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Der Israelit · 1894-10-12 · Heft 80-81 (12.10.1894) · page 35

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 80-81 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
– (sequence 35)
Language
German
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6. An welchen anderen, von jüdischen Schülern besuchten öffentlichen Schulen wird jüdischer Religionsunterricht und an welchen nicht ertheilt? 7. Wie viele jüdische Schüler sind an ersteren, wie viele an letzteren? 6. Welche Religionsschulen bestehen noch am Orte, mit wie viel Schülern, mit welchen Lehrzielen? 9. Giebt cs innerhalb des Synagogen-Gemeindebezirks jüdische Familien oder Gemeinden ohne ständigen Cultusbeamten mit schulpflichtigen jüdischen Kindern, bezw. wie groß ist die Zahl dieser Kinder? Erhallen diese Religionsunterricht und bei wem? Der Präsident weiß dem Referenten wie seinem Vorredner nicht genug Dank dafür zu sagen, daß sie die weite und mühevolle Reise unternommen haben, um uns mit ihren Wissens- und Erfahrungsschätzen zu erfreuen. Der Referent habe uns zudem einen inhaltlich und formell wohl ausgearbeiteten Vortrag gehalten und aus seiner Praxis eine Fülle von Anregungen geboten. Enqueten, Zweckverbände, Wanderlehrer, das sind die drei wichtigsten idealen Fragen, mit deren Lösung der Verband sich ferner zu beschäftigen haben wird. Wir wollen ja nichts Neues schaffen, wir wollen nur das, was auf anderen Gebieten des Staatslebens längst gang und gäbe ist, auch für uns ausnützen. Die Landgemeindeordnung giebt das Recht zur Zusammenlegung wirthschaftlich schwacher politischer Gemeinden sogenannter Zwerggemeinden zu Zweckverbänden für irgend welche wirthschaftliche Zwecke. So werden Schulverbände auf dem Lande seit Jahren gebildet. Warum soll das nicht auch bei uns durchführbar sein? Freilich kann ich mich mit der Praxis des D. I. G. B. wenig befreunden. Nach der uns gewordenen Auskunft unterstützt derselbe 100 Gemeinden mit je 100 Mark, also zusammen mit 10,000 Mark, daS ist meines Erachtens, so weit ich unterrichtet bin, ganz unzureichend. Was kann eine einzelne Gemeinde mit 100 Mark anfangen. einen Lehrer gewiß nicht halten, selbst wenn sie ihre eigenen Hilfsquellen hmzunimmt. Wenn man aber z. B. 6 Nachbargemeinden veranlassen würde, sich zu einem Zweckverbande zu vereinigen und einen Wanderlehrer zu Haffen, dann ist man in der Lage mit weit geringeren Mitteln Größeres und Dauerndes zu erzielen, ^ür solche Zwerggemeiuden aber, die in der Nähe einer größeren Gemeinde liegen, wird es sich mehr empfehlen, den Lehrer dieser Gemeinde gegen einen Gehaltszuschuß für den Unterricht zu gewinnen. Beide Mittel würden überdies auch zur Heilung der materiellen Lage, der jüdischen Lehrer beitragen. Für eine große Zahl von Lehrern würden neue Gehaltsquellen fließen und eine andere Anzahl stellenloser Beamlen ihr Unterkommen als Wanderlehrer finden. Die Institution der Wanderlehrer hat sich schon in manchen Gegenden Deutschlands als gut bewährt. Insbesondere hat der Oberschlesische Rabbinerverband unter Leitung unseres Freundes Dr. Cohu- Kattowitz die Idee in seinem Bezirke fruchtbar verwerthet. Hoffentlich werden auch wir dabei auf die Unterstützung der maßgebenden Kreise, insbesondere des Deutsch Israelitischen Gemeindebundes, der Rabbiner und Gemeinden, wie der zuständigen Behörden rechnen dürfen. D. Correforat von Rabbiner Dr. Bietor Nordheimer- Schwetz. Welche Einrichtungen sind z« treffen, damit die aus dem Lande zerstreut wohnenden Kinder deS Religionsunterrichts nicht entbehren? Das Thema, über welches ich zu referiren beabsichtige, lautet: „Welche Einrichtungen sind zu treffen, damit die auf dem Lande zerstreut wohnenden Kinder des Religionsunterrichts nicht entbehren?" Daß es schwer ist, darüber zu reden, und daß sich nur wenig darüber sagen läßt, bedarf eigentlich nicht erst der Erwähnung, da es gänzlich an Vorarbeiten fehlt. Von den vielen Gegenständen, die der Rabbinerverband in