungeheure Menschenmassen durch die Thore des Schlosses hereinströmten und die Diener des Königs vollauf beschäftigt waren mit den großen Vorbereitungen zum Feste, da gelang es Elischa ebenfalls in's Schloß etnzudringen, und ohne verjagt zu werden, kam er bis zu dem Gemach, in welchem das Krankenlager Rabbt Jehoschuas stand, betrat dasselbe und redete lange mit dem Greis. Inzwischen hatte sich der Festsaal mit einer großen Menge von Würdenträgern und Vornehmen gefüllt. Der Saal erglänzte in herrlichem Schmucke. Alle Kriegstrophäen. die der König erobert, waren ausgestellt, und von den Wänden herab verkündeten große Bilder die Heldenthaten Kasimirs. Born aber im Saale waren Stufen errichtet, die mit köstlichen Teppichen aus dem Orient bedeckt waren. Ueber denselben wölbte sich ein Baldachin aus kostbarer himmelblauer Seide, dessen goldne Stickereien hell erglänzten und über dessen Mitte eine große goldne, mit Edelsteinen besetzte Krone befestigt war. Unter demselben standen die beiden Thronseffel für den König und seine Gemahlin, herrlich ausgestattet und mit allen Kostbarkeiten beladen, die der Schatz des Königs auswies. Unterhalb der Stufen stand ein kleiner Ttsch und auf demselben lagen pergamentene Rollen, an welchen große Wachsstegel hingen, und vor diesem Tische hatte der Kanzler Platz genommen, um vor allem Volke zu verlesen, daß der König seine Gemahlin in alle Rechte einer Königin von Polen einsetze. In der Nähe des Kanzlertisches waren Thronsessel errichtet für die Fürsten des Reichs und dann kamen die Adeligen und dazwischen der Erzbischof und die Bischöfe, eine glänzende, prächtige Versammlung, die das Auge blendete, wenn es darüber hinschweble. Im Hindergrunde des ungeheuren Saales, durch ein Gitter abgesprrrt, lagerte viel Volk, um Zeuge zu sein bei diesem prunkreichen Feste. Wer diese glänzende Versammlung gesehen hatte, in ihrer überreichen Pracht, der hätte meinen müssen, daß nur frohe und glückliche Menschen hier zusammen gekommen wären, aber so weit auch das Auge blickte, man sah kein freundliches Antlitz unter der Menge. Eine tiefe, düstere Schwermuth schien über diese glänzende Versammlung ausgegossen zu sein. Finster blickte jedes Angesicht, und wohin man sah, begegnete man zusammengezogenen Augenbraunen und gerunzelten Stirnen, während die Arme an dem Schwert daraus ruhten. Und jetzt plötzlich wurde es todtenstill, und dann erschollen lustige Fanfaren in schmetternden Tönen und alle Köpfe reckten sich, und Bewegung ergriff die Versammsung.

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