Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 84 (29.10.1894)
- Date
- 1894-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1560 Vereins der jüdischen Staatsbürger. Sein Artikel sei eine Antwort auf die Bcurtheilung gewesen, welche das Verhalten der Offiziere aus Anlaß der hannoverschen Prozesses in der jüdischen Presse gefunden. Dieser Theil der Presse habe sich in empörenden Angriffen gegen das gesummte Osfijierkorps überboten und da sei es seine Pflicht gewesen, solchem Unfug entgeaen zu treten. Er wollte das von der jüdischen Presse vollständig verschobene Bild der hannoverschen Gerichtsverhandlung wieder zurecht rücken. Daß uns von der jüdischen Rasse unsägliches Unheil drohe und der Kampf gegen diese nachdrücklichst geführt werden müsse, sei eine Ueberzeugung, die mit ihm viele Leute theilen. Seine Zeitung sei nicht in dem vom Vorredner angeführten Sinne unparteiisch. Sie sei nur eine „unparteiische Zeitung für nationale Politik," d. h. sie sei parteilos gegenüber den parlamentarischen Parteien, behalte sich aber das Recht vor, alle Erscheinungen im öffentlichen und staatlichen Leben von dem Gesichtspunkte des nationalen Interesses zu prüfen. Er beantrage seine Freisprechung event. Zubilligung des Schutzes des § 193. — Rechtsanwalt Dr. Schinkel wollte durch Verlesung von Zeitungsartikeln beweisen, daß der Artikel der „Täglichen Rundschau" nur eine Antwort auf das Gebühren der jüdisch-liberalen Blätter gewesen sei. — Da aber Rechtsanwalt Dr. Grelling erklärte, sich mit den von der Gegnerschaft angefertigten Auszügen unmöglich begnügen zu können und darauf bestand, daß die bezüglichen Artikel selbst vorgelegt und vollständig verlesen werden müßten, so sah sich der Gerichtshof gezwungen, die Sache zu vertagen und dem Beklagten aufzugeben, die betreffenden Zeitungsnummern zu den Akten einzureichen. — Da die betreffenden Nummern alsbald herbeigeschafft werden konnten, so wurde der Vertagungsbeschluß wieder aufgehoben und in die Verhandlung wieder eingetreten. — Das Urtheil lautete gegen Dr. F. Lange auf eine Geldstrafe von 100 Mark und die üblichen Nebenstrafen. Berlin, 13. October. Den unverhüllten praktischen Antisemitismus betreibt die „Kreuzztg." in folgender Notiz: „Aus Münster erhielten wir eine Zuschrift, in der lebhafte Beschwerde darüber geführt wird, daß ein jüdischer Regierungsrath Dr. Paul Meyer in Köln zum Oberregterungsrath und stellvertretenden Präsidenten der am 1. April 1895 neu zu errichtenden Königlichen Eisenbahn-Direction in Münster befördert werden soll. Der Gedanke, daß über das Wohl und Wehe von zahlreichen christlichen Beamten und Arbeitern, über ihre persönlichen und dienstlichen Angelegenheiten, tbren Urlaub zum Abendmahl und an Feiertagen in Zukunft ein Jude frei zu bestimmen haben soll, wird von den dortigen christlichen Bahnbediensteten als eine schwere Last und Kränkung empfunden. W!r kennen Herrn Dr. Paul Myer nicht, wissen nicht einmal, ob er Jude ist; ist er es aber, so scheint uns seine Beförderung auf eine so maßgebende Stelle mindestens nicht — zeitgemäß." Berlin. Pfarrer Naumann, ein Führer der Christlich-Sozialen, hielt jüngst, als der Evangelische Arbeiterverein in Frankfurt a. M. sein neues Vereinslokal bezog, eine bemerkenswerthe Rede. Er sagte über den Antisemitismus: „Wir wollen nichts zu thun haben, mit einer Bewegung, die dem Gegner gegenüber nur Lungenkraft, aber krine Gedanken ins Feld führt. Selbst das Richtige, was von solcher Seite ausgesprochen werden mag. verliert seine Kraft durch die Hintansetzung der Grundbedingung alles parlamentarischen Lebens: der Achtung vor dem Gegner." Berlin, 17. Oktober. Der langjährige Arzt des Untersuchungs-Gefängnisses, Geheimer Sanitätsrath Dr. Leopold Lewin, ist am 12. d. Mts. plötzlich am Lungenschlag gestorben. Gcheimrath Lewin war in Berlin am 16. Oktober 1820 geboren, stand also dicht vor Vollendung des 74. Lebensjahres. Es set hier Gelegenheit genommen, an das historische Eingreifen zu erinnern, durch das der jetzt plötzlich Verstorbene zum ersten Male überall bekannt geworden. Es war am 2. Juni 1878, als Nobiltng sein Attentat gegen Kaiser Wilhelm 1. ausgeführt hatte. Dr. Lewin, welcher sich zufällig in der Nähe des Thatortes befand, sprang schnell entschlossen in den kaiserlichen Wagen und leistete dem Monarchen die erste Hilfe. Dafür ist er, wie unfern Lesern erinnerlich, noch vor einigen Jahren von den Antisemiten tn der gemeinsten Weise angegriffen worden. Geheimrath Dr. Lewin erfreute sich in allen Kreisen der größten Beliebtheit. Berlin. Der Vorsitzende des hiesigen Vereins zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen, Herr Stadtverordneter Louis Sachs, hat dem genannten Verein ein Grundstück für 200 000 Mk. gespendet. Dasselbe befindet sich unmittelbar neben dem Krankenhause der jüdischen Gemeinde und soll mit letzterem in Zusammenhang gebracht werden. Dieses edle Werk bedarf keines weiteren Kommentars, es spricht für sich selbst. Aus der Provinz Posen, im September. Zur Förderung der Sabbatheiligung in den Kreisen israelitischer Lehrlinge und Gehilfen sind eine Anzahl derselben in Posen zu einer Vereinigung zusammengetreten, welche bezweckt, den Lehrlingen und Gehilfen die Sabbatheiligung zu ermöglichen. Stellen tn solchen Geschäften, die am Sabbat geschloffen sind, werden Seitens der Vereinigung