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Der Israelit · 1894-10-04 · Heft 79 (4.10.1894) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 79 (4.10.1894)
Date
1894-10-04
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1488 ’".llIIU»*llll!ll»J! .IW.HW GotteS, wie eine Mahnung des Richters der ganzen Erde, nicht trotzig auf seinem Rechte zu bestehen, sondern zu vergeben und zu vergessen: er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, und blickte zufällig auf seine Frau, die ihn freundlich lächelnd ansah; er neigte kaum merklich sein Haupt und sie verstand ihn. Das Mittagsmahl war vorüber, das Tischgebet gesprochen und die Kinder begaben sich in das Kinderztmmer, während die Eltern ein Stündchen der Ruhe pflegen wollten. Kaum waren sie jedoch allein, als Frau Beit begann: „Nun, Du wolltest mir doch die Ursache der Feindschaft zwischen Dir und M. mittheilen. Nicht wahr, Du erfüllst meine Bitte und vergiebst ihm und vergissest, was er Böses Dir gethan." „Du verlangst mehr, als ich Dir gewähren kann. Deinethalben will ich, wenn Du gehört hast und mir dazu räthst, vergeben; vergessen werde und kann ich nie." „Nun, wir werden ja sehen, erzähle." Beit zündete sich eine Cigarre an, blies die Rauchwolken vor sich hin und begann: „Wir waren Freunde von unserer Kindheit an. Brüder konnten nicht mehr zusammenhalten als wir. Jede freie Minute waren wir beisammen, jeden Pfennig, den wir erhielten, theilten wir miteinander. Wir traten beide als Lehrlinge in dasselbe Geschäft ein. Ich wurde hauptsächlich auf dem Comptoir beschäftigt, während er auf dem Lager Verwendung fand. Unser Prinzipal war mit unseren Leistungen so zufrieden, daß er uns einen Theil unserer Lehrzeit schenkte und uns als Commis in seinem Geschäfte anstellte. Wer war glücklicher als wir! Obschon unser Gehalt kein großer war, verdienten wir doch so viel, daß wir unsere nothwendigften Bedürfnisse bestreiten konnten. Ich war sehr sparsam, und was ich mir erübrigen konnte, verwandte ich zu meiner Fortbildung. Er jedoch gab sein Geld für Dinge aus, die er wohl hätte entbehren können. Er ging stets sehr gut gekleidet und war im Besitz von Luxusgegenftänden, die man bei Kindern reicher Leute zu finden gewohnt ist. Und seine Eltern waren arm. Er trat in einen Club ein, dessen Mitgliedschaft vieles Geld kostete, kurz er führte ein flottes Leben. Wenn ich ihm Vorwürfe darüber machte, war er stets zerknirscht und versprach mir alles, was ich wollte, um in der nächsten Stunde sein Versprechen vergessen zu haben. Als ich sah, wie wenig ich seinen Versprechungen trauen konnte, zog ich mich immer mehr von ihm zurück und überließ ihn seinen neuen Freunden. Bald spielte er eine Rolle unter den jungen Leuten und war tonangebend in unserem Bekanntenkreise. Hie und da kam er auch zu mir aufs Comptoir und brachte mir Einladungen zu Tanzkränzchen, zu Abendunterhaltungen, Concerten rc. Da starb unser alter Casstrer und trotz meiner Jugend erhielt ich die gut dotierte aber verantwortungsvolle Stelle. Mit der Uebernahme dieses Postens gab es viel Arbeit für mich. Die Casse und die Bücher mußten revidirt werden. Bei dieser Revision half er mir und wir fanden alles in Ordnung. Unser Prinzipal wünschte, daß ich beim Geschäft wohne. Er ließ mir ein hübsches Gar^onlogis einrtchten und ich bezog diese Wohnung. „In jener Zeit lernten wir ein junges Mädchen lernen und entbrannten beide in heftiger Liebe zu ihr. Ich war so glücklich von ihr wtedergeliebt zu werden; während er wähnte, er sei der Bevorzugte. Fast schien es, als ob diese Liebe bessernd auf ihn einwirke, denn er wurde solider und schloß sich wieder enger an mich an. Wir hatten Eintritt itt ble Familie unserer Geliebten gefunden und verbrachten in diesem Kreise gar manchen vergnügten Abend." Er schwieg und nickte wie in seliger Erinnerung mit dem Haupte, während er die Hand seiner Frau ergriff und sie in der seinen festhkelt. „Es waren schöne Abende! Dein seliger Bruder wußte von dem Schatze seines reichen Wissens freigebig mitzutheilen und wir wußten seine Gaben zu würdigen. Nicht so jener. Unsere Unterhaltung konnte ihn für die Dauer nicht fesseln; er hatte kein Interesse für die heiligen Lehren unserer Religion und er wäre schon jetzt sortqeblteben, hätte ihn die Liebe zu Dir und die Hoffnung, Dich zu gewinnen, nicht immer wieder herbeigezogen. Schon damals hatte er die Sabbat- und Spetsegesetze verletzt; und er hatte nicht den Muth, die Consequenzen daraus zu ziehen. „Da lernte er eine junge Schauspielerin kennen, die es verstand, seiner Eitelkeit zu schmeicheln und ihn auf Abwege zu führen. „Nochmals warnte ich ihn, als ich davon erfuhr, es war vergeblich. „Eines Tages war die Schauspielerin verschwunden und hatte eine Menge Schulden htnterlaffen, für die er gut gesagt hatte." „Sein Gehalt reichte nicht aus, die Gläubiger drängten, und wollte er nicht mit dem Gericht Bekanntschaft und sich selbst in seiner Stellung unmöglich machen, so mußte er zahlen. Er arrangierte sich mit seinen Gläubigern und gab ihnen Wechsel — mit meiner Unterschrift." „Großer Gott!" rief die Frau. „Du kannst Dir denken, wie bestürzt ich war, als mich mein Prinzipal eines Tages in sein Privatcomptoir rufen ließ und mir Papiere zeigte mit

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