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Der Israelit · 1894-10-12 · Heft 80-81 (12.10.1894) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 80-81 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
– (sequence 29)
Language
German
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1521 Wenn de Papiere steigen, der Andere liegt wach, wenn se fallen. B'hüt soll man werden! Für mich sind se natürlich de besten Kunden. Weißt de warum? Se sind eigentlich Spieler und abergläubisch. 's ist wahr, was ich hier sag'; bei mein Leben, abergläubisch! — Ich Hab' so meine feste Kundschaft, 's sind auch Leute von meiner Nation dabet. Auf die geh' ich zu, wenn se auf de Börse geh'n, und sag': „Gott laß Se gesund, mein Herr, 'ne gute Börse werde Se haben. Denken Se dran daß es Isaak gesagt hat!" Kommen se denn zurück, denn seh' ich, was für'n Gesicht se machen. Ist e8 lang — nu, denn haben se verloren, und ich halt' mein' Mund. Sehen se sich aber lächelnd um, nedm'n se ihr Zigarrenetui heraus — dann läuft Isaak schnell hin, nimmt ein Zündhölzchen und sagt: „Bitte, mein Herr, anstecken! — Hab' ich's nicht gesagt, Se werden gute Geschäfte machen? Ja, ja, Isaak weiß das wohl!" Dann gehen se über ihr Portemonnat und geben ein oder zwei Kwartjes. Warum? Nu, weil Isaak den andern Tag wieder 'n gutes Geschäft wünschen soll. Weißt de, für'n guten Wunsch sind se dankbar, und för'n Fluch sind se ängstlicher, als vor zehn Dragoner. Nach der Börsenzeit ist's beste Geschäft vorbei. Ab und zu putze ich noch dem Einen oder 'm Andern de Stiefel, aber mein Hauptfach ist nu, de Omnibusscheine. Hin und wieder besorge ich auch einen Weg vor Leute aus de Nachbarschaft. Hab' ich Zeit, wenn de Wache abgelöst wird, dann setz' ich mich ans Monument und seh' zu. Das langweilt Isaak nie, das heitert ihn auf, denn wenn ich de Bauernlümmels in Soldatenkleider seh', denn muß ich lachen, ob ich will oder nicht. De Offiziere sind propre Leute, da ist nichts drauf zu sagen, aber die Andern — au weh, au weh, wie 'ne Sorte! Und wenn Isaak noch so melancholisch ist, sieht er de Wache abtreten, muß er lachen. Ich Hab' schon oft gedacht, 's doch komisch, daß die anderthalb Soldaten vor'm Palais auf dem Damm die Hauptwache von Amsterdam bilden soll. Nu, 's ist vielleicht grade genug, um's Palais zu bewachen, und das wird's wohl auch sein! 's ist ein schönes Gebäude, und's wär' schade, wenn se's fortschleppten. Ob se's gut bewachen? Nun probir's mal, über die kleinen Steinchen, die vor'm Palais gepflastert sind, zu laufen! Sofort kommt ein Krtegsmann auf dich zu, hält dir's Bajonett vor'n Leib und ruft: „Hallo! marsch! runter von de kleinen Steinchen!" Ich Hab mich halb narrisch gedacht, was denn eigentlich für Rares dran ist, daß man nicht drauf laufen darf. Ich Hab' dran gerochen, gefühlt, ja sogar dran geleckt — aber nichts Besonderes bemerkt, 's..sind ganz gewöhnliche Steinchen, wie alle andern auch! Wenn ich noch so'a Bischen sitzen bleib', seh' noch manches, das ich erzählen könnt' — wenn ich wollt, und Mancher möcht' sich wundern, wenn er wüßte, was Isaak weiß! Da hast de unter Andern die schönen Dämchen mit Hüten auf dem Kopf, so groß wie der halbe Damm. Ganz in Atlas gekleidet, elegant! Und Mäntel von Sammet und Seide. Kleider tragen se, daß 'n Menschen Angst wird, mit Schleppen vier Ellen lang, 's ist, als ob's nischt kostet, denn se fegen de Straße damit. Riechen kannst de se schon von Weitem, 's feinste Parfüm gebrauchen se! Ich sag' dir, Nelkenöl und Muskat ist nischt dagegen. Hin und wieder drehen se sich links, rechts, rechts, links, immer die Schleppe hinterher. Fegst de nischt, hast de nischt! Weißt de, was Isaak dann denkt? — Nu, erdenkt: „Geh' nur Deinen Weg, schöne Madame, fegst De heute mit de Schleppe de Straße, über's Jahr fegst Du se mit'n Besen, um ein Stückchen Brod zu verdienen." Bei mein Gesund, ich Hab' verschiedene gekannt. denen es so gegangen ist. Erft seh'a se Isaak nicht an, und später? — Nu, denn steht Isaak sie nicht an, es müßte denn grade sein, um seinen Kopf über sie zu schütteln. So geht der Tag zu Ende. Za verdienen gibt's nun auf dem Damm nichts mehr, denn gegen Abend lassen de Leute ihre Schuhe nicht mehr putzen. Abends geh' ich nach Haus. Gott sei Dank, gewöhnlich mit'n paar Gulden in der Tasche. Meine Frauleben wart' schon mit'n Essen auf mich — d. h. wenn se noch vom vor'gen Tag ein paar Cents hatte, wofür se kochen konnte. Ich kann der versichern, daß ich Hunger mitbringe. Und das ist gut, denn wenn man Hunger hat, schmeckt Kohl mit Kartoffel ebenso gut, wie ein Beefsteak aus dem „Port van Cleef". Ich hab's zwar nie gekostet, aber nach dem, was de Menschen von machen, muß es 'ne Delikatesse sein. Wenn ich reich werde, will ich's mal probiren — jetzt mach' ich's vorläufig billiger. In meinem Keller wartet inzwischen ein ganzes Regiment Schuhe und Stiefel auf meine Bürste. Die sind von Leuten, die früh Morgens anfstehen müssen! — Dann setzen wir uns Alle zusammen. Ich putz', meine Frau putzt, mein ältester Junge, der tagsüber mit Mandeln und Cocosnüffen hausiren geht, und der zweite, Simon, und Bramm putzen auch. Mohr schmiert de Schuhe ein und meine jüngste Tochter paßt auf den kleinen Sampie. So verdient Isaak Abends auch noch was. Alle Bischen helfen. Jeder thut seine Pflicht, und mein Frauleben nicht am wenigsten. Spaß hat' se zu thun! Und du sollst nur de Wäsche seh'n, die se auf Schabbes wäscht! Und Schabbes sind wir fein.

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