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Der Israelit · 1894-10-12 · Heft 80-81 (12.10.1894) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 80-81 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1522 Wenn meine Frau mir Freitag Abend mein Vorhemdchen und einen reinen Kragen gibt — 'n Vergnügen, es anzuseh'n! Ja, ja! Schabbes ist Isaak „ein Herr". Mit 'n hohen Hut auf, schönen, braunen Rock mit 'n Sammtkragen, ein Halstuch und 'ne Tuchnadel. Und Hosen — du möchst dich wundern, wenn du se siehst. Und meine Stiefel — blitzen thu se wie'n Spiegel. Nu, das kannst de dir doch denken, selbst geputzt, mit Wichse aus de Stoofsteeg, zweimal etngerieben mit der großen Bürste! Und mein' Frau? se kann sich neben mir sehen lassen! Du kannst getrost , den Hut vor ihr abnehmen. Fein, sag ich dir! Ein Prachtstück von ein' Shawl mit gelben Palmen und 'ne Haube mit lila Band aus dem Kopf — ä la bonheur. Wenn wir im Vondel-Park sind, dreh'n sich alle Menschen nach uns um.- Sind de Schuhe noch am Abend fertig geputzt, bring' ich und de Kinder se zu den Kunden. Jst's nicht zu spät, lauf' ich noch ein Endchen spazieren mit den Kindern, oder wir sehen uns in de Kalverstraße de Läden an. Das ist ein großes Vergnügen, kost' nischt und man bleibt gesund dabei. Wird's dann so zehn Uhr, dann schließt Isaak sein Keller, setzt seine Schlafmütze auf, umarmt Frau und Kinder nochmals und sagt, wenn er's Licht ausbläst: „Gott sei Dank, wieder ein Tag, wo ich mein Brod verdient Hab! Nu, gute Nacht, schlaft Alle wohl!" Dev *3 di n örfi c tt. «k4* Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Schluß.) Der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Es war an einem Sabbat. Feiwel hatte sich, wie er zu thun pflegte, nach dem Mittagessen ein wenig zum Schlafen hingelegt, während Selma, wie es ihre Gewohnheit war, in einem übersetzten Pentateuch die Sidrah las, die am Morgen aus der Thora vorgelesen worden war. Andächtig las sie die Worte der heiligen Schrift und dachte über das, was fte gelesen, ernsthaft nach. In ihr regte sich der Gedanke, wie herrlich jene Zeit gewesen sein müsse, da das Heiligthum in Jerusalem noch stand und Priester und Leviten wetteifernd den Dienst des Herrn versahen, da täglich, morgens und abends dem Gotte Israels ein Opfer dargebracht wurde. Sie sah im Geiste die ehrfurchtgebietende Gestalt des Hohepriesters den Dienst im Allerheiligsten versehen und ihren Lippen entrangen sich die Worte: „Wann, o unser Gott, wirst Du Dein Heiligthum wieder errichten, Deinem Volke die Verheißung erfüllen, an die es heute noch so felsenfest glaubt? Wirst Du diese Glaubenstreue belohnen und bald die Zeit anbrechen lassen, auf welche Dein Volk so sehnsüchtig harrt?" Ihr Auge blickte träumerisch in die Ferne und zu Tode erschrocken fuhr sie auf, als leise an die Stubenthüre geklopft wurde. Rasch eilte sie zur Thüre, öffnete dieselbe und fragte leise: „Wertst da?" Aber erschrocken fuhr sie zurück, als Albert vor der Thüre stand und ins Zimmer eintretend fragte: „Störe ich?" Selma konnte keine Antwort geben. Ihr Herz klopfte hörbar; sie befürchtete jeden Augenblick den Vater erscheinen zu sehen. Albert belustigte sich über die ängstliche Miene des schönen Mädchens. Spottend fragte er: „Kann ich Ihren Vater sprechen, Fräulein Selma?" „Mein Vater schläft jetzt," sagte Selma noch immer ängstlich. „Desto besser," entgegnete der junge Mann, „so erlauben Sie mir, hier zu warten bis er aufwacht." Selma nickte mit dem Kopfe und Albert nahm auf einem Stuhle am Tische Platz. Vor ihm lag das Buch, in welchem Selma gelesen hatte. Neugierig nahm er es zur Hand und sagte: „Darf man einmal sehen, was Sie lesen?" Selmas Antlitz wurde feuerroth. Sie sagte: „Es ist ein altes Buch; was sehen Sie daran?" „Ihre Lcctüre interessirt mich, darf ich?" „Gewiß." Er blickte in das Buch und wie ein freudiger Blitz zog es über sein Antlitz. Er sah seine, seit fünf Jahren verstorbene Mutter wieder vor sich. Auch sie pflegte an jedem Sabbat im jüdisch-deutschen Chumisch zu lesen und als er noch ein Knabe war, las er stets eifrig mit und erfreute die Mutter mit seinen Bemerkungen, die er in der Schule gelernt und nun zu dem betreffenden Abschnitt der Mutter mittheilen konnte. Seine selige Kindheit ging an seinem Geiste vorüber und stimmte ihn wehmüthig. Neben ihm saß die Geliebte seines Herzens in

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