Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 82-83 (25.10.1894)
- Date
- 1894-10-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1542 Auch Prof. Dr. v. Bär, der bekannte SLrafrechtslehrer, ist den Anschauungen des Herrn Dr. Parmod beigetreten. Wir können allen unseren Lesern die Lektüre der trefflichen und für den Kampf ums Recht bedeutenden Schrift auf das wärmste empfehlen. Zeitungsnachrichten mtfe Korrespondenzen. Deutschland. Mainz. Die schwere Krankheit des Zaren hat in den weitesten Kreisen lebhaftes Beileid geweckt. Jeder Tag bringt neue Kundgebungen dieses fast allgemeinen Gefühls. So sendet der Londoner Korrespondent des B. T. diesem Blatte folgendes Privat-Telegramm: In der großen Versammlungshalle von Milesend versammelten sich gestern Tausende fremder Juden zur Begehung des letzten Festtages, als der aus Rußland vertriebene Rabbiner Schwrick die Versammlung aufforderte, für den Zaren zu beten. Anfänglich erfolgten Proteste. Als der Geistliche dann aber auseinandersetzte, daß ihre Religion verlange, auch für den Verfolger zu beten, und daß der Zar doch nur das Werkzeug in der Hand der Vorsehung gewesen, deren Wege unerforschlich seien, stellte sich tiefe Ruhe und Andacht ein. Man solle außerdem bedenken, sagte der Geistliche, daß trotz alledem der Zar vielen M llionen Glaubensgenoffen Schutz gewähre. Vielleicht würde die dem Kranken anferlegte Prüfung, wenn er genese, diesen zur M>lde stimmen. Der Geistliche trat dann vor die geöffnete Bundeslade und rezitirte hebräische Gebete, in welche die Gemeinde mit begeisterter Andacht respondirte. Die Rede des Rabbiners soll von unbeschreiblicher Innigkeit und Wirkung gewesen sein. Das „Jewish Chronicle" registrirt, daß der Czar sieben jüdische Aerzte dekorirt habe und erzählt bei dieser Gelegenheit, daß der Professor Sacharjtn, oder eigentlich Zachkarjin, ein geborener Jude sei, der als kleiner Junge hilflos in der Straße von einem reichen Moskowiter gefunden und später erzogen worden. In allen Synagogen Frankreichs wurden auf Anregung der französ. Regierung Bittgottesdienste für den Czaren abgehalten. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 20. Oktober. Durch ein wahrhaft tragisches Geschick ist die Wiener medicinische Schule abermals eines hervorragenden Forschers und ausgezeichneten Lehrers beraubt worden. Professor Dr. Ludwig Mauthner, dessen Ernennung zum Professor der Augenheilkunde und Vorstand der ersten Augenklinik als Nachfolger des HofratheS Stellwag v. Carion gestern in der amtlichen Wiener Zeitung veröffentlicht wurde, ist heute Morgens um 6 Uhr in Folge eines Herzschlages plötzlich gestorben. Professor Mamhner stand im 54. Lebensjahre. Die Familie ist durch den unerwarteten schmerzlichen Verlust aufs schwerste betroffen. Mauthner war seit einigen Jahren mit einer aus einer angesehenen russischen Familie stammenden Dame, der verwittweten Frau Brodsky, vermählt und lebte in den glücklichsten Verhältnissen, die er ebensowohl seiner angesehenen wissenschaftlichen und socialen Stellung wie seinen günstigen Vermögensumständeu verdankte. Die Todesnachricht, die sich heute Morgens rasch in den Kreisen der Freunde und Bekannten des Verstorbenen, an der Universität und im allgemeinen Krankenhause verbreitete, machte überall den schmerzlichsten Eindruck und rief die regste Theilnahme hervor. Sonntag Nachmittags hat das Leichenbegängntß des Professors Dr. Ludwig Mauthner unter ungemein zahlreicher Betheiligung der College», Freunde und Verehrer des verstorbenen Gelehrten stattgl fanden. In der Ceremonienhalle verrichtete Ober-Cantor Singer, ai sistirt vom Chm personal, die rituellen Gesänge. Von den vielen Nachrufen, die dem Dahingeschiedenen am offenen Grabe gewidmet wurden, h.ben wir nur den des Decan der medicinischen Facultät, Professor Dr. Weichselbaum, hervor. Er sagte: Als Decan der medicinischen Facultät entsteht für mich die traurige Pflicht, die letzten Abschiedsgrüße des Professoren-Collegiums zu überbringen Professor Mauthner zählte nicht nur während seiner medicinischen Studien zu den vorzüglichsten Schülern, sondern wußte sich in früher Zeit durch seine wahrhaft hervorragenden Leistungen den Eintritt in den akademischen Lehrkörper zu erringen. Nicht nur als Lehrer, sondern auch als Gelehrter wirkte er in solch phänomenaler Weise, daß er bald zu den ersten Autoritäten in seinem Fache gezählt werden mußte. Dies waren hauptsächlich die Gründe, warum nach Stellwag's Rücktritt Aller Augen sich nach dem Verewigten richteten und er auch tatsächlich als Leiter der ersten Augenklinik ausersehen wurde. Und nun sollte ihn ein Verhängniß ereilen in so tückischer, erschütternder Gestalt, wie es nur selten in den Annalen der Universität verzeichnet ist. Eben erst angelangt an dem heiß ersehnten, schwer erkämpften Ziele, wird er plötzlich vom Tode ereilt, inmitten schöner Hoffnungen und hochfliegender Pläne. Der Lehrstuhl, kaum besetzt von einer Kraft, die zu den stolzesten Erwartungen berechtigte, ist wieder verwaist, die Schüler ohne Lehrer, ohne Leiter und Führer, die Professoren beweinen in ihm einen ihrer jüngsten und genialsten College». Und so stehen wir schwer gebeugt vor dem Grabe eines Collegen mit gestorbenen Hoffnungen, zerstörten Aussichten. Nur Eines vermag die Trauer zu mildern, das ist das Bewußtsein der wiffenschaftlichen Leistungen und Lehren des Verstorbenen, die hier nicht mit dem Todten versenkt werden, sondern unvergänglich bleiben nicht nur für die engeren Kreise der medicinischen Facultät, sondern für die Gesammtheit der medicinischen Wiffenschaft. Möge der todte Körper nach dem Kampfe des Lebens in kühler Erde Ruhe finden, das Wirken seines Geistes wird fortleuchten immerdar, sein Andenken unsterblich sein! Namens der Poliklinik hielt Mauthner's Fachgenosse, Dr. v. Reuß, einen Nachruf. Im Namen der Schüler sprach zum Schluffe Profeffor Mauthner's bisheriger erster Assistent an dessen poliklinischer Abtheilung, Dr. Aladar Bekesz. Sämmtliche