Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1894)
- Date
- 1894-10-04
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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1490 Ktnderzimmer, stellte es auf den Boden und als er sah, daß es ihm nichts geschadet hatte, sagte er zu den Geschwistern: „So, jetzt führt uns zu Euren Eltern." Mittllerweile war die Mutter auch aus ihrer Ohnmacht erwacht. Als sie ihren Knaben unversehrt an der Hand des Fremden sah, stürzte sie auf ihn zu, hob ihn auf ihren Arm, umschlang und küßte ihn und ries: „Mein Kind, mein Sohn, Hab ich Dich wieder! Gepriesen sei Gott der Herr, der Dich errettet vom sichern Tod." Und sich an den Fremden wendend sagte sie: „Und Ihnen, mein Herr, wie soll ich Ihnen danken, daß Sie mir meinen Liebling wiedergebracht haben, gesund und heil, wie er mich vor einer Weile verlassen; welche Belohnung können wir Ihnen geben, die dem Dienst entspräche, den Sie uns geleistet haben? Komm her, mein Mann, frage Du den Lebensretter unseres Kindes; sage auch Du ihm Deinen Dank." Beit trat jetzt näher heran. Er war bleich wie der Tod; seine Zunge klebte ihm am Gaumen fest, er konnte keinen Laut hervorbringen, als er den Mann erkannte, der ihm sein Kind gerettet hatte, dem er zu großem Danke verpflichtet war. — Es war sein Feind, der vor ihm stand, und der jetzt bittenden Tones sagte, indem er ihm die Hand entgegenstreckte: „Kannst Du mir jetzt verzeihen? Wiegt das, was ich heute gethan, nicht die Schuld auf, die ich an Dir begangen habe? Laß Deine Verzeihung mein Lohn sein, vergieb und vergiß, was ich Dir gethan, denn ich habe bitter bereut, daß ich mich so an Dir vergangen habe. Komm, reiche mir die Hand zur Versöhnung —" Beit trat einen Schritt zurück, blickte den Retter seines Knaben mit düsterem Blick an und sagte: „Nie kann davon zwischen uns die Rede sein. Sie haben mir mein Kind gerettet. Verlangen Sie als Lohn dafür was Sie wollen, wenn es in meiner Macht steht, es Ihnen zu gewähren, soll es geschehen und wenn Sie die Hälfte meines Vermögens fordern, es soll Ihnen nicht verweigert werden. Nur verlangen Sie nicht, daß ich vergeben soll, daß ich vergessen soll, wie Sie sich an mir und an unserer Freundschaft versündigt haben; ich könnte es nicht." Traurig, mit Thränen in den Augen ließ der Mann die ausgestreckte Hand sinken und sagte mit bebender Stimme: „Hermann, sei nicht hart, nicht unversöhnlich. Genügt i es Dir nicht, daß ich so als Bittender vor Dtitzstehe?" Jetzt mischte sich auch seine Frau ein. Sie legte ihren Arm um den Nacken ihres Mannes, sah ihm bittend in die Augen und sagte: „Hermann, verzeihe ihm um deswillen, was er heute an uns gethan; sieh, unser liebes Kind läge, wenn er es nicht ausgefangen hätte, jetzt vielleicht mit zerschmettertem Haupte und gebrochenen Gliedern auf der Straße. Und nun steht es unversehrt neben Dir; reich ihm die Hand, vergieb und vergiß. Das Edelste, das Größte, was der Mensch thun kann, ist ja, seinem Feinde verzeihen; Gott hat uns vor großem Leid bewahrt — sei gut und erfülle seine Bitte." Beit kämpfte einen furchtbaren Kampf. Die Bitte seiner Frau machte ihm die Entscheidung noch schwerer. Man sah es seinem Gesichte an, wie erregt sein Inneres war. Endlich sagte er, sich gewaltsam zwingend: „Nein, mein Kind, ich kann es nicht. Möge Gott ihm vergeben, ich kann es nicht." Ehe noch ein Wort erwtedert werden konnte, war er in der Thüre, die zum nächsten Zimmer führte, verschwunden. Die Mutter wollte ihm nacheilen, doch hielt sie der Retter des Knaben zurück, indem er sagte: „Lassen Sie ihn. Ich habe schwer an ihm gesündigt; vielleicht lenkt der Allmächtige noch sein Herz, daß das Band der Freundschaft, das uns früher verband, aufs Neue geschlossen werde. Bis dahin, leben Sie wohl und möge Gott Sie und die Ihrigen ferner schützen und vor jedem Kummer bewahren." Er reichte seine Hand hin, welche die dankbare Mutter ergriff und an die Lippen führen wollte, was er jedoch nicht zuließ. „Nochmals Dank, tausend Dank, mein Herr. Möge es Ihnen genügen ein Mutterherz glücklich gemacht, eine glückliche Mutter zu ewigem Danke verpflichtet zu haben. Wie leid thut es mir, daß „Lassen Sie nur, lassen Sie —" Mit diesen Worten entfernte sich der Mann, der soeben ein junges Menschenleben gerettet hatte. Er stieg sinnend die Treppe hinab. Wie rächten sich die leichtsinnigen und bösen Thaten seiner Jugend! Ja, er hatte gesündigt und all sein Mühen, Vergebung zu finden, war umsonst. Der Tag der Versöhnung kam immer näher und wenn ganz Israel sich mit seinem Gotte an diesem hehrsten aller Tage versöhnen konnte — für ihn brachte er keine Versöhnung, denn er, an dem er sich versündigt hatte, war unversöhnlich. Traurig richtete er seine Schritte nach seiner Wohnung und seine Lippen murmelten das Sündenbekenntnis chotosi, owisi, poschati! Hermann Beit war erschöpft auf das im