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Der Israelit · 1894-10-12 · Heft 80-81 (12.10.1894) · page 33

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 80-81 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
– (sequence 33)
Language
German
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das L^ ÄrthodoLe MüderrfhumÄ fÖM O S E S s5- Alätter für die israetii. Schule. LS.Okt. L8S4^ aiasrj 0K.I Deutscher Ueichsverband (Fortsetzung der Referate.) c. Referat des Rabb. Dr. Leopold Wreschuer-Samter. Zur Hebung des jüdischen ReligiouSuuterrichrs. Meine geehrten Herren! Vor einigen Jahrzehnten hatte fast die ganze gebildete Judenheit des Continents, insbesondere Deutschlands, geglaubt, die jüdische Wissenschaft wäre das einzige Regenerationsmittel deS Judenthums. Zum Glück erwres sich dieser Glaube als Irrglaube; denn so erfreulich und wüuschenswerth ein andauernder Aufschwung unserer religiösen Wissenschaft wäre, so traurig stände es doch um unser Judenthum, wenn wir in dieser noch länger sein einziges Rettungsmittel erblicken wollten. Für jeden tieferen Kenner unserer Zeitverhältnifse ist es zweifellos, daß N'cht die Bereicherung und Ausbildung unserer religiösen Schätze, sondern eine allgemeinere und ergiebigere Ausbeutung des vorhandenen religiösen Materials das höchste Bedürfniß unserer Zeit ist. Drängt heute die Zeitströmung im Allgemeinen mit Recht eine gediegene und fruchtbare Erziehung in den Vordergrund aller geistigen Bestrebungen und öffentlichen Interessen — wer erwartet heute noch von der Lösung gelehrter Probleme und großer Entdeckungen das Heil der Zukunft? — so liegt für unsere Glaubensgemeinschaft im Besonderen heute unbedingt in der Heranbildung fester, sittlich religiöser Charaktere der Schwerpunkt all ihrer Aufgaben und Ziele. Der Religionsschule als der ersten grundlegenden Vorbereitungsstätte für die Herzensentwickelung künftiger Geschlechter muß darum unser Hauptaugenmerk, unsere beste Arbeitskraft gelten. Für keine Schule aber ist die Erreichung ihrer Ziele mehr erschwert, für keinen Lehrer die gewissenhafte Bethätigung seiner Berufspflichten und die nur annähernde Verwirklichung seiner Berufsideale mit größeren Schwierigkeiten verbunden, als für die jüdische Schule und den jüdischen Lehrer In welchem modernen Bildungszweige herrscht wohl so viel Willkür, Unregelmäßigkeit, Unsicherheit, Mangel an Festigkeit, Stetigkeit, Einheit als auf dem Gebiete der jüdischreligiösen Jugendbildung. Wer einmal mit gutem Willen und offenem Blick jüdischer Neligianstehrer. das Katheder der Religionsschule betreten und von dort aus Umschau über daS Unterrichtswesen an den einzelnen Schwesteranstalten gehalten hat, ist sicherlich mehr oder minder durch diese betrübenden Erfahrungen schmerzlich enttäuscht worden. Ich möchte Ihre Blicke zunächst auf die Th ei ln ahme am Religionsunterricht lenken. Während an jeder deutschen Schule jeder christliche Zögling religiöse Belehrung bis zum Abschluß der Schulbildung erhält, gilt es heute für die jüdische Jugend und deren Eltern fast allgemein als selbstverständlich, daß mit dem Eintritt in die ersten Jünglingsjahre der jüdische Religionsunterricht als entbehrlicher und lästiger Ballast über Bord geworfen wird. Fast jede jüdische Religionsschule hat darüber zu klagen, daß ihr die Zöglinge vor dem 14. Lebensjahre entzogen werden, gleichviel, ob diese noch fast ein ganzes Jahrzehnt Prosanbildung genießen. Wenn wir auch nicht der Ansicht Wulckow's sind, (die ethischen Erziehungsaufgaben S. 52), daß die Bibel überhaupt nicht für Kinder, sondern für erwachsene denkende Menschen ist, so muß doch jeder Einsichtsvolle, dem die Religion noch einigermaßen Herzenssache ist, zugeben, daß heutzutage mit den unreifen kindlichen Vorstellungen, welche in den ersten Schuljahren gewonnen werden, wahrlich keine sittlich religiöse Grundlage für einen gebildeten Menschen geschaffen werden kann, vielmehr ganz naturgemäß die unentwickelten Reminiscenzen aus den Kinderjahren zum Ausgangspunkte jener oft frivolen Geringschätzung des Religiösen überhaupt werden muffen. Kein Wunder, wenn bei solchen Zuständen heutzutage der Wahn, als ob die Religion nur einschüchterndes Erziehungsmittel für die niedrigen Stände, für den gemeinen Mann und die breiten Pöbelmaffen sei, immer weitere Kreise unserer Glaubensgemeinde zu ergreifen droht, ein Wahn, der wahrlich nicht zur Ehre der Judenheit gereicht, in der während der höchsten Blüthe des Mittelalters die religiöse Bildung der Stolz und Glanz der intelligenten Kreise war, während des Alterthums nach JosephuS Zeugniß, (contra Apionem II 18) „jeder, der über die religiösen Gesetze befragt wurde, hierüber besser Bescheid gab, als über seinen Namen, weil sie mit der ersten Empfindung gleichsam erlernt und in die Seelen eingegraben wurden." Nun wird zwar unter 560

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