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Der Israelit · 1894-10-04 · Heft 79 (4.10.1894) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 79 (4.10.1894)
Date
1894-10-04
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1491 Nebenzimmer stehende Sopha gesunken. Er stützte den Kopf in seine Hände; es that ihm wehe gegen den Mann, der ihm sein Kind vom Tode gerettet hatte, so hart gewesen zu sein, aber es war Grundsatz, er hatte sich selbst das Wort gegeben und seinem Worte war er noch nie untreu geworden. Aber der Fleck an der Reinheit der Seele! Warum mußte sein Söhnchen auch gerade an dem heutigen Tage diese Erzählung bei Tische mit- Lheilen! Wollte er nicht auch an dem bevorstehenden Jom hakipurim mit beflecktem Seelengewande vor seinem Richter erscheinend Aber durfte er anders? Hatte er sich nicht zugeschworen, ewig unversöhnlich seinem Jugendfreund gegenüber zubletben? Mußte er nicht diesen Schwur haltend Durfte er meineidig werdend Gab es eine Lösung für einen solchen Eid? Nicht? Oder doch? Gab es denn kein kolniäre — ein Gebet, in welchem alle derartigen Schwüre, die wir zum Schaden unseres Nächsten oder zum eigenen Verderben uns selbst geleistet haben, gelöst, alle in der Uebereilung oder in der Leidenschaft uns selbst in Banden legende Gelübde aufgehoben und wir van der Erfüllung dieser Eide und Gelübde frei gemacht werden? Galt dieses koluiärs-Gebet nicht auch seinem Schwur? Machte es dem gewissenhaften Manne, dem jedes Wort ein Eid, jedes „ja" und „nein" ein Gelübde ist, die Versöhnung nicht möglich? Ja, Gottlob, das kolviäro Gebet löst solchen Eid und enthebt ihn der Grausamkeit, unversöhnlich zu sein, seinem Feinde den Weg zur Versöhnung abzuschnetden und macht es ihm möglich selbst fleckenlos vor seinem Richter zu erscheinen. Befreit atmet er auf. Da schlägt sein treues Weib, das leise zu ihm hereingetreten war, seinen Arm um seinen Nacken und mit ihrer süßen Stimme sagte sie: „Hermann, mein Hermann, was ist Dir? Weinst Du?" Und sein Söhnchen, das sich an seine andere Seite schmiegte, sagte: „Papa, der fremde Mann hat geweint und gesagt, seine Thränen würden Dich brennen. Nicht wahr, sie brennen Dich nicht?" Und der Knabe küßte in zärtlicher Liebe die Hand des Vaters und schaute in kindlichem Gebühren zu ihm auf. Langsam nahm Beit die Hände von seinem Antlitz und blickte seine Frau an. In seinen Augen standen Thränen und er schämte sich deren nicht. „Wo ist unser Kind?" fragte er. Die Mutter holte jetzt das gerettete Kind herein und setzte es auf den Schoß des Vaters. Dieser bedeckte es mit seinen Küssen und liebkosete es fortwährend. Gerührt ließ ihn sein Weib gewähren. Endlich aber sagte sie; „Hermann, Du warst hart; Du hast dem Unrecht gethan, der Dir Dein Kind gerettet: Willst Du strenger und gerechter sein als haschem jisborach, der dem Sünder Vergebung zustchert, wenn er sein Unrecht erkennt, es bekennt und Besserung, Rückkehr von den bösen Wegen verspricht? Das ist eine Ueberhebung, eine a^eroh, die der liebe Gott schwer strafen wird. Warum hast Du ihn, der Dir Dein Liebstes gerettet, so fortgehen lassen? Deine reine Seele hast Du damit befleckt und der Jom hakipurim wird für Dich ein Tag sein, dem Du mit Angst entgegensehen mußt. Geh', söhne Dich mit ihm aus, vergieb ihm, wenn Du wünschest, daß Gott Dir vergeben möge." Sie bat so dringend, ihre Augen blickten so flehend auf den Vater ihrer Kinder, daß die Eisesrinde, mit welcher er fein Herz umgeben hatte, schmolz und er mit bebender Stimme sagte: „Es sei!" — Der Versöhnungstag mit seinen heiligen Schauern war gekommen und zum ersten Male seit Jahren standen die Feinde und Freunde versöhnt neben einander im Gotteshaus Versöhnung erflehend, Vergebung heischend von dem allmächtigen Vater im Himmel. Der Vorbeter hatte gerade das heiligste Gebet des Tages, das unsane tokef begonnen und flehte in den lieblichsten Weisen zum Richter der Erde um Vergebung für sich und seine Gemeinde. Kein Auge war thränenleer. Zerknirscht beugte jeder sein Haupt von der Größe und Weihe des Augenblicks und erleichtert atmete jeder auf bei dem Rufe: Useschuwoh utefilloh uzedokoh maawirin es raua hageseroh.* — Da tönte ein Schrei durch die Stille des Gotteshauses, ein Fall wurde gehört. Beit drehte sich erschrocken um und sieht seinen Nachbar leblos neben sich. Rasch hebt er ihn mit Hilfe eines anderen Herrn aus und trägt ihn aus dem Gotteshause in ein Zimmer. Ein jüdischer Arzt, der in der Synagoge anwesend war, bemühte sich um den Leblosen, das entflohene Leben zurückzurufen — vergebens. Gott hatte diese Seele vor seinen Richterstuhl gefordert und keine menschliche Kunst vermochte sie aus jenen Höhen zurückzurufen, da die Majestät des Allgewaltigen thront. — Schon nach kurzer Zeit wußte jeder, was geschehen war. Die Majestät des Todes übte auch im Gotteshause ihren Einfluß. Niemals stiegen inbrünstiger die Gebete zu Gott empor als an jenem Versöhnungstage in jener Synagoge. Wie glücklich war Beit, daß er sich mit seinem Freunde versöhnt hatte, daß er sich keinen Vorwurf *) Buße, Gebet und Wohlthunr lassen jedes böse Verhängnis vorüberziehen.

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