Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 86 (5.11.1894)
- Date
- 1894-11-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1600 seiner Genossen bereits genug gethan zu haben geglaubt für ihre Vorbereitung zum Dienste im Heltgthum, auf die Jeschibah in Elsenstadt, welche damals unter ihrem Lehrer, Herrn Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer *"j, ihre höchste Blüthe feierte, um dort neben dem „Lernen" auch seinem Streben nach moderner, wissenschaftlicher Bildung genügen zu können. Und obwohl er bald zu den eifrigsten, fleißigsten Schülern zählte, fand er doch, Dank seiner unbegrenzten Pflichttreue, der unerbittlichen Selbstzucht und Hingabe an die Sache, Dank vor Allem seiner opferwilligen Selbstlosigkeit, die Zeit und die Muße, um für das geistige und leibliche Wohlergehen seiner Genossen durch Ausbau eines Vereins zu wirken, welcher mittellosen Bachurim Unterstützung und Unterweisung angedeihen ließ. Und als dann Herr Dr. Hildesheimer dem Rufe, der von Berlin aus an ihn erging, Folge leistete und die Bachurimschaar, die zu seinen Füßen saß, in alle Winde zerstob, da war Nathan Deutschländer eine der Wenigen, die gewürdigt wurden, ihrem Lehrer nach seinem neuen Wirkungskreise zu folgen und an den Neuschöpfungen, die es für den Dienst des altüberlieferten Judenthums in der Reichshauptstadt herzusttllen galt, ihren Antheil zu haben. Jetzt bot sich dem Dahtngcschiedenen die Gelegenheit, sein reiches organisatorisches Talent, sein weites pädagogisches Können und seine durchgreifende Energie an, einer der Mühen würdigen Aufgabe zu erproben: die Religionsschule der Israelitischen Synagogengemeinde (Adaß Jisrorl), deren mustergilttge Einrichtung Freund wie Gegner aberkennen, sie ist sein ureigentlichstes Werk, das er aus dem Nichts geschaffen hat. Diese Arbeitslast hätte für eines Mannes Arbeitskraft völlig ausgeretcht, zumal, da er seine Thätigkeit mit der technischen Leitung der Schule nicht als erschöpft ansah, sondern wie der Letzte der Lehrer selbst seine Stunden gab, daneben fortwährend an der Verbesserung der Methoden, der Erschließung neuer Wege, die zum Herzen der Schüler führen sollten, arbeitete und endlich auch noch für das körperliche Wohl seiner Schutzbefohlenen sorglichst bedacht war. Ist doch die Gründung des wackeren Vereins „Chinuch Neorim“, der arme Schulkinder unterstützt, lediglich aus seiner Initiative hervorgegangen! Und trotz alledem fand er die Z it, an dem Reltgtonsverein „Ahawas Beim" als Seelsorger zu wirken — und daß er es nicht leicht nahm mit diesen Pflichten, darüber herrscht nur eine Stimme des Lobes in den Kreisen, denen sein Wort und sein That galt — die Religionsschule des Vereins zu leiten und an Freud und Leid seiner Gemeinde theilzunehmen. Nathan Deutschländer war nicht nur ein geistig hochstehender Mann, sondern die reinmenschlichen Eigenschaften, die ihn zierten, die moralischen Kräfte, die ihm eigen waren, sie übertrafen wohl gar noch seine intellektuellen Vorzüge. Ueberflüffig, zu bemerken, daß kein Bittender, ohne Unterstützung gefunden zu haben, ihn verließ; nein, er suchte vielmehr das Elend in seinen Stätten auf, und er, der selbst den schweren Kampf um's Dasein für sich und die Seinigen auszuringen hatte, er verfügte jederzeit über das Nöthige, wenn es galt, Leid zu lindern, Thränen zu trocknen, dem Bedrängten beizuspringen. Aber nicht nur von seinem Gelbe trennte er sich leichten Herzens zu Gunsten Bedürftiger, auch von seiner geistigenHabe,dieerin schwerer, anstrengenster Thätigkeit sich erwarb, theilte er neidlos jedem, der verlangte, mit, und mancher Kanzelredner, der heute als Stern erster Größe am Firmament der jüd.ttheol. Hierarchie glänzt, dankt seine Berühmtheit lediglich den Midrasch Schätzen, die Nathan Deutländcr b"i in unschätzbarer Fülle in sich aufgespeichert hatte und rückhaltlos ausstreute. Wir denn überhaupt Neid und Scheelsucht ihm jederzeit völlig fremd waren und blieben, trotz so mancher trüben Erfahrung, welche weniger gefestete und selbstlose Geister wankend gemacht hätte. Neidlos und freudig erkannte er das Gute, das Brauchbare, wo cs ihm entgegentrat, an, befriedigt von dem Siege der guten Idee, auch wenn er selbst im Hintergründe blieb, und neidlos und freudig sctzte er seine besten Kräfte dafür ein, um Anderen die Staffel herzurichten, auf der sie emporstiegen. Im Sommer 1892 erschien er zu unserer freudigen Ueberraschung plötzlich hier in Mainz in unserem Redactionsburcau. Aber unsere Freude sollte bald tiefer Betrübniß weichen, als er uns mittheilte, daß ihn die Aerzte eines schweren Leidens wegen nach dem nahen Wiesbaden gesandt hatten. Damals sprach er noch voller Zuversicht über seine baldige Genesung und über die mannigfachen Pläne, die sein nie rastender Geist zur Erhaltung des echten Judenthums und zur Wiedererweckung des jüdischen Geistes in der Retchshauptstadt gefaßt hatte. Wenn wir aber in die abgezehrten Züge des früher so stattlich schönen Mannes sahen, dessen Körper fortwährend von brennendem Schmerze durchzuckt war, so mußten wir uns zu unserem größten Leide sagen, daß die Hauptarbeit des Freundes bereits gethan war. Um so siechte er denn dahin, noch länger wie ein Jahr sich hinschleppend tn namenlosem körperlichen Weh. Von überwältigender Rührung sind die Aufzeichnungen, die er kurz vor seinem Heimgänge für die Seinen niederschrieb: „Ich sterbe in dem Glauben an die Wahrheit der schriftlichen und mündlichen Lehre. Wenn eines meiner Kinder sich von dieser Richtung loslöst, so hat es seine Beziehungen