Deutschland in Angriff genommen hat, ist allerdings der Entwurf eines Planes zur Einrichtung des Wanderlehrer-Instituts hervorzuheben, aber dabei handelt es sich um die Anstellung von Lehrern seitens der kleinen Gemeinden, d. h. der mit Corporationsrechten ausgestalteten Religionsgesellschaften, während wir es mit einzelnen auf dem Lande wohnenden Leuten zu thun haben. Ferner ist noch auf keiner Lehrerversammlung, so viel ich weiß, ein solches Thema jemals besprochen worden. Endlich habe ich noch nie in den jüdischen Zeitungen einen Artikel über den Religionsunterricht der jüdischen Kinder auf dem Lande gesehen, obgleich ich doch sonst im allgemeinen fast wöchentlich lesenSwerthe Aufsätze über die Unterweisung in der Religion finde. Daß die allgemeinen Werke über Pädagogik, deren eS ja genug giebt, nichts speziell über ländlichen Religionsunterricht enthalten, versteht sich von selbst, da der Staat für die christlichen Kinder dort ebenso wie für die städtischen Schüler sorgt. Daher bin ich gänzlich auf mich selbst angewiesen. Aber soll, weil es an Vorarbeiten völlig fehlt, darum nie über die ländlichen Kinder gesprochen werden? Findet hier nicht auch GötheS Wort im „Faust" Anwendung: „Greift nur hinein in's volle Menschenleben und wo ihr's packt, da ist's interessant?" Oder meint man in der großen Welt, die Menschen auf dem Lande seien nicht Menschen? Waren BoaS und Ruth, die auf dem Lande wohnten, und aus denen ein tüchtiger Stamm vortrefflicher Israeliten hervorging, nicht Menschen? Und meint man wirklich, Kinder aus dem Lande seien nichts weiter als Bauernkinder? Nein, das können, das werden wir nie und nimmermehr glauben. In einer jüdischen Zeitung las ich vor 3 Jahren, daß in Neu-Weißensee die israelitische Taubstummenanstalt eingeweiht worden sei und daß die Thränen in aller Augen glänzten, als die bemitleidenswerthen Geschöpfe, die taubstummen Kinder, in allen Disciplinen und besonders auch im Hebräischen geprüft wurden und auf alle an sie gerichteten Fragen Antwort geben konnten. Da muß man sich doch sagen: Taubstumme Kinder lernen in heutiger Zeit Religionslehre, und Kinder auf dem Lande, die Gott mit Verstand begabt hat wie und, Kinder, die so glücklich sind, sprechen zu können, sollen ohne Religionsunterricht aufwachsen? Nein, das ist haarsträubend, das ist himmelschreiend, wenn wir nicht, so weit es in unserer Macht liegt, auch für die ländlichen Kinder etwas thun, die doch gewiß nicht weniger als taubstumme sind. Aber es ist leider nun einmal so; das Platte Land wird weniger berücksichtigt als die Stadt, und der ländliche Unterricht ist überhaupt dürftig. Pfarrer Rosseck in Laptau bei Königsberg sagt in einem Artikel in Bocks „Volksschulunterricht" über ländliche Fortbildungsschulen: „Die Errichtung von Fortbildungsschulen für die männliche Jugend auf dem Lande, wie in den Städten, ist dringend nothwendig. Es fehlt bei den aus der Volksschule Entlassenen öfter an der sicheren Anwendung des Gelernten. Es giebt noch heute Bauein (kleine Besitzer) die das Schulzenamt ordnungsmäßig nicht verwalten können, die genöthigl sind, sich dabei der Hilfe des Lehrers, Postboten u. s. w zu bedienen." Wenn das von den Christen gilt, wenn schon der ländliche Unterricht überhaupt mangelhaft ist, was soll man da erst von den Juden aus dem Lande sagen, die nicht einmal Religionsunterricht erhallen? Oder was sollen wir erst sagen von den ländlichen Kindern, wenn in dem Bericht des Rabbinerverbandes in Deutschland die Bemerkung gemacht wird: „Die Schüler verlassen die Volksschule oder sagen sich, wenn sie eine höhere Schule besuchen, wenigstens von dem jüdischen Religions-Unterricht in der Religionsschule (nach dem 14. Lebensjahre) los und nehmen, wie es nicht anders sein kann, ein so erdenklich geringes Maß jüdischen Wissens und Glaubens mit in das Leben hinaus, daß sie fast jedes sittlichen und religiösen Gehaltes entbehren?" Wenn gerade ich es unternommen habe, über den

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