Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 82-83 (25.10.1894)
- Date
- 1894-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1534 Einen solchen Dienst kann jener glücklicherweise recht winzige Theil unserer Glaubensgenossen nicht leisten, der sich einer Bewegung angeschlossen hat, welche man überhaupt nicht begreifen könnte, wenn man nicht auf ihren Ursprung zurückginge."- Wir übergehen die Entstehungsgeschichte des Zionismus, die ihren Nährboden in Rußland hat, und wenden uns Deutschland zu. „In Deutschland hätte diese Bewegung nie Eingang finden können, wenn nicht der Antisemitismus seinen verheerenden Zug über das neue deutsche Reich angetreten hätte. Zwar bleiben bei den durch Alter und Erfahrung gereiften deutschen Juden alle Verlockungen der neuen Verheißung wirkungslos. In Dankbarkeit erinnern diese sich inmitten der trüben Gegenwart der schönen Zeit, wo der christliche Nachbar für des unterdrückten Juden Rechte gestritten und ihn freudig ausgenommen hatte, als die Stunde der Freiheit schlug, wo in gleicher Begeisterung beide entflammt waren, als des neuen deutschen Reiches Herrlichkeit in früher nur geträumtem Glanze sich nach herrlichen Kämpfen ihnen offenbarte; in diesen Jahren der Kämpfe, des endlichen Sieges sind die deutschen Juden zu fest mit ihrem neuen Vaterlande verwachsen, als daß sie durch das wüste Toben einer mißleiteten Menge von ihrem Standpunkt abgebracht werden könnten; sie fühlen sich als treue, deutsche Bürger, wenngleich sie in ihrem Innersten tief verletzt sind durch das zuchtlose Treiben, das sich, von keiner Seite gehemmt, überallhin frei entfalten darf. Die Jugend dagegen fängt an, hie und da der Bewegung ein williges Ohr zu leihen. Sie hat ja nur die trübe Zeit gesehen, sie hat von der Schulbank bis zur Hochschule, im Handel und Verkehr. ja selbst in der Zeit, die der Staat für sich in Anspruch nimmt, zur Heranbildung der Vertheidiger des Vaterlandes, am eigenen Leibe die furchtbaren Folgen des Antisemitismus in Kränkungen und Zurücksetzungen aller Art erduldet: Ist es da zu verwundern, daß das Band, das die jungen jüdischen Deutschen an das Vaterland kettet, sich ansängt zu lockern, daß sie die zündenden Worte, die nach der Ansicht so vieler Menschen für sie in Deutschland nicht bestehen, und die sie doch so oft in Lehre und Leben als das höchste Mannesideal haben preisen hören: „Vaterland und Freiheit" beginnen im heiligen Lande zu suchen? Gegenüber der engherzigen Deutschthümelet der Gegenwart, die als Deutschen nur denjenigen anerkennt, der seinen „arischen" Ursprung durch so und so viele Geschlechter Nachweisen kann, gegenüber den hohlen Nationalschwärmern kehren sie ihre Nationalität hervor, gegenüber der falschen und einseitigen Betonung einer deutschen Kultur proklamiren sie das Streben, die alte Kultur der jüdischen Nation wieder aufleben zu laffen, gegenüber der unsinnigen Behauptung, daß die Moral und Sitte, die sie mit allen Kräfen erhalten wiffen wollen — kurz, alle Uebertreibungen und Einseitigkeiten aus der einen Seite finden einen gleich starken Widerhall auf der anderen, und bei all dem Tosen wird der hohe Gedanke, der die Vorfahren dieser Nationalttätsschwärmer begeistert und erhoben hatte, völlig nebensächlich behandelt, ja mißachtet. Freilich schreibt und spricht man gar eindringlich von dem Werth der Bekanntschaft mit der jüdischen Geschichte un d Litera tur,mit der he brätschen Sprach e; aber Geschichte und Sprache gelten den Schwärmern in erster Reihe als Mittel zur Förderung ihrer nationalen Ideen, nicht als heilige Zeugen und Denkmäler eines erhabenen Bekenntnisses; in die harmlose Maske eines „Jüdischwissenschaftlichen Studentenvereins" oder „Hebräischen Sprach- und Sprechvereins" kleidet man mit Vorliebe die Propaganda für das Nationaljudenthum. Mit einer nicht zu verbergenden Schadenfreude kündet man allerorten die Ausbreitung und verheerende Wirkung des Antisemitismus an, „der jeden Tag neue Legionen" erhält, man schwelgt förmlich in dem Gedanken, daß „wir Deusche angesichts der Ereignisse in Neustetttn und Schivelbein, Ulm und kanten auch unter Umständen daran denken dürfen, den Tischah b'Ab zu feiern," man läßt vor den österreichischen Juden das furchtbare Gespenst des Hungertyphus in greifbarer Gestalr aussteigen — cs zeigt sich das überraschende Schauspiel, daß das Nationaljudenthum in innigster Ueb ereinstimmung mit dem Antisemitismus das Thema einer „Judenfrage" behandelt, die es für alle besseren und einsichtsvolleren Elemente nie gegeben hat und nie geben wird, und die nur, wie bereits erwähnt, das Schlagwort einer zusammengewürfelten Coalttion ist, welche mit diesem Wort ihre oft recht zweifelhaften Pläne zu verwirklichen hofft. Gehen wir einmal auf die „Judenfrage" im Sinne des Nationaljudenthums etwas näher ein: Die Anhänger dieser Bewegung erklären die Assimilation der Jaden in den westlichen Ländern Europas für ein Unding; der Jude — und hierin berühren sie sich sich mit den Antisemiten — bleibt Jude, wenn er auch längst jüdischer Deusche, Engländer, Franzose, Ungar geworden zu sein glaubt — wegen dergleichen vieltausendjährigen Geschichte, wegen der gleichen Rasse, wegen der gleichen sozialen Lage, wegen des gleichen Druckes von außen. „Wenn die Glaubensbrüder in den verschiedensten Ländern für die Erhebung deS russischen Juden aus seiner traurigen Lage eintreten, wenn wir alle