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Der Israelit · 1894-10-12 · Heft 80-81 (12.10.1894) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 80-81 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
– (sequence 28)
Language
German
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1520 gräbniffe herüber. Nebbich! — Bei mein Leben, wenn de so oft und so lange Zeit, wie ich hier stehe, da wärst, könnst de de Klaffen gut unterscheiden. Denn es sind zwei Sorten von Begräbniffen, weißt de? Erstens von de Sterbekaffe und zweitens von de Partikultere. Die von der Kaffe begraben werden, mit denen rennen se über den Damm, gerade, als ob se sich trauen laffen, oder als ob se sagen: „schnell nur, nach dir fahren wir noch zwei andere!" Und wie sie angezogen sind — mit ein' Wort: schofel, und Gesichter machen sie, wo de von ablesen kannst: angemiethetes Werk. Bei de Partikuliere ist's ganz anders. So'n Begräbniß ist vornehm, langsam fahren se, de Leichenbttter laufen gravitätisch mit gebeugte Häupter. Denkst de, aus Mitleid? Keine Spur! sie rechnen aus, wie viel Trinkgeld se im Sterbehaus kriegen werden." Isaak guckt so auch mal in de Kutschen, die nachfahren. Und weißt de, was er da sieht? Ich werd's dir sagen. In den meisten Kutschen sitzm bürgerliche Leute, auf deren Gesichtern steht: Da ist wieder einer aus seinem Leiden. Ach ja! die armen Leute dürfen dem Tod in die Augen sehen. Bet den Reichen grade umgekehrt! Die machen ängstliche Gesichter, weinen, denn se haben was zu verspielen, und denken, am waih, am waih, die Reihe kann auch bald an mich kommen. Siehst' de, das haben wir armen Leute doch den Reichen voraus — 'S fällt uns nicht schwer, zu scheiden aus unfern leeren Wänden. Nu ist's bald elf Uhr, dann kommen de Auswärtigen, das ist fette Brühe für Isaak, da fällt wohl mal was extra ab. Wie? Nu ja, der Bauer ist nur ein halber Mensch, und wenn de den nicht zu fassen weißt, wen willst de denn? — Kürzlich kommt ein Bauer, so ein rechter, mit offenem Mund zu mir hin. „Putzen, schön machen, abbürsten?" ruf' ich. „Nein, Jude," sagt er. „Wenn De Dich häfl putzen laffen, hätt' ich Dir mein' Segen gegeben," sage ich. Da fängt er schrecklich an zu lachen, ich lach' auch. Heißte Bauer! Er geht ein paar Mal den Damm auf und nieder, kommt dann wieder zu mir und sagt: „Kannst De mir sagen, wo von Gend und Loos wohnt?" „Ob ich's sagen kann? Warum nicht, warum soll ich's nicht sagen können?" „Nu denn sag's doch!" „Wenn Du mir ein Kwartje giebst. Für was hörst de was. Kannst mich doch auch was verdienen lassen für meine Zettversäumniß. Ich Hab' auch Frau und Kinder." Fängt der Lümmel wieder an zu lachen und sagt: „Ich werd' Dir ein Dübbelje geben." „Ein Kwartje," sag' ich „Ein Dübbelje" er. „Ich kann nicht für 'n Dübbelje, Bauer, wahrhaftig, es kost' mir eingekauft mehr." Endlich geht er über seine Tasche und giebt mir ein Kwartje. Gott soll ihm sein Athem behalten laffen! Ich steck' mein Kwartje in de Westentasche und sag: „Dreh Dich nur um, Alter, denn De stehst grade vor's Geschäft von Gend un Loos." 's war bei mein Leben zwei Kwartjes werth, um zu sehen, was der Bauer für'n Gesicht gemacht hat. Au weh, hat der geschimpft. Nebbich, wenn er hätte lesen können, wär's ihm nicht passirt. Spaß, hat er mich ausgescholten! Und ich? Weißt de, was ich qethan Hab'? Ich Hab' mir mit's Kwartje das Ohr zugehalten und Hab' ntscht geantwortet. Warum sollt' ich auch? — Wir haben doch alle Beide unseren Willen gehabt. Zwischen elf und zwölf Uhr Hab' ich immer viel zu thun, da kommen die Kunden, die sich putzen lassen, um zur Börse zu gehen. Wenn de Börse um ein Uhr geöffnet wird, nehme ich meinen Kasten und geh' zur Börse, 's ist ein schönes Gebäude. De Außenseite — de meinst Wunder was, aber von hinten? Au weh, wie die Arche Noah! In de Zeitungen schreiben se, binnen Kurzem soll 'ne neue Börse kommen, d. h. wenn se Geld genug haben. Wie 'ne Dummheit von de Amsterdamer, se verdienen doch Geld auf de alte. Sie sollen nur vorsichtig sein! 's ist besser, daß von der alten Börse was in ihre Börse kommt, als daß erst aus ihrer Börse eine neue Börse kommen muß. 's ist zwar meine Sache nicht, aber Isaak sagt gern, was er denkt. Nu ist's zwei Uhr. Um diese Zeit kommen de Spekulanten, die in Effekten machen. Au weh, wte'n Geschäft! Wer Vater und Mutter geschlagen hat, ist noch zu gut dafür, in Papier zu handeln, die auf und nieder gehen. Wie 'n Geschäft! W:e im Fieber laufen de Menschen und gucken mit ängstlichen Augen in de Luft. Und das nennen se „bequem" Geld verdienen! Stuß, 's ist ein sauer Stück Brod. Isaak tauscht nicht mit die Leute. Wenn ich mein Tagewerk vollbracht Hab' und Nachts in meinem Keller zu Bett lieg', geb' ich mein Mameleben noch ein' Nachtkuß, deck' Sampt, der sich immer aufdeckt, noch zu und denn: gute Nacht! Dann schlaft Isaak wie 'ne Ratte in einem Zuge durch, bis er wieder 'raus muß. Aber die Effektenmenschen? Zitternd bringen se de Nacht durch. Der Eine kann nicht schlafen,

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