Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 82-83 (25.10.1894)
- Date
- 1894-10-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448486--39482-2487633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1539 Du willst, nur stoße mich nicht von Dir, nur verlaste mich nicht, nur bleibe bei mir, denn ich liebe Dich und kann nicht leben ohne Dich." „Ich kann nicht," rief Esther schluchzend, „ich kann nicht Kasimir, ich sagte es Dir ja schon so oft. Alles, Alles kann ich aufgeben für Dich, nur meinen Glauben nicht." „Nun denn," entgegnete der König, „einer meiner weisen Räthe hat mir einen Rath erthetlt und diesen letzten Ausweg darfst Du nicht von Dir weisen. „Du sollst Jüdin bleiben und dennoch sollst Du Königin dieses Landes werden. N^r zum Scheine mußt Du die Religion annehmen, zu der ich gehöre. Ein einziges Mal mußt Du mir in die Kirche folgen; ich aber werde einen Geistlichen, der mir sehr ergeben ist, und der Alles für mich thut, was ich von ihm verlange, beauftragen, nur zum Schein jene Handlung an Dir vorzunehmen, deren Du Dich weigerst. Er wird Dich nicht besprengen mit dem geweihten Wasser, das das Sinnbild ist zur Annahme meines Glaubens. „O Esther, so weit komme ich Dir entgegen, so viel will ich für Dich thun. Wenn Du mich wahrhaft liebst, so schlage mir dies Eine nicht ab. „Hat doch auch die Esther, von der Eure heiligen Bücher erzählen, den König Achasweros gefreit, warum willst Du mich zurückstoßen? Du kannst Jüdin bleiben; nur dem Volke wollen wir sagen, Du habest meinen Glauben angenommen, und so wird es endlich uns vergönnt sein, glücklich zu werden." Noch lange, lange weigerte sich Esther, aber immer heftiger, immer dringender bat der König, und als endlich der starke, kühne heldenhafte Mann zu weinen anfing, und mit seinen Thränen ihr Angesicht benetzte, da schwand ihr Widerstand, und sie willigte ein, daß nicht in der Kapelle, doch in dem Zimmer des Königs zum Schein jene Handlung vorgenommen werden sollte. Und Alles geschah nach dem Willen des Königs. Er wußte es so einzurichten, daß auch die Scheintaufe nicht einmal zu vollzogen werden brauchte. Ein ihm aus Leben und Tod ergebener Mönch bestätigte den Vollzug der Taufe und der in aller Stille stattgehabten Trauung, und bald wurden die Bürger Krakaus und die Edelleute Polens durch die ganz unglaublich klingende Nachricht überrascht, daß König Kasimir der Große sich vermählt und daß die Auserwählte seines Herzens eine gewesene Jüdin, daß es die schöne Esther sei. Ja, daß es der König sogar gewagt habe, ihr Theil an seiner Krone und an seinem Thron zu geben, und sie in aller Stille zur Königin von Polen habe krönen lasten. Zugleich war mitgethetlt worden, daß Esther, bevor man ihr die königliche Krone auf ihr Haupt gesetzt, durch den würdigen Pater Dominikus von der Wahrheit desjenigen Glaubens überzeugt worden sei, dem der König angehöre und daß sie zu demselben übergetreten wäre. Eine ungeheure Aufregung rief diese Nachricht bei den Christen sowohl, als den Juden Polens hervor. Eine geborene Jüdin auf dem Throne Polens, das war unerhört und noch nie dagewesen. Das durfte nicht sein, das verletzte die Würde des Reichs und der Nation. Eine gewaltige Gährung bemächtigte sich sowohl des Adels wie des Volkes und die vielen Unzufriedenen innerhalb deS Adels, die jene Schlappe, die sie gelegentlich des ersten Versuchs einer Empörung erhalten, noch nicht verwinden konnten, benützten die Strömung gegen den König, um wieder kecker ihr Haupt zu erheben und zu versuchen, ob nun die Zeit gekommen wäre, um ihre längst gehegten Pläne und Wünsche auszuführen. An der Spitze dieser Unzufriedenen stand wiederum der Pan von Wola und der von Roßny, welche Kasimir in seiner Großmuth begnadigt hatte, wie wir bereits früher erfahren haben. Der Pan von Wola begann eine fieberhafte Thätigkeit. Jedes neue Gerücht, das dazu angethan war, um die Jüdin auf dem Throne Polens herabzusetzen, oder den König zu verdächtigen, wurde von ihm mit Freuden aufgegriffen und er sorgte dafür, daß es möglichst schnell verbreitet wurde. Mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln wurde von den unzufriedenen Adeligen, die keine größere Sehnsucht kannten, als den ihnen so sehr verhaßten König zu stürzen, die Bewegung geschürt. Hatten doch die Adeligen Polens noch niemals eine so bedrückende Zeit erlebt, als unter Kasimir. Während vorher ihrer Rohheit und ihren wilden Gelüsten keinerlei Zwang entgegengesetzt wurde, während sie zuvor die unumschränkten Herren über Leben und Tod auf ihren Gütern waren, und soviel stehlen und rauben konnten, als es ihnen Freude machte, so viel Schandthaten und Verbrechen begehen, als sie nur wünschten, so fand jetzt stets die verfolgte Unschuld ein geneigtes Ohr bei dem König, und ein jedes Verbrechen in seinem Reiche wurde auf das Schwerste geahndet und bestraft. Er war daher nicht erstaunlich, daß die Adeligen nichts unversucht ließen, was sie ihrem ersehnten Ziele, dem Sturze des Königs näher bringen konnte. Besonders aber der Pan von Wola war, wie