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Der Israelit · 1894-10-29 · Heft 84 (29.10.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 84 (29.10.1894)
Date
1894-10-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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den Alleinherrscher auf dem Throne Rußlands und so beten auch die französischen Juden mit heißen Thränen für den Czaren, der den Todeskampf in Livadia kämpft ... Die Franzosen denken, von nationalen und politischen Gefühlen geleitet, nicht an den unüberbrückbaren Abgrund, der eine freiheitlich denkende und strebende Nation von einem in barbarischer Menschenverachtung versinkenden Staat trennt, und da sollten französische Juden sich von ihren Sonderschmerzen beeinflussen lassen? Die Räthe des Czaren haben hunderttauscnde von Juden in Noth und Armuih, in Hunger und Tod gejagt, sie haben Greise und Kinder, Wöchnerinnen und Säuglinge nicht geschont, weil sie zufällig als Juden geboren wurden — aber das konnte national denkende französische Juden nicht abhalten, Rußland gegenüber andere Gedanken und Gefühle zu hegen, als ihre andersgläubigen Mitbürger. Man macht den Juden aller Länder und aller Staaten oft den Vorwurf, sie wären mit ihrem Fühlen und Denken nicht ganz eins mit den Bürgern des Staates, von denen sie sich durch Abstammung und Religion unterscheiden. Die Juden wären nicht genug national — so lautet die durch nichts bewiesene, aber durch tausend Argumente widerlegte Beschuldigung, die immer wieder ertönt, wo Feinde der Juden den Mund öffnen. Haben aber jemals Menschen eine kräftigere, überzeugendere Widerlegung einer Anklage geben können, als dies die französischen Juden durch die Bittgottesdienste für den Czaren thaten? Diese Juden haben wahrlich in unübertrefflicher Weise ihr französisches Nationalgefühl bewiesen, indem sie alle berechtigten Gefühle unterdrückten, welche Menschen, Juden empfinden dürfen, die sich daran erinnern, daß in Rußland in den letzten Decennien zahllose Juden ohne jedes Verschulden in Noth und Tod gejagt wurden, blos weil sie — Juden waren. Die französischen Juden sind nicht Unterthanen Alexander III., sie waren daher durch ihre Religionsvorschriften nicht verpflichtet, für die Genesung dieses Monarchen Bittgottesdienste zu veranstalten. Wenn sie gleich ihren christlichen Mitbürgern für den Czaren beteten, so thaten sie es, weil — auch sie vor allem — Franzosen sein wollen, weil sie in nationalen Fragen keinen Unterschied kennen. Wird man eS noch wagen, den Juden Nationalgefühl abzusprechen? Die holländische jüdische Zeitschrift „Nieuw Israelietiscli Weekblad“ in Amsterdam schreibt: In den politischen Zeitungen wird dem Oberrabbiner von Frankreich ein Vorwurf daraus gemacht, daß er einen besonderen Bittgottesdienst um die Genseung des Kaisers von Rußland angeordnet habe. Man behauptet, daß, da die Israeliten in Rußland so unmenschlich behandelt werden, eö eine niedrige Schmeichelei sei, für die Herstellung eines solchen Monarchen Bittgebete den französischen Synagogenbesuchern vorzuschreiben und man hält es für männlicher, wenn der Oraiul Ral>lnu solches unterlassen hätte. Wir glauben, daß der Oberrabbiner vollkommen correct gehandelt hat. Bei uns Juden steht ein Fürst sehr hoch; bei uns gilt es für eine Wahrheit 'l *V2 "pan 27 bei uns ist es Gesetz dem Könige Ehrfurcht zu erweisen auch in dem Falle, daß er kein gnädiger Fürst für uns sei. Im Talmud und Midrasch finden wir eine Fülle von Erzählungen, aus denen ersichtlich, daß man es niemals gewagt hat, selbst ein unehrerbietiges Wort gegen Fürsten zu sprechen, auch wenn sie Israel noch so schwer bedrückt haben. Wie auch ein Fürst sich gegen uns verhalten möge, wir haben stets mit David zu sagen: '7 N'L>O2 H’ rvsw n7; wir haben stets die Verpflichtung N127I2 'PW 772HÖ im Da nun Frankreich so sehr vom Russengeiste beherrscht wird, so hat daS geistliche Oberhaupt der Israeliten correct gehandelt, daß es für die Herstellung des Czare beten ließ. Auch wir sind dieser Ansicht und können es nur bedauern, wenn, wie cs dieser Tage der jüdische Redacteur eines politischen Blattes gethan hat, die Thränen des russischen und französischen Israel, die es um die Krankheit des Czaren vergossen, ebenso geschmack-, wie taktvoll, als Krokodilsthränen bezeichnet hat. Zeituugsnachrichreu nrrd Correfponderrzen. Deutschland. Hamburg, 18. October. (Neue Dammthor- Synagoge.) Einem dringenden Bedürfniß der jüdischen Bewohner vor dem Dammthor wird nun endlich Rechnung getragen; durch den raschen und hochherzigen Entschluß eines Garanlte-Comrlä; ist die Herstellung einer geräumigen, Luft und Licht bietenden Synagoge in der Beneke-Straße (bet der Grindel-Allee) vor Beginn der nächstjährigen Hauptfeste gesichert. — Der Gottesdienst soll in althergebrachter ritueller Weise abgehalten, jedoch durch gute cantorale Leistung mit Chorbegleitung resp. Predigt gehoben werden. Mannheim, 18. Oktober. Wegen Aufreizung zum Klassenhaß stand heute der Redakteur Aug. Alb. Schäfer von dem in Heidelberg erscheinenden antisemit. „Badischen Volksboten" vor dem hies. Schwurgericht. Das Vergehen war verübt worden durch den Abdruck eines die Juden schmähenden Gedichtes, das den Titel trug: „Was ist ein Jude?". Nach den Ausführungen des Staatsanwalts liegt in demselben die Aufforderung zu Gewaltthätigkeiten. Die Geschworenen verneinten aber die Schuldfrage, so daß Freisprechung erfolgte. R. Mannheim. Die hiesige Firma Mayer- Dinkel feierte dieser Tage das Fest ihres 50jähr. Bestehens. Aus diesem Anlatz wurde dem Chef durch den Amtmann Dr. Schmidt das ihm von Sr. Kgl. Hoheit dem Grotzherzoge verliehene Ritterkreuz II. Klaffe übergeben. Ferner erschien eine Deputation der Handelskammer und überbrachte eine Adresse der Kammer; auch der Stadtrath hatte ein herzliches Gratulationsschreiben gesandt. Strahburg i. C. (Aus dem Gemetnderath. Antrag des israelitischen Consistortums auf Gewährung eines Zuschusses seitens der Stadt zu den Kosten des Neubaues einer Synagoge.) Die Gesammtkosten sind auf 750 000 Mk. veranschlagt. Daß die Stadt außer der Hergabe des Bauplatzes auch zu den Baukosten noch beitragen müsse, war bereits in der Gemeinderathssitzung vom 1. Febr. 1893 nicht unerwähnt geblieben. Von denselben will die israelitische Gemeinde 350 000 Mk. mittelst einer Anleihe und 100 000 Mk. durch eigene freiwillige Beiträge aufbringen; für den noch zu

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