Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1894)
- Date
- 1894-10-04
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1487 an dem ganz Israel sich vor seinem Schöpfer hinkniet, um Versöhnung zu bitten für ihre Seelen. Aber der heilige Tag sühnt nur Vergehen, die sich der Mensch Gott gegenüber zu schulden hat kommen lassen; jedoch Vergehungen zwischen uns und unseren Mitmenschen finden bei Gott nicht eher Vergebung als bis der Geschädigte Genugthuung erhalten und sich mit uns versöhnt hat. Wie schwer mußte das Vergehen auf seinem Feinde lasten, daß der stolze Mann es über sich gebracht, seine Verzeihung zu erbitten. Wie mußte ihn sein Gewissen gequält haben, daß er, für den es sonst weder Sabbat noch Versöhnungstag gab, jetzt an diesen hochwichtigen heiligen Tag erinnerte und sich zu dessen würdigem Empfang vorzubereiten gedachte! War das vielleicht eine Fügung des Himmelst Wollte er wirklich zurückkehren auf den richtigen Weg, den unsere heilige Religion uns zu wandeln lehrt? Durste er ihm durch seine Unversöhnlichkett diese Rückkehr verschließen? Suchte er nicht selbst Vergebung seiner Sünden bei Gott und Versöhnung mit dem ewigen Richter der Erde am Versöhnungstage? Wie durfte er Vergebung und Versöhnung bet Gott erwarten, wenn er selbst unversöhnlich war? Nervös flog der Bleistift über das Papier. Zug reihte sich an Zug, endlich nahmen die regellosen Striche Gestalt an und ohne daß er sich dessen bewußt stand das Wort ,.8o!a6Üti" *) vor ihm. Starr blickte er die Zeichen an, unbewußt sprachen seine Lippen es aus. Da sprang er auf, stampfte mit dem Fuß auf den Boden und rief: „Nein, nein, niemals!" Neugierig blickten die jungen Leute auf ihren Prinzipal, der ihnen allen heute unbegreiflich erschien und sie waren alle froh, als die Mittagsstunde erschienen war und sie das Comptor verlassen konnten. Auch Beit verließ die Geschäftsräume und ging nach Hause. Er war der freundliche, liebenswürdige Mann und der zärtliche Gatte und Vater wie immer, denn seine seelische Ruhe war wiederhergestellt, er war zu einem Entschluß gekommen und dieser Entschluß lautete: „Nein, nein, niemals!" Zärtlich umschlangen ihn, als er nach Hause kam, die weichen Arme seiner Frau, glücklich boten ihm die Kinder ihre Lippen zum Kusse dar, denn des Vaters Mismuth war verflogen, er war wieder wie sonst, froh und glücklich im Kreise seiner Lieben. *> Ich habe.verziehen. In heiterer Weise verging das Mittagsmahl. Die Kinder erzählten, was sie in der Schule gelernt hatten und gaben auf die Fragen des Vaters wetteifernd Bescheid. Was die Kleinen nicht wußten, ergänzten die Großen und was diesen entfallen war, oder was sie nicht verstanden hatten, das erklärte ihnen der Vater noch einmal und befestigte so das, was die Schule den Kindern gab. Da sagte einer der Knaben: „Vater, unser Lehrer hat uns heute eine schöne Geschichte erzählt." „So"? erwiederte der Vater, „und Du Haft gut aufgemerkt und kannst sie wtedererzählen?" „Ja, Vater." „Nun, so laß hören." Und der Knabe erzählte: „Ein sehr reicher und frommer Mann war gestorben und seine Seele kam vor Gottes Thron und wollte Rechenschaft ablegen über das, was sie während der Zeit ihres Erdenlebens Gutes oder Böses gethan hatte. Sie war, wie das bei allen frommen Seelen der Fall ist, in ein rein weißes Gewand gehüllt, von dem der Glanz der Gottheit wiederstrahlte. Kein noch so kleines Fleckchen war zu sehen, denn keine Sünde hatte während ihres Erdenlebens ihre Reinheit getrübt, und schon wollten sie die Engel als eine der ihrigen in ihren Kreis aufnehmen, wo sie in Ewigkeit die Majestät Gottes schauen und die Freuden des Himmels, die ewige Seligkeit genießen sollte. Aber vor dem Auge des Allmächtigen bleibt nichts verborgen. Ganz unten, am Saume des Gewandes befand sich ein kaum sichtbarer Fleck, der trotz aller Mühe, die man sich sichtbar gegeben hatte, ihn zu entfernen, nicht ganz wegzubringen gewesen war. Das Auge Gottes fiel auf diesen Fleck und zusehends wurde er größer und dunkler. Bestürzt wichen die heiligen Engel vor der armen sündigen Seele zurück und eine Stimme rief: „Du hast einem Bruder, der Dich um Vergebung anflehte, die Verzeihung versagt und dadurch einem meiner Kinder, die Rückkehr zu seinem himmlischen Vater verschlossen; wie kannst Du erwarten, das Du Aufnahme findest beim Allbarmherzigen! „Und beschämt schlich die Seele weg vor dem Throne Gottes und ewige Reue durchzitterte sie; sie hatte das Glück der Seligkeit verscherzt und keine noch so gute That vermochte den Fleck zu verwischen, den die Unversöhnlichkett hinterlaffen hatte. Darum müssen wir am „Jom hakipurim" uns zuerst mit unseren Nebenmenschen versöhnen, ehe wir von Gott Versöhnung erwarten dürfen." Der Vater hatte seinem Sohne aufmerksam zugehört. Es erschien^ ihm .fast wie eine Fügung