Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 85 (1.11.1894)
- Date
- 1894-11-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Graf Woronzow und der Stadt Präsident Lewsopin trugen thr Möglichstes dazu bet, um diese Schule zu fördern. Als i. I. 1828 Herr Stern die Leitung derselben übernahm, galt sie schon als Musteranstalt, und 1837 erwies Kaiser Nicolaus, begleitet von dem Thronfolger, der Schule die Ehre seines Besuches und ernannte den Rector Stern zum Ehrenbürger Rußlands. Dank dem eifrigen Bemühen Stern's entstand in demselben Jahre eine gleiche Schule in Kischineff, und allmählich wurden in anderen jüdischen Gemeinden des russischen Reiches Schulen begründet. Odessa aber blieb immer der Mittelpunkt, von dem Licht und Wissen in die entlegensten Winkel des Reiches ausgtngen. Hier wurden die ersten russisch-jüdischen Zeitungen „Raswiet", „Zion", „Djen", sowie der hebräische „Hamelitz", und der jüdisch-deutsche „Kolmewasser“ gegründet, welche sich alle das eine Ziel gesteckt hatten, europäische Bildung unter den Juden zu verbreiten. In den Sechziger-Jahren wurden hier der segensreich wirkende jüdische Handwerkerverein „Trud" und die Filiale des „Vereins zur Verbreitung der Bildung und des Handwerks unter den russischen Juden" ins Leben gerufen, zwei Institutionen, über deren heilsames Wirken zum Wohle der Juden selbst die Feinde Israels mit der größten Achtung sprechen. Doch der Wohlthätigkeitssinn der Odcssaer Juden beschränkte sich nicht auf den Kreis ihrer Glaubensgenossen; wir erinnern nur an die Schule von Efrussi, an das Krankenhaus von Kahanowski und an die Altersversorgungsanstalt von Wallich, deren Pforten für Nichljuden ebenso wie für Juden geöffnet sind. So oft Roth, Elend, oder Seuchen in unsere Stadt ihren Einzug hielten, waren die Juden die ersten am Platze, welche opferfreudig reichliche Mittel spendeten, um die Calamitäten zu bekämpfen. Noch lebt in Aller Erinnerung der Name des Juden Jacob Rublew, der im Jahre 1802, als unsere Stadt von einer gräßlichen Epidemie hetmgesucht war, sein ganzes Vermögen hingeopfert hatte und Tag und Nacht in den Häusern der Kranken, einem rettenden Engel gleich, anzutreffen war. Als die Regierung ihm für seine beispiellose Bethättgung der Nächstenliebe einen Ehrengehalt und Orden angeboten hatte, lehnte er beides dankend ab, mit dem Hinweis darauf, daß er nur seine Pflicht als Mensch und als Jude erfüllt hätte und kein Recht habe, sich dafür bezahlen zu lassen. Wenn Odessa jetzt aus einem türkischen Dorfe eine Weltstadt geworden ist, welche mit ihren Einrichtungen und öffentlichen Gebäuden allen Städten des Reiches als Muster dient, so gebührt in erster Reihe der Dank dafür den jüdischen Stadtverordneten, von denen wir besonders den seligen Abraham Brodskt und den noch unter uns lebenden Raphael Chart erwähnen. Riga, 3. October. Das Departement für die geistlichen Angelegenheiten fremder Confesfionen hat unlängst auf die Anfrage eines Gouverneurs dahin entschieden, daß es den Juden unbenommen sei, ihren Kindern auch andere, als spezifisch jüdische Vornamen, beizulegen, d. h. Namen, die man gewöhnlich als „christliche" zu bezeichnen pflegt. Aus diesem Anlaß gibt diel jüdische Zeitschrift „Nedeljaja Ehronika Woschoda", wie andere Blätter melden, folgende Ukbersicht über den historischen Gang dieser Frage: Als 1873 in competenten Sphären die Ansicht vorherrschte, daß eine Verschmelzung der Juden mit der russischen Bevölkerung das beste Mittel zur Lösung der Judenfrage sei, regte das Kriegsministerium die Frage an, jungen Juden, welche den Cursus der medico-chirurgischen Akademie absolvirt hatten, zu gestatten, in den offiziellen Documenten ihre jüdischen Namen durch enffprcchende christliche zu ersetzen, auf daß „die intelligenten Juden sich nicht zu scharf scheiden von der russischen Gesellschaft," der zu dienen sie berufen sind. Diese Frage, sowie die Frage der Ausdehnung erwähnten Rechts auf alle Juden überhaupt, welche eine höhere Erziehung genossen hatten, blieb in der sogen. Juden-Commission des Fürsten Lobanow-Rostowskj, — wohin sie schließlich gelangte — unentschieden. Die 1883 eingesetzte JudewCommission des Grafen Pahlen gedachte die Namensfrage wie folgt zu lösen: die Juden anzuhalten, in den Documenten die Namen zu führen, welche ihnen in den Matrikeln gegeben sind und andererseits für die Zukunft den Rabbinern zu verbieten, andere Namen in die Matrikel einzutragen, als biblische und christliche, d. h. keine xetits uorns. Der zweite Vorschlag fand nicht die gesetzliche Bestätigung. Der „Woschod" bemerkt hierbei, daß es speziell christliche Namen überhaupt nicht gäbe, da das Chriftenthum das ganze Alte Testament canonistrt habe, aus dem die christlichen Völker jüdische Namen schöpften; die übrigen christlichen Namen sind den Griechen, Römern und anderen Völkern der heidnischen Welt entlehnt. Ein Jude, der sich Alexei oder Wasstltj nennt, nimmt keinen „christlichen", sondern einen griechischen Namen an. Ferner verbiete das russische Gesetz keinem Andersgläubigen, für seine Kinder „christliche" Namen zu wählen, und was nicht verboten sei, gelte selbstverständlich als erlaubt. Den Rabbinern das Ertheilen von Namen wie „Moschko," „Berko" u. s. w. zu verbieten, hält der „Woschod" für irrelevant. Möge doch jeder Jude seine Kinder nennen, wie er wolle. Es genüge, wenn der Rabbiner den Vater aufmerksam mache, daß sein Kind in der Folge vielleicht unter dem „petit nom“ zu leiden haben werde.