Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 84 (29.10.1894)
- Date
- 1894-10-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Beilage zu M 84 des „Israelit". L«it««d«r Artikel. Die Heöete für den Gzaren. Mainz, 28. Oktober.- Seitdem es den Herren Antisemiten beliebt, Zeitungen, deren Tendenz eine judenfreundliche ist oder deren Inhaber oder Redacteure gar Juden, Judenabkömmlinge oder getaufte Juden sind mit Judenblätter, jüdischer Presse u. s. w. zu bezeichnen, ist in dem Kopfe manches unbefangenen nichtjüdischen Zeitungslesers eine für uns nicht unbedenkliche Verwirrung entstanden. Er glaubt vielfach, daß jene Zeitungen, deren Leiter und Inhaber oft vom Judenthume nicht die blässeste Ahnung haben, ja im Gegentheil diesem oft geradezu feindlich entgegenstehen, die Ansichten der geistigen Führer der Judenheit wiederspiegeln. Diese Verwirrung muß um so eher entstehen, als die genannten Blätter gerade ihre Verbreitung in nicht jüdischen Kreisen suchen und finden, während diejenigen Zeitungen, die jüdisches Denken und Fühlen und den Geist, der innerhalb der jüdischen Kreise herrscht, in ihren Artikeln zum Ausdruck bringen, nur höchst selten außerhalb des Judenthums Beachtung finden. Die Existenz solcher irrigen Ansichten hat sich erst jüngst gezeigt, als ein katholischer Geistlicher einem Rabbiner in Hessen ein von einigen Berliner jüdischen Preßstraßenjungen hcrausgegebenes Zeitungsblatt, in dem katholische Einrichtungen verspottet waren, voller Entrüstung übersandt hat, und sie zeigt sich auch heute wieder, indem man dem deutschen Judenthume vorwirft, es mißbillige, daß die Juden Rußlands und Frankreichs für des Ezaren Genesung gebetet haben. Man sucht so jüdische Vaterlandslosigkeit und Rachsucht zu beweisen. Gehen wir indeß der Sache näher auf den Grund, so wird sich gerade das Gegentheil zeigen. Wohl haben einige politische Blätter, an denen Juden betheiligt oder angestellt sind, hie und da sogar in wenig taktvoller Weise den russischen und französischen Juden ob ihres Gebets für den Ezaren höchstdero Mißfallen zu erkennen gegeben; das kann aber doch unter keinen Umständen für eine Meinungsäußerung der deutschen Judenheit gelten; die wirklich jüdische Presse erklärte sich mit den Gebeten für den Ezaren vollkommen einverstanden, wie ja auch wir in unserer vorigen Nummer berichteten, daß des Kaisers Krankheit allenthalben lebhaftes Beileid geweckt, und daß eine große Versammlung russischer Juden in London einen begeisterten Bittgottesdienst abgehalten hat. Auch die übrige außerrusstsche und außerfranzösische „Jüdische" Presse d. h. die von und für Juden geschriebene Presse schreibt in ähnlichem Sinne. So lesen wir in der in Wien erscheinenden „Neuzeit": Die Journale brachten dieser Tage die telegraphische Nachricht, daß in sämmtlichen Kirchen und Synagogen von Frankreich Gebete für die Genesung des Ezaren verrichtet werden. Man begreift, daß in diesem Lande die Theilnahme für den mit dem Tode ringenden Czaren mächtiger als in anderen Staaten zum Ausdruck gelangte, denn die Franzosen glaubten seit Langem in dem Czaren einen Freund zu erblicken, der in früheren oder späteren Tagen dazu beitragen werde, ihre heißen Wünsche zu verwirklichen. Frankreich ist eine Republik mit den freiheitlichsten Institutionen, an der Spitze des Staates steht ein freigewählter Präsident; Rußland ist eine absolutistisch regierte Monarchie, der Czar ein Autokrat, der in seiner Person die höchste irdische Machtvollkommenheit vereint: er ist Kaiser und Papst in einer Person, er ist Herr über die Körper und die Geister seiner Unterthanen. Und zwischen diesem republikanischen Frankreich und diesem absolutistisch regierten Rußland weben sich doch so zarte Fäden inniger Freundschaft, Sympathie und Liebe, die alles vergessen machen, was abgrundtief und unüberbrückbar zwischen den beiden Staaten liegt. Aus Deutschland haben die Romanows in zahllosen Fällen die Galtinen für russische Prinzen geholt und auch in den letzten Tagen war die Welt Zeuge des ergreifenden Schauspieles, wie eine jugendliche, schone Prinzessin aus deutschem Fürstengeschlecht die Reise nach Livadia antrat, um am Krankenbette des Czaren dem russischen Thronfolger vermählt zu werden. Aber trotz der vielfachen Bande der Verwandschaft, die das russische Kaiserhaus mit den deutschen Fürstenhofen verbinden, fand die Theilnahme für den Czaren den wärmsten Ausdruck — in Frankreich. Die Gebete um die Ger.ffung des Czaren wurden nicht in Deutschland, sondern in französischen Kirchen und Tempeln zu dem Herrn emporgesendet, der mächtiger als alle Kaiser und Fürsten ist, vor dem alle Staubgeborenen gleich sind, der mit gleicher Liebe alle Menscken umfaßt, mögen sie im Palast oder in der Hütte das Licht der Welt erblickt haben, und der mit unbeugsamer Gerechtigkeit die Thaten Aller beurtheilt. Zu diesem Gotte der Liebe und Gerechtigkeit richteten die Franzosen ihre thränenfeuchten Blicke, erhoben sie ihre gefalteten Hände und beteten mit gerührten, andächtigen Herzen für die Genesung des Czaren, in dem sie einen Freund und Helfer in der Zukunft, einen Hort ihrer geheimsten und offenkundigsten Wünsche erblickten. Nicht allein von begreiflichen idealen Gefühlen menschlicher Sympathie und humanen Mitleides beseelt, beteten die republikanischen Franzosen für den nordischen Selbstherrscher, sondern auch geleitet von politischen, nationalen Regungen und Erwägungen. Bon politischen und nationalen Regungen und Erwägungen! Wer wird nun noch einen Augenblick darüber staunen, daß die Rabbiner in Frankreich mit ihren jüdischen GlaubenSgenoffen vereint in die Synagoge zogen und dort mit gleicher Aufrichtigkeit, gleicher Inbrunst, gleicher Andacht für die Genesung des Czaren beteten wie ihre christlichen Mitbürger, die mit ihren Priestern in die Kirche gingen? Nationale und politische Erwägungen — wo diese ins Spiel kommen, da kennen die Juden in Frankreich nichts, was sie von ihren christlichen Mitbürgern trennen könnte. Die republikanischen Franzosen schwärmen und beten für